Römische Impressionen

von Ulrich Metzmacher

Wie sind sie mir doch sympathisch, die selbstbewussten Möwen vom Tiber und dem nahen Mittelmeer. Angenehmer als die Tauben, die überall herumhocken oder dumpf vor sich hintrippeln. Ihre Verwandten, die Möwen, sind vorsichtiger, dabei räuberischer und fordernd. Vor der Kulisse des Vatikans bilden sie einen ehrlichen Kontrast zu den diebischen Elstern, die doch sehr den Purpurgewandeten der Piazza San Pietro ähneln. Diese plündern und horten, was sie bekommen können. Die Möwe hingegen rafft nichts zusammen. Sie jagt und frisst.

Rom 2019

Die Niederschrift der römischen Impressionen entstand, als auch die Blogbeiträge zu den Sieben Todsünden geschrieben wurden. Eine Wechselwirkung lag da nahe, wurde der Kanon der Sünden im Mittelalter doch von genau jener Kirche verfasst, die bis heute in Rom ihren geistlichen und mächtigen Mittelpunkt hat. Da denkt man unwillkürlich an die Entstehung der vatikanischen Bauten mit ihrem Prunk sowie den einstmals zusammengetragenen Schätzen. Und, nicht zu vergessen, die Finanzierung des Petersdoms erfolgte nicht zuletzt durch Gläubige, die mit dem Kauf von Ablassbriefen ihre Sünden zu tilgen hofften. Ohne Verfehlung war niemand. Die Kasse klingelte deshalb, zumindest bis Luther den Ablasshandel als grandiosen Mummenschanz anprangerte. Das Konzept der sieben Todsünden war bis dahin bares Geld wert gewesen, und die in jener Zeit angehäuften Reichtümer bilden bis heute einen Kernbestandteil des vatikanischen Vermögens. Ist man in Rom, gehen einem diese Mechanismen der Ausbeutung nicht aus dem Kopf: Androhung des Fegefeuers, Verfehlung, Angst, Freikauf – ein perfides Konzept, dem erst die Reformation Einhalt gebot.

Überall begegnet man in Rom Zeichen der Macht, bei weitem jedoch nicht nur päpstlicher. Es beginnt mit den Zeugnissen der Antike. Mehr noch als das gigantische Kolosseum sind es die Überreste des Forum Romanum und der Bauten des Palatin, die zeigen, wie sich staatliche Macht in Repräsentationsarchitektur ausdrückt. Zwar gab es Epochen der römischen Republik mit frühdemokratischen Prinzipien, aber hier überwiegt doch sehr der Eindruck, durch Architektur habe man Stärke verkörpern und die Bedeutungslosigkeit des Einzelnen in Erinnerung rufen wollen. Beim Betrachten der alten Bauten oder deren Überresten ist man hin- und hergerissen zwischen dem Wissen, dass es sich um das Ergebnis von Sklavenarbeit handelt, und der Faszination hinsichtlich der Kühnheit, mit der etwa die Statik des Pantheon im Stadtzentrum berechnet worden ist.

Die Ästhetik, die man bei den antiken Bauten wahrnimmt, zeugt nicht zuletzt vom hochentwickelten Proportionaldenken der klassischen griechischen und römischen Architektur. Einem Schinkel gelang es etwa zwei Jahrtausende später, diese antiken Gestaltungsregeln in grazile Bauwerke ohne Einschüchterungscharakter umzusetzen. Häufiger jedoch findet man in der Neuzeit Adaptionen klassischer Vorbilder, die eher von Imponiergehabe geprägt sind als vom feingeistigen Proportionaldenken. Beim römischen Vittoriano wird das deutlich. Gedacht als nationale Erinnerungsstätte zum Ruhme des Begründers des italienischen Königreiches im 19. Jahrhundert, Viktor Emanuel II., fand es seine bauliche Vollendung in den zwanziger Jahren des folgenden Jahrhunderts. Mit seinen gewaltigen Ausmaßen, den endlosen Treppen und den riesigen Löwen hat es eine Ausstrahlung, die subkutanes Unwohlsein auszulösen vermag. Weniger die in Erinnerung gebrachte Einheit des Landes ist dafür verantwortlich, sondern der Anspruch eines Staates, der zum Ausdruck bringen wollte, ein Machtzentrum sui generis zu sein.

Dass Mussolini dann Hand anlegte und die vorhandenen Bauten in Gestalt der Via dei Fori Imperiali brachial durch eine Imponiermeile ergänzte, kann nicht mehr verwundern. Mitten durch die Kaiserforen wurde unter Inkaufnahme des Abrisses einiger antiker Bauten eine Prachtstraße geschlagen, die einerseits Tradition verkörpern, zum anderen jedoch den eigenen Ewigkeitsanspruch zum Ausdruck bringen sollte. Wie wenig später Hitler und Speer im Tausendjährigen Reich mit gigantomanischen Projekten und einigen realisierten Bauten die Macht der Macht zu symbolisierten gedachten, war schon der italienische Faschismus durch den Anspruch gekennzeichnet, durch autoritäre Stadtplanung die eigene Herrlichkeit bis in alle Ewigkeit zu versteinern.

Natürlich ist das nur eine der Seiten Roms, und den meisten Touristen dürfte es ziemlich egal sein, welchen Überlegungen den Bauten aus der Antike über die Staatsgründung bis hin zur Epoche Mussolinis zugrunde lagen. Man erfreut sich am Kolosseum und schlendert gemächlich durch die Zeugnisse der Vergangenheit. Eine Analyse der Architekturästhetik ist jedoch, bei vertiefender Betrachtung, immer auch Ideologiekritik. Bauwerke sind nun einmal von Menschen gemacht, die sich dabei etwas gedacht haben. Und was ist mit den sakralen Bauten? Natürlich gilt hier Gleiches. Überall in der Ewigen Stadt trifft man auf Kirchen mit Gold und Prunk und Gemälden einiger Großer Meister. Das ist zwar in anderen europäischen Städten mit katholischer Tradition hier und dort auch der Fall, aber die römische Konzentration solcher Kirchen entfaltet eine Wirkung, die nicht nur mit dem Wunsch nach Gottesverehrung zu erklären ist. Sollte es eine Korrelation geben zwischen der Gewaltigkeit der sakralen Bauten und dem Ausmaß der Angstmacherei vor den sieben Todsünden, so wäre Rom ein Spitzenplatz im Ranking entsprechender Orte gesichert.

Die Möwen versöhnen am Ende dann aber doch ein wenig, da sie das ganze Imponiergehabe von Antike, weltlicher Staatsmacht und kirchlichem Prunk auf Normalmaß stutzen und erträglich machen. Sie erscheinen einfach freier als die devoten Tauben oder die diebischen Elstern.

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