Respekt oder Wirkung

von Ulrich Metzmacher

Für den Katalog zur Weltausstellung der Photographie, die im Jahr 1964 in verschiedenen europäischen Städten stattfand, wurde von Heinrich Böll ein Prolog verfasst, der sich mit dem moralischen Potential der Fotografie und der Gratwanderung zwischen einer voyeuristischen, effektheischenden und mitunter menschenverachtenden Bilddarstellung auf der einen Seite beschäftigt und den Möglichkeiten einer empathischen, respektvollen Form andererseits. Wer am Schlüsselloch lauert, entdeckt natürlich den Menschen in seiner Gebrechlichkeit, so Böll. Und genau hier scheidet sich die Moral von ihrem Gegenteil. Das besondere Schicksal Einzelner lässt sich fotografisch so darstellen, dass die Abgebildeten ihre Würde behalten und das Bild als potentielles Schicksal aller verstanden werden kann, oder es spielt sich die Intention des Fotografen in den Vordergrund, zu ertappen, zu denunzieren, zu entlarven.

Im Zeitalter der massenhaften Sensationsfotografie mit dem Smartphone und einer Straßenfotografie, der zwar inzwischen rechtliche Hemmschuhe angelegt sind, die aber weiterhin hier und dort das Elende, Skurrile und Lächerliche sucht, behält die Warnung vor dem Voyeuristischen ihre Berechtigung. Susan Sontag sah die Dinge voraus. In ihrem großen Essayband Über Fotografie aus dem Jahr 1977 zum ethischen Potential der Fotografie beschrieb sie ihren Skeptizismus, was die Rolle der Kamera im Kontext aufklärerischen Denkens anbelangt. Als unbestreitbar galt ihr, dass auch eine sozialkritische, sich als humanistisch verstehende Fotografie keine moralischen Positionen schaffen kann. Die Arbeit mit der Kamera mag dazu beitragen, bestehende Werthaltungen zu verstärken. Ist aber ein normativer Orientierungssinn nicht vorhanden oder nur schwach ausgeprägt, bleiben Fotografien von Gewalt und Armut mit großer Wahrscheinlichkeit Sensationsbilder ohne wirkliche Folgen für die eigenen Einstellungen. Die Bilder sind dann bestenfalls geeignet, einen Anschein von Teilnahme zu erwecken. Aber das Gewissen beruhigt sich schnell. Genau hier liegt das Problem, denn das Massenhafte bedrückender Bilder in den alltäglichen Medien beinhaltet eine Tendenz zur Abnutzung. Zwar können Fotos erschrecken, der Effekt schwächt sich bei der Wiederholung jedoch ab. Soll die Wirkung erhalten bleiben, muss die Dosis erhöht werden. Und dennoch, solche Bilder sind am Ende nur selten Anlass für ein Auftreten gegen die Übel der Welt.

Insbesondere die sozialkritische Fotografie war in Sontags Augen eine ambivalente Angelegenheit. Schon immer habe sie Unterdrückung, Armut und Gewalt zu einem bevorzugten Thema gemacht. Aber nicht selten bleiben solche Bilder Erkenntnisse zu Ausverkaufspreisen, typisch für die indifferente Geisteshaltung der wohlmeinenden Mittelschicht. Deren Humanismus empfinde fremdes Elend nicht selten als schaurig reizvollen Kontrast zum eigenen, beschützten Dasein. Die Kamera dient der Schaffung ästhetisch durchkomponierter Bilder ohne wirklichen Bedrohungscharakter für das Seelenheil. So haben Kritiker selbst dem vielfach hochgelobten Sebastiao Salgado vorgehalten, den Fokus bei seinen Aufnahmen in erster Linie auf ästhetische Aspekte gelegt und die zutiefst reale, problematische Lebenssituation indigener Völker romantisierend verklärt zu haben. Das Feld der Dokumentarfotografie sei damit zugunsten einer oberflächlichen Wirkung verlassen. Ob von einer Ausbeutung der Objekte gesprochen werden kann, ist vielleicht keine einfache Frage. Dokumentation auf der einen Seite und artifizielle Gestaltung andererseits scheinen jedoch in einem immanenten Spannungsverhältnis zu stehen.

 

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