Preisverfall der großen Fotokunst

von Ulrich Metzmacher

Kürzlich wurde in einigen Medien vermeldet, dass die Preise für großformatige, insbesondere digital erzeugte Fotografien im Sinken begriffen seien. Die Entwicklung war absehbar. Wie jede Kunst sind auch Fotos auf dem Galeriemarkt und bei Auktionen neben bestimmten Modetrends den Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterworfen. Zusätzlich tragen konservatorische Unsicherheiten dazu bei, dass Käufer vorsichtig sind.

Bei digitalen Großwerken wird häufig auf Andreas Gursky verwiesen, dessen Bilder noch vor wenigen Jahren Rekordpreise erzielten. Berühmt wurde die 1999 entstandene Farbfotografie Rhein II, die 2014 mit einem Auktionserlös von 4,3 Millionen Dollar zum Spitzenreiter der Fotokunst avancierte. Von dem Bild, das ursprünglich für geschätzte 25 000 Mark verkauft worden sein soll, existieren sechs Originalexemplare. Eine Wertanlage, die sich offenbar gelohnt hat. Aber man muss als Käufer auch über Räumlichkeiten mit entsprechenden Wandflächen verfügen. Die Ausmaße des Werkes betragen stolze 185 x 363 Zentimeter. Damit sind zu seiner Präsentation vor allem Museen geeignet, und so hängen Exemplare der Serie Rhein II in Häusern wie dem MoMA in New York, der Münchner Pinakothek oder der Tate Modern in London. Wie 2017 offiziell mitgeteilt wurde, schmückt sich aber auch der Kabinettsaal der nordrhein-westfälischen Landesregierung mit einem der Werke. Für das heimische Wohnzimmer ist Rhein II hingegen wohl weniger geeignet.

Gurskys Werke gelten als herausragende zeitgenössische Kunst. Mit einigen der Gründe hat sich der fotosinn Beitrag Andreas Gurskys Konstruktivistischer Realismus befasst. Kennzeichnend ist der hintergründige Umgang mit dem Wirklichkeitsbegriff. Gurskys Realitäten sind konstruiert, und der Objektivitätsanspruch der fotografischen Abbildung wird entzaubert. Zur Wahrheit gehört aber auch die Erkenntnis, dass seine Werke Ergebnis eines aufwändigen Produktionsprozesses sind, der mit herkömmlichen Vorstellungen von Fotografie nicht mehr viel zu tun hat. Neben der Bildaussage selbst fördert dies den Nimbus des Besonderen und begründet seine Kunstaffinität.

Gerade weil Fotografieren zu einem Massenphänomen auf hohem technischen Qualitätsniveau geworden ist, gelingt die herausragende Positionierung einzelner Bilder meist nur noch, wenn dem Prinzip einer extraordinären Präsentation gefolgt wird. Dazu können der erwähnte Produktionsaufwand ebenso beitragen wie die Bildgröße. Hauptsache, das Ergebnis wirkt elitär und umschifft den Eindruck des Massengewöhnlichen. Dieser Strategie der Absetzung von den Amateuren, die sich eine Herstellung solcher Werke schlichtweg nicht leisten können, folgen im Übrigen nicht nur Gursky, sondern auch eine Reihe weiterer Fotografen.

