Isa Genzken in Goslar

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Kürzlich hat die Multikünstlerin Isa Genzken in der alten Kaiserstadt Goslar den renommierten Kaiserring verliehen bekommen. Nach der großen Ausstellung im New Yorker MoMA 2013/14 und der umfassenden Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau im Jahr 2016 gibt es zu diesem Anlass in Goslar zwar nur eine kleine Auswahl aus ihrem reichhaltigen Werk zu sehen, aber wir haben uns trotzdem gerne zu einem Besuch des Mönchehaus Museums auf den Weg gemacht. Und es hat sich durchaus gelohnt, wenn auch ein wenig anders als ursprünglich gedacht.

Der Tagesspiegel ernannte Isa Genzken einmal zur wichtigsten deutschen Künstlerin der Gegenwart, für das Kunstmagazin art gilt sie gar als eine der wichtigsten überhaupt und für die ZEIT ist sie die radikalste. Bildhauerische Beschränkungen kennt sie nicht, alles wird einbezogen. Das können raumfüllende Installationen mit sämtlichen nur denkbaren Materialien sein; Collagen, Skulpturen, Zeichnungen und Gemälde ebenso wie Filme und Fotografien. Grenzen gibt es nicht, schon gar keine Geschmacksgrenzen. Die mit Sonnenbrille und Kopfbedeckung verfremdeten Gipsbüsten der Nofretete gehören zu den bekanntesten Werken, vielleicht, weil Genzken diese sonst unberührbare, mit Panzerglas geschützte Ikone der Hochkultur mit einfachen Mitteln auf den Boden des Realen zurückholt und nahbar macht. Das erscheint typisch für ihr Verständnis von Kunst. Ehrfurcht vor irgendwelchen menschlichen Artefakten, wozu?

Die Biografie Isa Genzkens weist nach eigenem Bekunden Brüche und Abgründe auf. Über die gescheiterte Ehe mit Gerhard Richter, ihre Alkoholsucht und eine bipolare Störung hat sie in einem Interview mit dem Tagesspiegel offen gesprochen. Vielleicht liegt aber auch gerade hier ein Teil der Antwort auf die Frage, woher sie die Energie für ihre Kunst nimmt. In den Werken erkennt man jedenfalls eine kraftvolle Phantasie, die als Basis ein feines Gespür für die Entwicklungen dieser Welt vom Lächerlichen bis zum Gefährlichen aufweist.

Das müssen wohl auch die Juroren in Goslar so gesehen haben. Der Kaiserring wird seit 1975 jährlich an eine herausragende Künstlerin oder einen herausragenden Künstler verliehen. Zu den bisherigen Preisträgern gehören eine Reihe der bekanntesten Akteure der internationalen Szene. In der diesjährigen Urkunde heißt es: Die Stadt Goslar verleiht Isa Genzken den Kaiserring der Stadt Goslar für ihre Klarheit wie ihre Freiheit im Umgang mit Formen und Materialien. Die Egalität der Motive und Objekte bei Isa Genzken bezeugen ihre komplexen Reflexionen der tiefgreifenden Veränderungen im Umgang mit Bildern in den letzten Jahrzehnten.

Häufiger Bestandteil ihrer Installationen und Collagen sind Fotografien verschiedenster Art. Das können Bilder aus Illustrierten ebenso sein wie eigene Portraits. Aber gerade durch dieses Nebeneinander entsteht eine Nivellierung, die ein vorherrschendes Merkmal der Zeit darstellt. Bilder begegnen uns überall und jederzeit. Dabei mag die Überflutung einerseits zu Abstumpfung und im digitalen Zeitalter auch zum Zweifel an deren Authentizität führen, auf der anderen Seite geben uns die Bilder wesentliche Deutungen dieser Welt vor. Wir nehmen die Dinge am Ende so wahr, wie es die dargebotenen Fotografien nahelegen. Das hat etwas potentiell Manipulatives an sich und nicht ohne Grund wird oftmals von der Macht der Bilder gesprochen.

Gleich im Eingangsbereich der kleinen Ausstellung im Mönchehaus Museum befindet sich eine größere Installation; sieben Säulen aus hölzernen Latten und Balken, die jeweils mit verschiedenen Objekten aus Materialien allerlei Art versehen sind. Der Ausstellungskatalog zählt dazu Spiegelfolie, Glas, Plastikblume, Zigarette, Alufolie, Sprühfarbe, Gips, Acrylfarbe, gewebtes Polypropylen, Medikamenten-Beipackzettel, farbiges Klebeband, Fotografien, Plastikbeutel, Metallclips, Zeitschriftencover, Zeitung, Aluminium, Papier, MDF. Die Aufzählung verweist idealtypisch auf Genzkens Collagetechnik, die potentiell nichts auslässt und dadurch allen Dingen das gleiche Recht auf eine künstlerische Aufmerksamkeit zuspricht.

