Öffentliche Mittel für private Kunstrenditen

von Ulrich Metzmacher

Bei Diskussionen über das nun beschlossene neue Museum der Moderne in Berlin werden einige grundsätzliche Positionen bezüglich der Präsentation von Kunst erkennbar. Die Frage der Baukosten soll dabei gar nicht im Vordergrund stehen. Obwohl die Vermutung besteht, die Entscheidungsträger könnten mit solchen Bauten am Ast der eigenen politischen Legitimation sägen, dann nämlich, wenn sich Unmut über diese Form des Einsatzes öffentlicher Mittel breitmachen sollte.

Aber mit solchen Anmerkungen gilt man schnell als Spielverderber. Schließlich können Museen zu urbanen Mittelpunkten werden, ganze Quartiere aufwerten und sich als Zugpferde des Stadtmarketings erweisen. Prognosen zeigen regelmäßig, welche Touristenzahlen und Umsätze bei einem neuen Museum zu erwarten sind. Neben diesem Massenaspekt, der sich als gemeinwohlorientiert darstellt, gibt es weitere Interessen, über die man freilich nicht so gerne öffentlich spricht. Exponierte Museen schaffen zum Beispiel einen Vorteil beim Anlocken kulturbeflissener Eliten. Die immer zahlreicher werdenden musealen VIP-Events in geschlossener Runde für geladene Gäste zu abendlicher Stunde zeugen davon.

Mag man diese Argumentationsmuster und Erscheinungen noch naserümpfend als banausig betrachten, mit denen ein wirklicher Kunstfreund nichts zu tun hat, werden ganz schnell sehr viel edlere und vermeintlich unabweisbare Dinge genannt. Kurz, es werden neue Ausstellungsräume benötigt, denn niemand weiß mehr, wohin mit all den schönen Dingen. Etwa achtzig Prozent der Bestände großer Museen befinden sich weltweit nicht an Wänden oder auf Präsentationssockeln, sondern im Lager. Bei den vermögenden Sammlern ist das nicht anders. Einige verwahren die Dinge nicht einmal im privaten Depot, sondern in extra dafür eingerichteten Freeports in Luxemburg, Asien oder sonstwo. Dort kann man seine Kunst nicht nur konservatorisch angemessen, sondern auch unbemerkt von den Blicken neugieriger Steuerbeamter und Zollmenschen sicher horten. Hier geht es nicht selten um Spekulation und um andere Dinge aus der heimlichen Welt des großen Geldes. Öffentliche Museen haben andere Probleme.

Selbst bei schmalen Ankaufetats, die darüber hinaus durch den jahrlangen Hype am Auktionsmarkt belastet werden, wachsen die Sammlungen der Museen Jahr für Jahr, insbesondere mit Werken der Moderne, die nahezu unendlich vorhanden zu sein scheinen und als Gegenwartskunst zusätzlich immer weiter neu produziert werden. Zwangsläufig ertönt der Ruf nach mehr Ausstellungsfläche. Die alternative Überlegung, kluge und aufregende Auswahlen zusammenzustellen, statt möglichst viel vom Vorhandenen zeigen zu wollen, kommt hingegen sehr viel seltener zum Tragen. Der Bau neuer Museen als Antwort auf das Dilemma ist jedoch keine intelligente Strategie, sondern entspricht dem berühmten Fass ohne Boden. Allerdings handelt es sich dabei nicht allein um das Ergebnis individueller Schwächen denkfauler Museumsmanager und Ausstellungsmacher. Das Spiel wird vielmehr durch strukturelle Mechanismen bestimmt.

Beispiel Berlin: Neben dem Stadtmarketing und der Beseitigung von Raumknappheit tischt der Kunsthandel zusätzliche Argumente für den Bau eines neuen Museums der Moderne auf. Rudolf Zwirner, erfahrener und in früheren Jahren höchst erfolgreicher Galerist, hat dies kürzlich in einem Beitrag im Tagesspiegel recht ungeschminkt zum Ausdruck gebracht. Zunächst fordert er, wie andere auch, dass sich Berlin mit seinen Ausstellungen international mit den europäischen Hauptstädten und mit New York messen lassen muss. Dafür bedarf es eines repräsentativen Neubaus. Sollte dieser nicht kommen, werde es, nun sein besonderes Argument, künftig keine Sammler mehr geben, die ihre Werke für Ausstellungen in Berlin zur Verfügung stellen. Im Übrigen könne auch nur so wieder ein internationaler Kunsthandel in Berlin wie in den 20er Jahren entstehen, beschließt Zwirner seinen Beitrag. Wir haben verstanden. Es geht um Sammlerinteressen und Galerieumsätze.