Kommen wir zurück zu Medienberichten, nach denen großformatige Fotokunstwerke gegenwärtig einen Preisverfall erleiden beziehungsweise nicht mehr an frühere Auktionserlöse anknüpfen können. Gibt es da vielleicht eine Marktsättigung? Tatsache ist, dass die Verfielfältigbarkeit von Fotografien dazu verlockt, mehr als nur ein Unikat herzustellen. Dies erweitert das Angebot, und so geht selbst eine begrenzte Serie stets zu Lasten des Einzelpreises. Dieses Prinzip gilt allerdings solange nicht, wie der Markt noch ungesättigt ist. In der Anfangsphase etwa eines neu als Superstar gelabelten Künstlers wird alles gekauft, was zu bekommen ist. Man will schließlich als Sammler, Museumsdirektor oder Investor (m/w/d) nicht leer ausgehen. Werden dann immerzu neue Werke angeboten, ist allerdings schnell ein Peak erreicht und der Trend kippt. Darüber hinaus ist für riesige Formate von vorneherein nur eine begrenzte Nachfrage vorhanden. Lässt sich, rein logistisch, eine Fotografie aufgrund ihres Ausmaßes nicht in die zehnte Etage eines Appartements in der Fifth Avenue emporschaffen, fallen schlichtweg eine Reihe potentieller Käufer weg. Es sei denn, das Kunstwerk wird als Kapitalanlage betrachtet und landet umgehend im verschlossenen Depot. Gegenwartskunst, die nicht gezeigt wird, unterliegt jedoch schnell der Gefahr eines Preisverfalls. Für die zeitgenössische Fotografie macht die Depoteinlagerung im Gegensatz zu den knappen Klassikern der alten Kunstgeschichte jedenfalls nicht viel Sinn.

Hinzu kommen die lästigen Fragen der Haltbarkeit. Insbesondere die digitale Fotokunst hat mit der Sorge ihrer Besitzer zu kämpfen, in nicht allzu ferner Zukunft könnten sich die Prints in Wohlgefallen auflösen. Und in der Tat haben zeitgenössische Fotografien mit noch stärkeren Überlebensrisiken zu kämpfen, als es schon in analogen Zeiten der Fall war. Um dem entgegenzuwirken, werden von interessierter Seite konservatorische Versprechungen offeriert. Dazu zählen auch die Bemühungen um die Gründung eines Deutschen Fotoinstituts, das sich der Bewahrung des digitalen Erbes widmen soll. Der fotosinn Beitrag Ein neues Heimatmuseum für Düsseldorf hat sich damit befasst. Wo das geplante Digitalsicherungskunstamt am Ende seinen Platz findet, ist im Übrigen nebensächlich. Investoren werden die Anstrengungen zur Konservierung ihrer erworbenen Kunst auf jeden Fall zu schätzen wissen. Die Fotokünstler selbst natürlich auch. Ob das Deutsche Fotoinstitut aber wirklich zur Stabilisierung des Preisneveaus beitragen wird, bleibt eine offene Frage.

Die eigentliche Bildaussage hatte in der Frühphase der Begeisterung für die digitalen Möglichkeiten an Bedeutung verloren. Aber inzwischen sind wir vom technisch Anmutenden ein wenig gelangweilt. Von wilden Experimenten ganz zu schweigen. Der Bildinhalt wird gegenüber der technischen Machart früher oder später deshalb wieder an Bedeutung gewinnen. Parallel zur schwindenden Ehrfurcht vor dem Digitalen wird eine Besinnung auf den elementaren, bildmäßigen Kern der Fotografie erfolgen. Dies muss keine grundsätzliche Abwendung von der Digitalkamera bedeuten. Sie ist fest etabliert und bietet unbestritten eine Reihe von Vorteilen. Der Trend zum ambitionierten Fotografieren mit analoger Technik wird gleichwohl anhalten. Er ist mehr als eine Modeerscheinung, die über kurz oder lang wieder verschwunden sein wird.

Es gibt offenbar eine weit verbreitete, vielleicht zeitgeisttypische Faszination für einfache, handgemachte Bilder, gerade auch neueren Datums. Da ist es dann fast schon wieder egal, ob sie digital oder analog entstanden sind. Entscheidend ist die Wiederentdeckung des kleineren Präsentationsformates und der bildmäßigen Fotografie alter Schule. Der European Month of Photography in Berlin war dafür zwar noch kein Beweis, aber immerhin ein Indiz. Auch der wieder stärker gewordene Trend zur Schwarzweißfotografie spricht für ein Revival des ursprünglichen fotografischen Denkens. Zirzensischer Techniken und einer elitären Großformatfotografie bedarf es dabei nicht zwingend. Unabdingbar jedoch bleibt die Fähigkeit zum geschulten Sehen.

 

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