Notizen von der documenta 15

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Alle fünf Jahre lädt Kassel zur großen Schau zeitgenössischer Kunst ein. Zu Beginn der fünfzehnten documenta sorgte zusätzlich die Debatte um antisemitische Begleittöne für Aufmerksamkeit. Die Medien und Feuilletons hatten ihren Stoff, die Urteile zur Veranstaltung fielen meist ablehnend bis skeptisch aus. So war kaum zu vermeiden, dass der eigene Besuch mit gemischten Erwartungen erfolgte. Diese wurden nicht enttäuscht.

Kurz, die documenta 15 ist reichlich langweilig, vielleicht sogar überflüssig. Dabei ist das Anliegen der KuratorInnen berechtigt. Es will dem Publikum vermitteln, dass die westlich geprägte Auffassung von Kunst eine kulturell geprägte Angelegenheit ist, mit der Gesellschaften auf der Südhälfte der Erdkugel nicht unbedingt etwas anfangen können. Oder aufgrund ihrer Kolonialerfahrungen nichts anfangen wollen. Der westliche Kunstbegriff ist diskreditiert und hat seinen universellen Anspruch aufgeben müssen. Daran haben nicht nur postkoloniale Strukturen und kulturrelativierende, postmoderne Theoretiker ihren Anteil, sondern auch der Betrieb selbst. Die euroamerikanische Kunst ist zu einer Ware mutiert, bei der es überwiegend um die bekannten Gesetze von Angebot und Nachfrage geht und vor allem um Marketing. Je spektakulärer und teurer, umso Kunst. Im Übrigen treibt der Rummel um die Megastars immer verrücktere Blüten. Dass die documenta dieser Entwicklung nicht folgen will, ist in Ordnung. Und dennoch, der 15ten Schau haftet etwas Belehrendes und Moralisierendes an, das ein wenig auf die Nerven geht.

Nach der Entfernung des mit Antisemitismusvorwürfen belegten Großbildes auf dem Friedrichsplatz ist nun alles politisch korrekt und auf den Mainstream fortschrittlichen Denkens ausgerichtet. Nur einige konservative Kritiker, denen die documenta wohl schon immer ein Dorn im Auge war, suchen weiter nach Beweisen für antisemitische Tendenzen. Um keine Missverständnisse entstehen zu lassen: Antisemitismus als solchen zu benennen, ist wichtig und notwendig. Ob die Entfernung des Bildes jedoch die einzig mögliche Lösung war, ist eine andere Frage. Man/frau hätte die Provokation auch aushalten und zum Anlass für Debatten nehmen können, anstatt die große Keule der Unzulässigkeit zu schwingen. Ehrlicher wäre es gewesen, das Werk verhängt stehen zu lassen. Es hätte sich dann trefflich über das Verhüllte diskutieren lassen. Alles vollkommen zu entfernen, zeugt hingegen von Ängstlichkeit, vielleicht auch von einem schlechten Gewissen der Zensoren. Weg mit dem Objekt des Anstoßes. War da was?

Damit sind wir beim Grundproblem der documenta 15. Sie ist nun frei von Anstößigem. Alles folgt eingängigen Denkmustern: Friede ist besser als Krieg; die Länder des Globalen Südens sind von denen des Globalen Nordens über Jahrhunderte hinweg ausgeplündert worden; wir alle sind von der Klimakrise bedroht; rassistische Stereotype sind weiterhin virulent; insbesondere weiße Männer haben als missratene Wesen zu gelten und neben der klassischen Geschlechterpolarität gibt es eine bunte Vielfalt selbstdefinierter Erscheinungen. Sind das nun alles neue Erkenntnisse oder Thesen? Für manche offenbar schon, anders ließe sich der pädagogische Impetus der KuratorInnen kaum erklären. Die Mischung aus Abenteuerspielplatz für Kinder/Jugendliche mit einem Karneval der Kulturen, versehen mit allerlei Mahnungen und Ermahnungen, folgt einem unterschwelligen Erziehungsprogramm, hat aber mit der Frage, was denn in der Gegenwart Kunst sei oder sein könne, nicht viel zu tun.

