Jedes Foto ist wie ein kleiner Tod

von Ulrich Metzmacher

In einem Interview mit dem Spiegel äußerte sich im Jahr 1994 der damals 71jährige Richard Avedon zu einigen grundsätzlichen Fragen der Fotografie. Natürlich, so Avedon, müsse man als Fotograf jedes Bild moralisch vertreten können. Man dürfe niemandem schaden, nur um ein starkes Bild zu bekommen. In den Ohren heutiger Medienkonsumenten mag das fast schon ein wenig altmodisch klingen, denn nichts ist gefragter als das Skandalbild. Für Avedon galten da noch andere Maßstäbe.

Beim inszenierten Portrait sei kaum vermeidbar, dass geschauspielert wird, aber auch der Fotograf, so Avedon, bringe seine Vorstellungen ein. Ein gutes Bild komme unter diesen Bedingungen nur dann zustande, wenn eine Beziehung zwischen beiden entsteht, auch weil kaum ein Mensch eine homogene Persönlichkeit ohne Widersprüche bildet. Der Triumph eines Fotografen ist es, Ordnung aus dem Chaos zu schaffen, ohne das Chaos dabei zu verraten. Dabei, betont Avedon an anderer Stelle des Interviews, gelte: Die Oberfläche ist das einzige, womit ich arbeiten kann. Indem man das Leben bzw. das Antlitz einer Person anhalte, werde durch die Fotografie zwar eine Form von Unsterblichkeit, aber eben auch eine Art Tod geschaffen. Das Bild zeige jedoch nie die Wahrheit und auch beim Portrait handele es sich nicht um eine Abbildung, sondern um eine Meinung. Es gebe deshalb keine falschen Bilder. Alle Fotografien sind richtig – aber eben nicht wahr.

Vergleichbares gilt für andere fotografische Genres. Viele Motive sind so klischeebelastet, dass es besonderer Anstrengungen bedarf, diese beim Fotografieren zu durchbrechen. Wer lediglich dem unbewussten Blick folgt, reproduziert meist nur Abziehbilder bereits vorhandener Schemata. Die Fähigkeit zum absoluten, davon freien Blick ist hingegen eine unmittelbare Funktion der Fähigkeit, einen eigenen autonomen Standpunkt einnehmen zu können. Letztlich handelt es sich hier um die Frage nach der Wertehaltung als Filter des Fotografierenden. Dazu Avedon: Ein Adler kann seine Augen wie ein Zoom-Objektiv auf Beutetiere einstellen. Auf vergleichbare Art hat sich auch mein Auge so entwickelt, dass ich heute ausschließlich wahrnehme, was mich interessiert. Avedon war sich stets bewusst, dass dies jedoch lediglich den ersten Teil einer nicht-trivialen Thematik darstellt.

Die Frage, ob ein Foto auch gezeigt werden soll, unterliegt weitergehenden Überlegungen und Kriterien. Es gibt Bilder, bei denen die Moral eine öffentliche Verbreitung verbietet. Aber dies ist eine schwierige Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Ich bin bis heute nicht sicher, ob Bilder von Grausamkeiten tatsächlich das bewirken, was sie bewirken sollen. Tragen sie wirklich dazu bei, die Gewalt in der Welt zu beenden? Oder fördern sie unsere grenzenlose Fähigkeit zur Grausamkeit? Das hätte auch von Susan Sontag stammen können. Avedon nimmt hier einen Gedanken vorweg, der von ihr in dem Essayband Das Leiden anderer betrachten einige Jahre später ausführlich diskutiert werden sollte. Einige Aufnahmen von Opfern des Vietnamkriegs hat Avedon nie veröffentlicht.

Die Darstellung des Menschen gehört seit jeher zu den schwierigsten Disziplinen der bildenden Künste und somit auch der Fotografie. Ein sensibler Umgang mit den Erwartungen der zu portraitierenden Person bildet die eine Seite der Herausforderung, der gekonnte und möglichst unspektakuläre Umgang mit der Technik die andere. Im Vordergrund steht jedoch das Verständnis dafür, was beim Akt des Fotografierens eigentlich geschieht. Da wird im Bruchteil einer Sekunde eingefangen, was fortan etwas Bleibendes über den abgebildeten Menschen aussagen soll.

Bei der Portraitsitzung handelt sich um eine Beziehungssituation, die den Beteiligten vor und hinter der Kamera einiges abverlangt. Der oder die zu Portraitierende begibt sich mit einem bestimmten Selbstbild und, meist noch bedeutungsvoller, mit einem Idealbild der eigenen Persönlichkeit in die Sitzung. Der Fotograf oder die Fotografin verfügt hingegen über ein äußeres Fremdbild des Menschen vor der Kamera. Dies sind drei unterschiedliche Perspektiven, deren Gewichtung im Idealfall von den Beteiligten ausgehandelt werden muss, um zu einem von beiden Seiten akzeptierten Bildergebnis zu gelangen. Die Verständigung findet dabei in der Regel nicht explizit statt, sondern durch die Art des Umgangs miteinander. Das erfordert, wie Richard Avedon deutlich gemacht hat, entsprechende Fähigkeiten, insbesondere des Fotografen. Hinzu kommt das angestrebte Ziel des Portraits. Geht es, aus Sicht des Portraitierten, um die Fixierung einer biografischen Entwicklungsphase, um eine Darstellung für Dritte, etwa als Imagefoto, oder um die Absicht des Fotografen, zur Mehrung der eigenen Reputation das beeindruckende Bild eines Prominenten zu schaffen? Fotografische Portraits scheitern mitunter allein daran, dass dies nicht hinreichend geklärt ist. Unterschiedliche Interessen müssen sich aber nicht ausschließen und können durchaus zur Deckung gebracht werden. Dazu bedarf es der kommunikativen Kompetenz beider Seiten. Handelt es sich bei der Fotografie doch um ein folgenreiches Anhalten der Zeit. Nichts anderes meint die Metapher vom Foto, das wie ein kleiner Tod ist und so an das Memento mori erinnert.

Auch frühere Beiträge von fotosinn, etwa die Blogs vom 06.09.2018, 11.09.2018, 20.09.2018 oder 26.09.2018, haben sich bereits mit Fragen des fotografischen Portraits befasst. Vor allem jedoch sei das Spiegel-Interview mit Richard Avedon aus dem Jahr 1994 empfohlen. Beispiele für sein Werk sind auf der Website der Richard Avedon Foundation zu sehen. 

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