Inflationäre Tendenzen in der Fotografie

von Ulrich Metzmacher

Folgt man Peter Sloterdijk, so haben die Schrecklichen Kinder der Neuzeit nicht immer verstanden, wohin sie durch die Dialektik des Weltgeschehens getrieben wurden. Gutes wollen bedeutet eben noch lange nicht, auch immer Gutes zu erreichen. Aber solange man sich auf der Fortschrittsspur mit den jeweils aktuellen Korrektheitsnormen zu befinden meint, ist der Sinn für einen reflexiven Metablick schnell einmal betäubt.

Künstlerische Befreiung bewirkt neben der Ablösung von etablierten Konventionen auch, dass mancher bei Sonnenuntergang ein wenig orientierungslos im Gelände herumsteht. Warhol und Beuys wussten ihre Rolle im Kunstzirkus sehr wohl einzuschätzen. Das intellektuelle Volk wollte moderne Spiele und tiefsinnig klingende Deutungen. Dieses Bedürfnis ließ sich bedienen, auch wenn einige der Geschichten um die Großmeister frei erfunden waren und ihr Eigenmarketing nicht selten an Blödsinn höherer Art erinnerte. Damit waren sie aber nicht allein. So mancher Begleitkommentar zu Veranstaltungen der Contemporary Art klingt auch heute wie eine bekiffte Mischung aus Jacques Derrida und Karl Valentin. Das Publikum versteht die Dinge nicht so recht, bemüht sich aber und verharrt in Ehrfurcht.

Hat der Verlust von Orientierung in die Beliebigkeit geführt? Die als Witz gemeinte Frage, ob das Kunst sei oder weg könne, ist im Einzelfall gar nicht so leicht zu beantworten. Es handelt sich um die banale Folge eines partiellen Entwertungsprozesses. Das Wachstum der Beliebigkeit ist, mit Sloterdijk, in Analogie zu Vorgängen der monetären Sphäre, als symbolische Inflation zu beschreiben. Wenn jeder zum Star werden und jeder ein Künstler sein kann, ist das zwar aufgeklärt und nett gedacht, jedoch mit der Gefahr eines Bedeutungsverlustes verbunden. Ist nicht mehr entscheidbar, ob etwas Kunst ist oder weg kann, wird auch die Kategorie Scharlatanerie überflüssig. Nicht zuletzt für die Fotografie ist dies zu einem ernsthaften Problem geworden.

Heute lässt sich so gut wie alles per Internet von leistungsfähigen Großdienstleistern mit Passepartout und edler Rahmung so verpacken, dass es in Galeriequalität nach Kunst aussieht. Und wer als wirklicher Fotokünstler etabliert und gut im Geschäft ist, kann es sich auch schon wieder erlauben, auf Passepartout sowie Rahmung zu verzichten und heftet die Bilder mit Klemmen oder Nadeln nackt an die Galeriewand. Entscheidend ist das Narrativ, das um Künstler und Werk inszeniert wird und trotz postmoderner Beliebigkeit so etwas wie eine Aura entstehen lässt. An sich belanglose Fotografien werden so zur teuren Ware. Eine Reihe gleicher Bilder würde als Bestandteil einer Max-Mustermann-Präsentation in der Rathauskantine wenig Beachtung finden. Das Ambiente der gerade angesagten Galerie ist der Nährboden, die Story um die Bilder der Treiber und der Feuilleton-Nimbus das Kapital, durch das ein fotografisches Werk erst marktfähig wird. Wie bei jeder zeitgenössischen Kunst.

 

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