Schwarzweißes und Philosophisches in Erfurt

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Vielleicht liegt es am eigenen Alter, dass mich die hier gezeigten Fotografien so überzeugt haben. Vielleicht ist es aber auch mehr als das. Die Erfurter Kunsthalle hat es jedenfalls vollbracht, nicht nur eine herausragende Schau westdeutscher Fotografie von 1945 bis 2000 zu präsentieren, sondern sie hat damit auch einen Querschnitt modernen fotografischen Denkens gezeigt. Dass die digitale Fotografie dabei außen vor bleibt, trägt zum Niveau der Ausstellung bei. Die Konzentration liegt auf dem Analogen und Schwarzweißen als Höhepunkt der klassischen Fotografie.

Die gezeigten Werke stammen aus der Privatsammlung Schupmann und spiegeln, wenn auch ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die große Bandbreite anspruchsvoller Fotografie jener Jahrzehnte wider. Diese reicht von der Reportage über die Mode bis zu experimentellen und betont künstlerischen Formen. Und alles in Gestalt exquisiter Vergrößerungen auf Barytpapier mit sattem Schwarz und leuchtendem Weiß. Allein dieser Aspekt lohnt einen Besuch der Ausstellung, zeugt sie doch von der, im wahrsten Wortsinn, Ausstrahlung analoger Technik, die von digitalen Prints nicht allzu häufig erreicht wird. Darüber hinaus meint man geradezu, beim Betrachten der Bilder das große handwerkliche Können zu spüren, ohne das solche Ergebnisse nicht möglich gewesen wären.

Neben ihrem ästhetischen Reiz bietet die Ausstellung Einblicke in das westdeutsche Lebensgefühl in den Jahrzehnten nach 1945. Wirtschaftswunder, schöner Wohnen und Konsum; Spießertum und Protest; Industridesign, Hippiefreiheit und modische Avantgarde; schließlich Gartenzwergromantik und Experimentalkunst, alles ist dabei und schafft als Gesamtheit ein kleines Kaleidoskop der früheren bundesrepublikanischen Lebenswelten.

Beides zusammengenommen, die beeindruckende Schwarzweißästhetik ebenso wie der Zeitgeistcharakter der Fotografien, zeugt von der qualitativen Konsequenz Michael Schupmanns, der Mitte der achtziger Jahre mit dem Aufbau der Sammlung begonnen hatte, die heute mehr als 700 Werke umfasst. Etwa 360 davon werden in der Ausstellung gezeigt. Viele der bekannten Namen jener Jahrzehnte sind vertreten, und trotz des notwendigen Auswahlcharakters lässt sich die Schau visuell wie ein Kompendium durchwandern, bei dem man immer wieder aufmerksam innehält und so manches Bild genussvoll auf sich wirken lässt.

Typisch für die 50er erscheinen die klaren Formen Ruth Hallenslebens, die für eine Tapetenfabrik fotografiert hat. Gleiches gilt für die Aufnahmen Peter Keetmans aus dem Wolfsburger VW-Werk oder die Produktfotografien Willi Moegles. In der Ausstellung dicht daneben Otto Steinert, Heinrich Heidersberger und Heinz Hajek-Halke mit einigem Experimentellen aus älterer Zeit. Arrangierte Gruppenportraits von Stefan Moses erinnern an August Sander, zu dem Will McBrides Kommune- und Jugendbilder einen starken Kontrast bilden wie auch Barbara Klemms Reportagen aus dem politisierten Alltag. Wilhelm Schürmann sowie Bernd und Hilla Becher schließen sich an als stilprägend für eine ganze Generation von Fotografinnen und Fotografen, ebenso André Gelpke. Es folgt Experimentelles aus neuerer Zeit. Jaschi Klein mit Surrealistischem aus der Reihe Pegasus, Dieter Appelt und Floris Michael Neusüss, schließlich Gottfried Jäger, der gekonnt mit der Dimensionsbeschränkung der flächigen Fotografie spielt. Eine ganze Ausstellungswand ist Andreas Müller-Pohle mit einem Querschnitt seines Werkes gewidmet. In der Abteilung Mode dürfen F. C. Gundlach, Horst Wackerbarth und Walde Huth nicht fehlen. Abschließend seien in unserer unvollständigen Reihe Arno Jansen, Thomas Anschütz und Thomas Kellner genannt, deren Fotografien ebenso beeindrucken wie die der zuvor Genannten. Insgesamt sind es mehr als 40 Fotografinnen und Fotografen, die in der Ausstellung vertreten sind.

