Kunst nach dem Internet

von Ulrich Metzmacher

Vor wenigen Jahren tauchte in den Feuilletons und Magazinen der Begriff Post Internet Art auf. Offenbar gab es eine gewisse Sättigung, was die bis dahin etablierten Formen internetbasierter Kunst anbelangte. Was nicht im Netz gezeigt wird oder dort schnell wieder untergeht, hat es schließlich schwer, überhaupt wahrgenommen zu werden. Da musste etwas Neues her. Nicht zuletzt ging es dabei auch ums Geldverdienen.

Häufig wird 2014 als Geburtsjahr der Post Internet Art genannt. Wie immer bei neuen Begrifflichkeiten ging es im ersten Schritt um das Framing, das heißt die Kreation und Verbreitung eines sprachlichen Rahmens, der die Aufmerksamkeit des Publikums auf ein bestimmtes Produkt lenkt. In der Politik ist diese Strategie schon lange gebräuchlich. Begriffe werden geschaffen und anschließend durch Wiederholung möglichst nachhaltig besetzt. Irgendwann sind sie dann wie selbstverständlich präsent. Post Internet Art bezeichnet deshalb nicht unbedingt einen Trend jenseits des Internets, wie man zunächst meinen könnte. Dieses ist ja nun einmal da und es wird sich weiter ausbreiten. Das wird von der Post Internet Art auch gar nicht negiert. Ganz im Gegenteil geht es gerade um sein unhinterfragtes, selbstverständliches Dasein. Post Internet Künstler müssen über das Netz nicht mehr großartig reden. Sie sind mit ihm aufgewachsen und sozialisiert worden, so wie es in vorangegangenen Generationen kein Thema war, dass es Bücher gab. Sie waren einfach vorhanden.

Neu an der Post Internet Art sind dennoch einige Abgrenzungen zu den Vorgängerformen. Früherer Netzkünstler und Künstlerinnen verstanden sich meist als konsum- und medienkritisch. Sie produzierten oftmals, bei möglichst deutlicher Abgrenzung zum etablierten Kunstmarkt, prinzipiell Instabiles und nur kurzzeitig Wahrnehmbares. Dann war der Spuk wieder vorüber. Das Kunstwerk verschwand im Nirwana des Netzes, und der Künstler blieb, wenn auch ehrenvoll, … arm. Dass dies nicht auf Dauer befriedigte, ist verständlich, zumal postmoderne Theorien bereits den Boden für weniger Skrupel bereitet hatten. Dem anything goes folgte ein anything is allowed. Die neue Generation der etwa ab 1980 Geborenen sah sich frei von den ideologiekritischen Selbstbegrenzungen ihrer Vorgänger und fragte, ob sich Internet und pekuniärer Erfolg nicht vielleicht doch irgendwie verbinden ließen. Auch ein Künstler und eine Künstlerin wollen schließlich irgendwie ihre Kühlschränke füllen. Dafür musste man einen Weg in die Galerien, das heißt den konventionellen Kunstbetrieb finden. Außerdem ging es um ein Produktangebot mit wiedererkennbarem Label, Post Internet Art eben.

Es ist nicht unbedingt ein neuer Stil, der kreiert wurde. Dada und Fluxus wurden ebenso als Vorformen betrachtet wie die Video- und Digitalkunst der Vorgängergeneration. Mehr ist es die neue Haltung, frei von allen gesellschafts- und medienkritischen Ambitionen, eine Haltung, die alles ausprobiert, was möglich ist. Bilder jeglicher Quellen als Ausgangsmaterial gehören ebenso dazu wie Skulpturales oder Geformtes aus dem 3-D-Drucker. Das grenzt, wenn man so will, an Beliebigkeit, und Kritiker wie Brian Droitcour beschreiben ein wenig pathetisch, warum sie die Post Internet Art nicht mögen.

