Reduktion von Komplexität durch Unschärfe

von Ulrich Metzmacher

Der eingefrorene Moment der Wirklichkeit, den wir Fotografie nennen, ist im Fließen der Zeit eine so flüchtige Angelegenheit, dass wir ihn in der Regel nicht exakt wahrnehmen können. Dazu geht alles viel zu schnell, jedenfalls dann, wenn es sich um bewegte Objekte handelt. Und selbst bei einer Portraitsitzung ist die Mimik in ständiger Veränderung. Details sind in der Regel erst bei der späteren Monitordarstellung oder der Printvergrößerung erkennbar.

Darüber hinaus hat eine Fotografie neben ihrer Eigenschaft als rasierklingenscharfer Ausschnitt aus der in Realzeit sich permanent verändernden Wirklichkeit den Charakter eines Warenhausangebotes. Ein Betrachter kann selbst entscheiden, auf welche Details er den Blick richtet und wie lange er ihn aufrechterhalten möchte. Je großformatiger und kleinteiliger die Fotografie, umso größer das Informationsangebot, aber eben auch die Notwendigkeit des Betrachters, die Struktur des Bildes zu entschlüsseln.

Unschärfe als Mittel der Bildgestaltung nimmt in der Fotografie diesbezüglich eine unterstützende Funktion ein. In der Regel ist sie selektiv verteilt und trägt auf diese Weise zur Lenkung der Aufmerksamkeit des Betrachters bei. Sie hebt Inhalte voneinander ab, trägt zur Reduktion von Komplexität bei und fördert die Verstehbarkeit des Bildes. Starke Unschärfen können dabei auch spannungssteigernd wirken, indem sie der Phantasie des Betrachters Raum geben. Aber selbst hier gilt, dass zunächst immer erst die klaren Bildelemente erfasst werden, bevor sich die Gedanken auf das Unscharfe oder gar Geheimnisvolle richten.

Selektive Unschärfe als Gestaltungsmittel wird durch die Wahl einer großen Objektivblende erreicht, um so das zentrale Objekt freizustellen und deutlich von der Umgebung abzusetzen. In der Gestaltpsychologie wird hier von Figur und Grund gesprochen. Unsere Wahrnehmung tendiert nun einmal dazu, aus der unübersichtlichen Menge der aufgenommenen Signalreize Strukturen und Muster zu bilden, um die Informationen zu ordnen. Unscharfe Bildbereiche als Grund fördern deshalb die Konzentration auf das Hauptmotiv, die Figur. Die Komplexität der bildlichen Informationsreize wird durch diesen Kontrast reduziert und in eine verstehbare Ordnung überführt. Dass wir Fotografien überhaupt mit Sinn versehen und verstehen können, ist im Übrigen das Ergebnis eines komplexen Lernprozesses. Im fotosinn-Essay Raum und Fläche ist das näher beschrieben worden.

 

Zurück