Trotz dieser Egalität der für die Installation verwendeten Objekte stechen für uns die beiden hochformatigen Fotografien mit Abbildungen von Wolkenkratzern hervor, die eine der Säulen schmücken. Das mag mit der eigenen selektiven Wahrnehmung zu tun haben. Schließlich befinden wir uns auf der Suche nach dem Fotografischen in Genzkens Werk und sehen deshalb vielleicht vorzugsweise das, was wir auch sehen wollen. Dennoch, die Wolkenkratzerbilder erfüllen in der Installation eine über unsere Partikularsicht wohl hinausgehende Funktion, denn durch sie wird unmittelbar, ohne dass man es verhindern könnte, eine Sinndeutung hinsichtlich der Säulen angeboten. Wir sehen in ihnen nicht Marterpfähle oder eine neue Serie Ikea-Regale, sondern ausschließlich Symbole für Hochhäuser, ob wir wollen oder nicht. Und auch die übrigen Bestandteile der Installation werden, entsprechend dieser Vorprägung, auf ihren Bezug zum Thema Großstadt geprüft. Subtiler kann man die Macht der Bilder und deren Funktion für die allgemeine Wahrnehmung kaum zum Ausdruck bringen.

Im nächsten Raum begegnen uns Bildcollagen, die, wieder ganz Genzken-typisch, mit viel Klebeband, Folien und eingearbeiteten Fotografien versehen sind. Bei einigen dieser Fotografien handelt es sich um Bilder von Kunstausstellungen, so dass wir uns in einem selbstreferentiellen System wiederfinden, bei dem wir als Betrachter sogar mitspielen dürfen. Beim genauen Hinsehen können wir nämlich auf einigen der reflektierenden Folien unser Spiegelbild entdecken. Diese Verschränkung der verschiedenen Ebenen ist äußerst raffiniert: Wir stehen vor einer Collage, die unter anderem Menschen in einer Ausstellung zeigt, die Bilder betrachten, und erahnen zwischen den bunten Klebebändern… uns selbst.

Gehen wir weiter, treffen wir auf eine schwarze Kinderschaufensterpuppe, etwas seltsam gekleidet und mit goldenen Schuhen an den Füßen, sowie einen auf einem Klappstuhl hockenden Stoffaffen im gelben Friesennerz. Die Installation trägt keinen Titel, aber es drängt sich natürlich der Gedanke an Michael Jackson auf, mit dem sich Genzken auch schon an anderer Stelle befasst hat. Aber während etwa die Skulpturen des Sängers von Jeff Koons wie überdrehter Kitsch wirken, ist bei Genzken die Figur irgendwie gebrochen und verliert dadurch vollständig das billig Poppige. Man kann ihrer Selbstbewertung, sie sei viel besser als Koons, jedenfalls unbedingt zustimmen.

Nach diesen wenigen, aber dafür umso stärker wirkenden Arbeiten Isa Genzkens im Mönchehaus Museum ist man bereit für ein Kontrastprogramm. Dieses findet man in den beiden oberen Etagen. Im ersten Stockwerk lädt zunächst Bill Violas Anthem von 1983 zum Eintauchen in die auditive Grenzerfahrung des durchdringenden Schreis eines Mädchens ein. Der stark abgedunkelte Raum fördert die Konzentration auf die elektronisch verfremdeten Urlaute, die an Wolfsgeheul ebenso erinnern können wie an die ewige Hymne aus den Tiefen der Unendlichkeit.

Steigt man anschließend aus der Dunkelheit eine weitere Etage in die Höhe, findet man sich in der bonbonfreundlich hellen Installation „Shameless“ der diesjährigen Kaiserringstipendiatin Stella Förster wieder. Das ist nun wieder eine gänzlich andere Welt als die Bill Violas. Wir sehen jede Menge hübsch aufgebauten Nippes, der aussieht, als habe jemand einen gut sortierten Kreuzberger Krempelladen aufgekauft und die ganzen Utensilien ordentlich zu mysteriösen oder lustigen Installationen zusammengefügt. In sich ist das Ganze sehr schlüssig und der vollgestopfte Raum hat eine kohärente, konsistente Ausstrahlung. Irgendwie nett, sich nach den Anstrengungen Isa Genzkens und der Düsternis in der ersten Etage hier oben der Leichtigkeit des Seins hingeben zu können. Nur, irgendwann muss man ja dann auch wieder hinabsteigen.

Unser Fazit: Der Kaiserring löst Ehrfurcht aus. Wie hat es dieses Städtchen im Harz geschafft, eine solche Tradition mit den Who-is-who der Moderne zu begründen? Egal, Isa Genzken hat den Preis verdient. Man muss aber nicht extra hinfahren, wenn man nicht sowieso in Goslar noch andere Dinge vorhat. Dazu sind die Exponate doch reichlich wenige. Aber da gibt es ja auch noch Bill Viola, wie fast immer recht eindrucksvoll, und Stella Förster, die wir als Neuentdeckung verbuchen.

Im Mönchehaus Museum Goslar sind Isa Genzken noch bis zum 28. Januar 2018 zu sehen, Bill Viola bis zum 31. Dezember 2017 und Stelle Förster ebenfalls bis zum 28. Januar 2018. Wobei das mit den wenigen Exponaten Isa Genzkens, wenn ich es mir recht überlege, eigentlich gar nicht so schlecht ist. Da sieht man sich die Dinge jedenfalls gründlicher an als bei einer riesigen Werkschau. Dies noch als Nachtrag zur Reiseempfehlung.

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