Der Kunstbegriff lässt sich natürlich abschaffen, weil eine verbindliche Definition nicht mehr gelingt. Aus die Maus. Aber warum dann überhaupt noch eine solche Veranstaltung? Die Verantwortlichen haben mit der diesjährigen documenta konsequenterweise einen Schritt hin zu ihrer Abdankung vollzogen. Ein Ende der Schau wird es aber so schnell nicht geben. Allein die Bedeutung für das Stadtmarketing und die Umsätze in Gastronomie und Einzelhandel liefern Gründe, das Spektakel fortzusetzen. Wenn jedoch am Ende nur noch Schulklassen zum Spielen und Toben kommen, ist das Lebensende des ursprünglichen Konzeptes, nämlich zeitgenössische, insbesondere auch provozierende Kunst zu zeigen, erreicht. Vielleicht hilft beim Abschiednehmen ein Abstecher in das Museum für Sepulkralkultur, übrigens auch ein Spielort der documenta.

Nebenbei: Die diesjährige Skandalinszenierung wird zur Folge haben, dass die nächste documenta mit weitreichenden, vorausschauenden Kontrollregeln rechnen muss. Gleiches dürfte für andere staatlich alimentierte Kunst- und Kulturveranstaltungen gelten. Es wird nachzuweisen sein, dass keine Werke mit antisemitischen Inhalten gezeigt werden. Dem kann man zustimmen, wobei Diskussionen hinsichtlich der Trennlinie zwischen Antisemitismus und politischer Kritik notwendig sein werden. Darüber hinaus ist allerdings zu erwarten, dass sich das Prinzip ausweitet und auch Werke mit potentiell rassistischen, sexistischen, antiqueeren, antireligiösen usw. Spurenelementen einbezogen werden. Ob ein solches Regelwerk für das Verständnis von Kunst und die Kunst selbst hilfreich ist, wird sich zeigen. Oder wird das Prinzip der Kunstfreiheit gleich mit abgeschafft?

Ist ein Besuch in Kassel nun zu empfehlen? Nein und Ja. Die documenta an sich kann man/frau sich schenken, jedenfalls dann, wenn es nur für einen eintägigen Besuch reicht und ausschließlich die Spielorte in der Mitte der Stadt besucht werden. Aber vielleicht gibt es ja an anderen Tagen und an anderen Stellen Spannenderes zu entdecken.

Erfreulicher sieht es mit der Stadt selbst aus. Galt Kassel lange Zeit aufgrund seiner vorherrschenden Nachkriegsarchitektur als langweilig wie Toast Hawaii, mit Fleischsalat gefüllte Tomaten und Käsespieße, so ändert sich das Bild mehr und mehr. Die Architektur jener Jahrzehnte hat inzwischen einen historischen Status erlangt. Ergebnis ist eine neue Wahrnehmung. Die Fassadengestaltungen wirken im Vergleich zu heutiger Architektur gar nicht mehr bieder, sondern durchaus modern, wohlproportioniert, feingestaltet und vor allem ohne jeglichen Größenwahn. Es darf vermutet werden, dass viele Erscheinungen der gegenwärtigen Architektur in wenigen Jahrzehnten intensivere Unlust hervorrufen werden als die ihrer Vorgänger in Kassel. Das Ensemble der Bauten aus den 1950er und 60er Jahren ist in dieser Dichte einmalig und sollte gepflegt und erhalten werden. Also, ja, Kassel ist eine Reise wert.

Die documenta hingegen muss sehen, wo sie bleibt und was sie künftig will. Das diesjährige Konzept, das wie mit Zauberhand jegliche Gegenwartskunst zum Verschwinden gebracht hat, mag von dem gutgemeinten Ansatz getragen sein, eine alternative Vorstellung von eben jener Zeitgenössischen Kunst zu präsentieren: Ohne individuelle Kreativität von KünstlerInnen, ohne Stars, ohne westliche Hegemonie und ohne kommerzielle Strukturen. Das ist ehrenwert und verdient Respekt. Und dennoch bleibt etwas auf der Strecke, das einmal die documenta geprägt hat: Spannende, provozierende Kunst. Als Bild, Skulptur, Video, Aktion oder Performance. Ob die Zukunft hingegen darin liegt, vor allem die Ergebnisse kollektiver Schaffensprozesse wohlmeinender, zeitgeistaffiner AktivistInnen, KünstlerInnengruppen und KuratorInnen zu präsentieren, darf bezweifelt werden. Das in Verruf geratene westliche Kunstverständnis muss sich trotz aller Kritik schließlich nicht schämen oder verstecken. Individuelle Werke individueller KünstlerInnen treiben den Stachel der Unruhe mitunter tiefer ins Bewusstsein des Betrachters als gutgemeinte Pädagogik. Zeitgenössische Kunst ist mehr als Agitprop im zeitgenössischen Format.

 

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