Natürlich ist das legitim. Geld bestimmte schon immer die Kunst. Neu ist diese Erkenntnis nicht. Es gibt nun einmal einen Zusammenhang zwischen dem, was als Kunst gelabelt wird, und den Interessen derjenigen, die hiervon profitieren. Das sind nicht unbedingt die Künstler und Künstlerinnen selbst. Kunst wird gemacht, indem Dinge als Kunst definiert werden. Und ein wesentlicher Teil der Definitionsmacht liegt bei den großen Galerien. Letztlich sind diese damit, zumindest indirekt, an den Entscheidungen beteiligt, welche Werke in Museen als sehenswert gezeigt werden. Was sich teuer handeln lässt, gilt als ausstellungsreif. Von einem reflektierenden Bildungsauftrag der Ausstellungsmacher, wie vor wenigen Jahrzehnten hier und dort noch naiv angedacht, kann da nicht die Rede sein.

Statt selbstbewusst konzeptionsstarke Zusammenstellungen von Kunst zu präsentieren, laufen die großen Museen der Moderne Gefahr, zu Handlangern der Sammler und Galerien zu werden, die hier im Übrigen an einem Strang ziehen. Die Sammler leiden, wie die Museen, darunter, dass für die Präsentation ihrer Werke nicht genügend oder kein repräsentativer Raum zur Verfügung steht. Dabei geht es nicht nur um die Trauer darüber, dass die schönen Dinge durch ihren Dornröschenschlaf im Depot dem kunstbeflissenen Blick verborgen bleiben. Nein, es geht auch um schnödere Interessen. Kunst, die nicht gezeigt wird, verliert an Wert. Umgekehrt, je herausragender ihre Präsentation, umso höher die Chance eines steigenden Marktwertes, und dies nicht nur hinsichtlich des spezifischen Einzelwerkes. Auch die Geschwisterwerke des Künstlers oder der Künstlerin profitieren davon. Kurz, die in den großen Museen gezeigte moderne Kunst stellt sich als Katalysator für die Umsätze der Händler dar.

Da spielt alles Hand in Hand. Der Kunstmarkt produziert immer mehr hochpreisige Kunst. Parallel dazu fordern die Galerien und Sammler neue Museen. Sofern diese mit privaten Mitteln errichtet werden, wie etwa in den Vereinigten Staaten, handelt es sich um ein logisches System. Da reiht sich in den Museen ein Collectors Room an den nächsten, und alle sind glücklich. Auch in Deutschland entwickeln sich die Dinge hin zu einer Baufinanzierung, die zunehmend von Mäzenen mitgetragen oder gar übernommen wird. Diese dürfen dann natürlich das Programm mitbestimmen und ihre Sammlungen präsentieren.

Es gibt Sammler, die aus reinem Kunstinteresse und ohne Renditeabsicht Kunst erwerben. Ihnen sind, idealtypisch gedacht, Fragen der Wertentwicklung egal. Diese Spezies dürfte rar sein. Wer hingegen von vorneherein mit spekulativem Geld, aus steuerlichen Gründen oder zum Weißwaschen von Schwarzgeld Gegenwartskunst erwirbt, muss mit dem Risiko rechnen, dass die Rechnung nicht aufgeht. Im Extremfall kann ein Werk sogar in Vergessenheit geraten. Sein Wert löst sich dann in Luft auf. Für den Investor ist das bitter, für den Kunstmarkt, die Galerien und Auktionshäuser unangenehm und geschäftsschädigend. Den Akteuren ist deshalb daran gelegen, das allgemeine Interesse an handelbarer Kunst hochzuhalten. Dazu muss sie gezeigt werden.

Mit öffentlichen Mitteln finanzierte Museen tragen durch die Präsentation einschlägiger Sammlungen aus Privatbesitz dazu bei, potentiellen Wertverlusten entgegenzuwirken. Ob die damit verbundene Problematik allen politischen Entscheidungsträgern bewusst ist, darf bezweifelt werden. Aber wer will schon in Verdacht geraten, den edlen Künsten mit Skepsis oder Misstrauen zu begegnen? Im Übrigen sind die Lobbyisten der Kunstfreunde einfach smarter als ein durchschnittlicher verwaltungssozialisierter Parlamentsabgeordneter.

Rein die Logik sagt, dass Jahr für Jahr der Bestand an hochpreisiger Gegenwartskunst zunimmt. Es handelt sich schließlich nicht um einen geschlossenen, sondern einen dynamischen, offenen Handelskreislauf. Aus der Preisentwicklung der letzten zwanzig Jahre lässt sich allerdings die Prognose ableiten, dass die Blase eines Tages platzen wird. Es sei denn, dem wahren Kunstfreund macht es nichts aus, wenn das teuer Erworbene an Handelswert verliert, es sozusagen konsumiert und verbraucht wird. Sollte die Liebe zum Werk eines Tages erkaltet sein, kann man bei einer solch nüchternen Einstellung die Unterbringung in irgendeinem Depot klaglos hinnehmen. Das Werk wird abgeschrieben und man kauft Neues. Das ist aber nicht die Wirklichkeit. Spekulanten, und die sind im Kunstgeschäft keine unscheinbare Minderheit, wollen Gewinne realisieren. Dafür brauchen sie Museen.

 

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