Für alle Freundinnen und Freunde anspruchsvoller Schwarzweißfotografie ist die Ausstellung nahezu ein Muss. Selten sieht man so viel Hochkarätiges auf einen Streich. Natürlich bedeutet dies nicht, dass nun das ganze schöne Digitalequipment überflüssig wird, aber die Messlatte für gute Fotografie wird in Erfurt doch beeindruckend hoch gelegt. Das muss man digital erst einmal hinbekommen. Den Einwand, hier würde doch eine sehr klassische Form der Fotografie, vielleicht gar eine reichlich konventionelle, auf das Podest gehoben, lassen wir im Übrigen unbekümmert abperlen. Handwerkliches Können jedenfalls hat noch nie geschadet, und je mehr man davon in der digitalen Welt wiederfindet, umso besser. Im Übrigen darf man davon ausgehen, dass es nach einer Phase des Austestens digitaler Versuche jeglicher Art ein Revival bildmäßiger Fotografie geben wird. Diese wird natürlich nicht wie ein Klon von Bildern aus analoger Zeit aussehen, sondern aktuelle Inhalte zeigen. Damit verbunden wird allerdings eine Rückbesinnung auf klassische Gestaltungsregeln sein, denn das postmoderne Anything goes langweilt auf Dauer nicht nur, sondern macht auch ein wenig faul. Das muntere Pfeifen auf alle Regeln ist ja nicht selten ein Symptom für eigenes Unvermögen und des Amateurs liebste Begründung für ein unbedarftes, lediglich auf Spontanwirkung bedachtes Drauflosfotografieren ohne weitergehende Ambitionen oder Nachhaltigkeit. Photoshop und Co. bieten ja so schöne Effekte.

Wer die Erfurter Kunsthalle besucht, hat neben dem herausragenden analogen Schwarzweiß die Gelegenheit zum Blick in die Parallelausstellung Vor einem Bild mit Werken von Sebastian Pütz. Der Titel geht zurück auf eine Schrift des französischen Bildtheoretikers Georges Didi-Huberman aus dem Jahr 1990. Wie diesem geht es auch Pütz um Themen der Wirklichkeit, der Intention sowie der Rezeption. In der einführenden Ausstellungstafel heißt es dazu: Zum einen richtet sich die Frage an den Fotografen, auf dessen Arbeit sie zielt, und somit auf das Werden eines Bildes. Wie entsteht ein Bild? Was ist vor einem Bild da: Die Idee? Viele andere Bilder? Und zum anderen beschreibt sie die Sicht des Betrachters, der vor einem Bild steht, auf dieses blickt und aus dessen Perspektive die Rezeption stattfindet. Was nimmt er wahr, was nicht? In welcher Weise ist sein Sehen physiologisch, psychologisch und kulturell konditioniert? Interpretiert er die „Ansprache“ des Bildes eher mit dem Kopf oder intuitiv? Dies beschreibt ziemlich umfänglich das Programm der aktuellen Fototheorie.

In vier Werken geht Pütz den gestellten Fragen nach. Die Arbeit BILD aus dem Jahr 2015 zeigt Waldmotive, die aus zahlreichen Bildvorlagen zusammengesetzt und dann abfotografiert wurden. Was zunächst dokumentarisch aussieht, offenbart damit auf den zweiten Blick seinen durch und durch konstruierten Charakter. In NEGATIV (2015) werden Bilder gezeigt, die auf digitale Reproduktionen analoger Negative aus dem 19. Jahrhundert von Henry Fox Talbot zurückgehen. Das Bildmaterial bezog Pütz aus dem Internet, das Fotopapier belichtete er mit dem Monitor seines Laptops. Die so entstandenen Einzelbilder wurden anschließend zum endgültigen Werk zusammenmontiert. Für die Arbeit ABBILDUNG (2016) wurden Scans von botanischen Bestimmungsbüchern ausgedruckt, dann zerschnitten, neu montiert und abfotografiert. In WINDOWS (2018) schließlich arbeitet Pütz mit Bildmaterial von Google Street View, das Motive einiger im Jahr 1835 von Talbot aufgenommener Parkbilder aufgreift und so die Brücke über fast zweihundert Jahre Fotografiegeschichte schlägt. Das alles sind recht pfiffige Umsetzungen der philosophischen Überlegungen zum Charakter des fotografischen Bildes. Will man diese nachvollziehen, ist ein wenig Kopfarbeit verlangt. Der Besucher sollte sich deshalb Zeit nehmen, um den erläuternden Begleittext zu lesen, der auch zum Mitnehmen ausliegt.

Die Ausstellungen Analog und Schwarzweiß: Fotografie in Westdeutschland 1945 – 2000 aus der Sammlung Schupmann sowie Sebastian Pütz: Vor einem Bild sind noch bis zum 6. Januar 2019 in der Kunsthalle Erfurt zu sehen und unbedingt empfehlenswert.

 

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