Was machen sie denn nun, die Post Internet Künstler und Künstlerinnen? Mit den Surrealisten, mit Dada, Fluxus, der Konzeptkunst, mit Performances und allerlei Avantgardistischem hatten sie sich aufmerksam befasst und einiges davon gelernt. Darüber hinaus schien das Internet, zumindest eine Zeit lang, Medium der Wahl, wenn es darum ging, privat Intimes sowie öffentlich Diskursives kreativ zu vermischen und das Ganze irgendwie in den Verwertungskreislauf Kunst einzuspeisen. Instagram, Facebook und Co. haben durch ihre Pöbelisierungstendenzen das Internet dann im Laufe der Jahre allerdings ein wenig diskreditiert. Auch dies begründete den Impuls, aus dem Internet hinaus in die richtige Galerie zu streben. Die Dinge sollten auf diese Weise ihre virtuelle Flüchtigkeit verlieren und an Wertigkeit gewinnen. Nun wurden zum Beispiel Bilder, egal welcher Herkunft, in Lebensgröße auf Platten gezogen, der 3-D-Scanner zum Einsatz gebracht und allerlei Multimediales zwischen Hiphop und Koks, mitunter auch performativ, inszeniert. Anschließend, und das ist Teil des Witzes, landet das Ganze als Zweitverwertung beziehungsweise als Marketingmaßnahme doch wieder im Internet, in Form einer Fotografie oder eines Video des Werkes, als Blog oder Facebooknotiz. Aber das scheint ein Wesensmerkmal der Post Internet Art zu sein, dieses Changieren zwischen manifesten, eben auch galerietauglichen Produkten einerseits und der Nutzung der inzwischen klassisch gewordenen webbasierten Distributionskanäle andererseits.

Das mag als inkonsequenter Rückfall erscheinen, um Zeitgeistiges irgendwie verkaufen zu können. Andererseits ist eine solche Erscheinung ja nicht neu, und das Internet ist hervorragend geeignet, um Marcel Duchamp oder Andy Warhol noch einmal neu zu erfinden. Beide hatten verstanden, was sich mit der industrialisierten Produktionsweise und der künstlerisch umgemodelten Version ihrer Güter anstellen ließ. Etwas aus seinem ursprünglichen Zusammenhang Gerissenes neu montiert, nichts anderes waren die Readymades und häufig geht auch Post Internet Art diesen Weg. Mehr noch, was bei Marcel Duchamp noch singulär blieb, kann unter heutigen medialen Bedingungen sofort jedermann und jederfrau zugänglich gemacht werden, noch wesentlich konsequenter, als dies zu Andy Warhols Zeiten der Fall war.

Aus Sicht der gesellschafts-, kultur- und medienkritisch Erprobten der in den sechziger und siebziger Jahren Geborenen mögen ihre Nachfolger, die Post Internet Künstler und Künstlerinnen als korrumpierte Verräter erscheinen, denen es nur um die Kohle geht. Aber eine solche Haltung erscheint ein wenig naiv. Die kunstrevolutionäre Distanz zum Kommerz war ein Sonderfall (habe mich hier übrigens gerade vertippt: Sündenfall stand da plötzlich auf dem Bildschirm). Von Luft und Kunst allein lässt sich bekanntlich nicht leben, und staatlich alimentiert zu werden, ist auf Dauer auch peinlich. Man kann verstehen, wenn Künstlerinnen und Künstler zum Warenverkauf drängen. Das Besondere heute? Es handelt sich bei den Post Internet Artisten um eine Generation, die online aufwuchs und die Netzwelt oder die wirkliche Wirklichkeit genauso wie Bücher oder Kunstwerke als Inspiration für eigene Werke versteht. Analog oder digital ist dabei eine obsolet gewordene Dichotomie. Man bedient sich aller zur Verfügung stehenden Quellen und schafft daraus Neues, zunehmend auch Manifestes, bindet das Netz zur Distribution jedoch ein. Duchamp und Warhol im Internetzeitalter eben. Eine wirkliche Revolution ist das freilich nicht. Muss es ja auch nicht sein.

Hier noch einige Links zum Thema:

Furchtlos im DatenstromWie ich versuchte, Post-Internet-Art zu verstehen, What is Post Internet Art?, Post-Internet Art: Normcore in Zeiten des Hyperkapitalismus, What Is Post-Internet Art? Understanding the Revolutionary New Art MovementZuckende Zeichen, The Perils of Post-Internet Art, Post-Internet Art: The Search for a Definition

 

Zurück