Gutes böses Instagram

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Die sogenannten Sozialen Medien dienen in der Regel der positiven Selbstdarstellung, ob nun bei der eigenen Performance im öffentlichen Attraktivitätswettbewerb, bei Influencer-Kampagnen im Konsum- und Meinungsbereich oder beim guten alten Produktmarketing. Glaubt da noch jemand, die Internetmedien seien lediglich nette Spielzeuge, deren uneigennütziger Sinn darin besteht, als Surrogat für die im richtigen Leben anstrengend gewordenen sozialen Beziehungen zu dienen?

Das aktuelle ZEIT-Magazin berichtet über Beispiele aus der internationalen Selfie- und Instagramwelt. Da wird ohne Ende gepostet, was das Zeug hält, wo auch immer man sich gerade befindet. Je ungewöhnlicher der Ort oder der Selfieblick auf das eigene Antlitz, umso besser. Das gibt Punkte im Singularitätswettbewerb. Ein recht kluges Buch zur allgegenwärtigen Anforderung, etwas Besonderes darstellen oder gar kuratieren zu müssen, hat übrigens, das nur am Rande, Andreas Reckwitz geschrieben. Zurück: Das ZEIT-Magazin gelangt, zusammengefasst, zu der Erkenntnis, dass die heutige Bildästhetik nicht zuletzt durch Instagram definiert wird. So ist, etwa bei der Reisefotografie, eine auffällige Konzentration auf bestimmte wiederkehrende Motive festzustellen. An immer mehr Orten der Welt wird dies mit Hinweisen auf die angesagtesten Selfie-Hotspots unterstützt. Am Ende werden wir dann wohl nichts anderes sein als fotografierendes, manipuliertes Massenvieh, so das Fazit nach der ZEIT-Lektüre. Was da beschrieben wird, ist jedenfalls wenig attraktiv. Wir möchten doch viel lieber etwas Besonderes sein.

Okay, wir haben die Botschaft der ZEIT verstanden. Instagram zeigt homogenisierte Massenbilder, und fotografisch sind wir eine willige Herde. Professionals haben das verstanden. Geschickte Tourismusexperten und Designer öffentlicher Räume bereiten die Welt auf uns vor und gestalten sie selfietauglich. Weil wir dies nun wissen, sollte man da, auch aus Selbstschutz, die Instagram-App nicht einfach abschalten? Bevor man jetzt allzu fix zur Tat schreitet: Man kann das Ganze auch gegen den Strich interpretieren und für sich nutzen. Instagram bietet nämlich für das ambitionierte Fotografieren unendliche Möglichkeiten des Lernens.

Leute, verfolgt Instagram! Nicht, um in den abertausenden von Bildern die ultimative Fotografie mit Kunstanspruch zu entdecken, sondern, ganz im Gegenteil, um zu verstehen, dass wir selbst mit den eigenen Bildern häufig nichts Besonderes vollbracht haben. Das meiste von dem, was wir an unseren Fotografien für künstlerisch wertvoll oder außergewöhnlich gelungen halten, findet sich bei Instagram in hundertfacher Duplizität. Und schon ist Schluss mit dem eigenen Heldenstatus. Das mag man als narzisstische Verletzung empfinden. Dennoch oder gerade deshalb: Die Enttäuschung kann hilfreich sein.

Solange wir in der Lage sind, uns selbstkritisch zu betrachten, wächst die Chance für ein differenzierendes Gespür, ob wir lediglich einem Trend nachjagen, der, natürlich rein zufällig, von vielen anderen geteilt wird, oder ob wir auf einem eigenständigen Weg sind. Das muss nicht unbedingt heißen, in Zukunft nur noch so zu fotografieren, wie es vor uns niemand sonst getan hat. Wirklich originell zu sein, gelingt ganz selten. Aber es geht darum, einer Mode nicht deshalb zu folgen, weil diese gerade angesagt ist, sondern eigene Ziele zu entwickeln. Instagram kann hier den kritischen Blick schärfen. Schnell erkennt man an der hundertfachen Wiederholung, welche Stile und fotografische Techniken gerade weltweit en vogue sind. Und wie uns diese, vielleicht unbewusst, beeinflussen.

Auf den Zug des Massenhaften aufzuspringen, mag ja durchaus zum Erfolg führen, wenn man die gewonnenen Herzchen oder Likes zum Maßstab nimmt. Aber das bleibt eine flüchtige Instantstrategie. Schnell angerührt, aber auch schnell fade. Ich weiß, das muss nicht so sein. Mitunter wurde fotografisch schon das große Los gezogen, weil ein Bild genau den Nerv der Zeit getroffen hat. Aber dies bleibt, als Überraschung, die Ausnahme. Breitet sich ein Trend auf Instagram erst einmal aus, ist die Phase des plötzlich Neuen in der Regel längst vorüber. Instagram ist Mainstream. Aber gegen den Strich gebürstet, bedeutet dies, dass wir die Plattform nutzen können, um Neues, ich meine: wirklich Neues, auszuprobieren. Es ist wie ein Test, ob ein Bild funktioniert, ob es irgendeine Resonanz findet oder im großen Rauschen der Beliebigkeit und Belanglosigkeit untergeht. Den Massengeschmack für sich zu gewinnen, sollte dabei nicht das entscheidende Ziel sein. Kein positives Feedback zu erhalten, natürlich aber auch nicht.

Diese Teststrategie wird immer einen Rest von Unkontrollierbarkeit aufweisen. Da mögen Art Direktoren und Marketing Experten noch so ausgeklügelt kalkulieren, welche Trends in der Bildsprache der nächsten Saison Erfolg versprechen, es bleibt immer die Chance des Überraschenden. So mancher Trend, ob in der Mode, ob in subkulturellen Symboliken oder in der Kunst, ist plötzlich da, ohne dass dies jemand hätte vorhersagen können. Gerade, weil sich das nicht planen lässt, mag das Denken in Form negativer Dialektik sinnvoll sein: Denn das, was im Moment auch alle anderen tun, wird sicherlich nicht der ästhetische Hingucker von morgen sein. Genau dies ist der Punkt: Instagram kann hilfreiche Dienste leisten, wenn es darum geht, die Mehrzahl der eigenen Fotografien als gewöhnliche Massenware zu identifizieren. Aber gerade das mag uns dazu bringen, etwas auszuprobieren, das man nicht bereits tausendmal gesehen hat. Leute, verfolgt Instagram! Da gibt es viel zu Lernen.

 

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