Georg Simmel und der Realismus in der Kunst

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Die Frage, welche Beziehung ein Bild zur Realität aufweist, ist vielleicht so alt wie die Kunst. Platon hatte den Gedanken auf die Spitze getrieben, als er sogar die Realität selbst auf den Prüfstand stellte und den bildenden Künsten die Fähigkeit absprach, deren Wesen erkennen zu können. Über die Jahrhunderte nach Platon hat sich die Kunst dann jedoch weniger mit solchen grundsätzlichen Erkenntnisfragen befasst. Alltagspraktisch genügte es, das gemalte Bild als Ausdruck des Erlebten oder als Symbol von Hoffnungen und Ängsten zu betrachten.

Von der Höhlenmalerei bis zum Ausgang des Mittelalters waren die bildenden Künste geprägt durch Mythos und Religion. Dies änderte sich mit der Renaissance, als erstmals die konkrete Sicht des konkreten Individuums auf seine konkret erlebte Umgebung zum Thema wurde. Die Entdeckung der Zentralperspektive war Ausdruck dieses folgenreichen Paradigmenwechsels. Nun erst ging es um die Beziehung zwischen individueller Weltwahrnehmung auf der einen und dem auf einer Leinwand Abgebildeten auf der anderen Seite. Der Naturalismus hat dies im 19. Jahrhundert zu Ende gedacht. Die Korrespondenz von Bild und Wirklichkeit galt nun als Ziel künstlerischen Bemühens. Mit dem Aufkommen der Fotografie im gleichen Jahrhundert wurden die Dinge jedoch auch schon wieder komplizierter, denn die Malerei hatte sich fortan einer Konkurrenz zu erwehren, die das Ganze offenbar in besonders exakter Weise zu leisten vermochte. In verschiedenen fotosinn-Essays, etwa Raum und Fläche oder Höhlenbilder, haben wir das Bildverständnis von Platon über die Renaissance bis in die Postmoderne näher beleuchtet.

In seinem Aufsatz Vom Realismus in der Kunst aus dem Jahr 1908 hat sich der Soziologe Georg Simmel mit dem naturalistischen Dogma befasst. Um die Fotografie ging es dabei nur am Rande, und dennoch lassen sich Simmels Gedanken, auch wenn dies nicht seine Intention war, wie ein Beitrag zur Theorie des fotografischen Bildes verstehen. Bereits im ersten Satz des Artikels wird das deutlich, insbesondere wenn man gedanklich den Begriff bildende Kunst durch Fotografie ersetzt: Dass das Werk der bildenden Kunst seinen „Gegenstand“ außer sich hat, mit dessen Formen und Farben es übereinstimmen kann, - dies hat dem Denk- und Sprachgebrauch Gelegenheit gegeben, jedes Werk dieses Gebietes vor die Frage nach seiner Naturwahrheit zu stellen und es je nach dem Maße jener Übereinstimmung als mehr oder weniger „realistisch“ oder „naturalistisch“ zu bezeichnen. Die Begriffe Realismus und Naturalismus werden dabei von Simmel - vor den folgenden Überlegungen sei dies hervorgehoben - nicht streng voneinander getrennt und häufig nahezu synonym verwendet.

Für die Fotografie war das Naturwahrheitsparadigma von Beginn an prägend, und lange Zeit herrschte eine Sichtweise vor, die nicht zuletzt mit Bezugnahme auf die Aufnahmetechnik das sachlich Dokumentierende des Mediums betonte. Erst in den Jahren nach Simmel, er starb 1918, wurden die Voraussetzungen der fotografischen Bildherstellung kritischer reflektiert. Nun rückten die subjektiven Gestaltungsmöglichkeiten, aber auch die kulturellen und ideologischen Kontexte sowie, darüber hinaus, einige radikale erkenntnistheoretische Fragestellungen in den Fokus der Betrachtungen. Strukturalistische und postmoderne Theorien bilden den gegenwärtigen Endpunkt dieser Reflexionen. Georg Simmel war hiervon, vordergründig jedenfalls, weit entfernt.

Indem er die Wirklichkeit an sich als etwas Metaphysisches ansah, folgte Simmel dem platonischen und insbesondere dem kantianischen Denken. Demnach sind alle Erkenntnisse nicht aus den Objekten selbst herleitbar, sondern Ergebnis der Geistestätigkeit des Menschen. Dessen Vorstellungen der Dinge bilden die Basis seiner Erfahrungen. Folgt man diesem kantianischen Gedankengang Simmels, ergibt sich eine Definition realistischer Kunst, die auf der Äquivalenz des subjektiven Erlebens bei der Betrachtung eines Objektes und dessen bildlicher Darstellung beruht. Dies bedeutet aber nicht, dass die äußerliche Gleichheit zwischen den Dingen und dem Kunstwerk, also die Erscheinungsebene, entscheidend ist, sondern es sind vielmehr die im Subjekt ausgelösten Eindrücke und Reaktionen. Ein Kunstwerk kann den gleichen Erfolg mit ganz anderen Mitteln, mit einem ganz anderen Inhalt herbeiführen. Es liegt nur am nächsten, diese Gleichheit der psychologischen Wirkung durch möglichst genaue Nachahmung der Dinge der wirklichen Welt zu erzielen; allein es kann auch auf andere Weise, durch Umwege und Übertragungen, durch Symbole und Analogien geschehen.

Die Fotografie bildet, überträgt man Simmels Gedankengang, einen Extremfall des Realismus, da sie, wie man lange Zeit dachte, an die genaue Nachahmung der äußeren Objekte gebunden ist. Für Simmel war sie damit weit entfernt von einer Erfüllung höherer Kunstansprüche. Beschränke man den Realismus auf ein derart enges Verständnis, so mache man die exakt nachahmende Darstellung zum Selbstzweck. Der Naturalismus großen Stils habe sich demgegenüber, so Simmel, jedoch stets dadurch ausgezeichnet, dass er die subjektiven Wirkungen des Natureindrucks durch andere Mittel, als der Natureindruck selbst, zu erzeugen wusste. Mehr noch, die Bedeutung eines Kunstwerkes steige, wenn das Dargestellte gegenüber dem realen Objekt eine Selbstständigkeit aufweise und dennoch die psychologische Wirkung ähnlich sei. Nicht die nüchterne Nachahmung der realen Objekte ist demnach das Ziel, sondern die Auslösung der gleichen Empfindungen, wie sie bei der Betrachtung, etwa der Natur, gegeben sind.

Dass Georg Simmel der Fotografie aufgrund ihres, aus dem damaligen Verständnis heraus, mechanischen Realismus keine große Wertschätzung entgegenbrachte, hatten wir bereits im Beitrag Forderungen an das Portrait gesehen. Dieser Sichtweise folgend, erwähnt er auch im Aufsatz Vom Realismus in der Kunst die Fotografie nur beiläufig und eher als Beispiel für kunstfernes Bildschaffen. Der fotografische Realismus erschien ihm, mit unseren Worten, zu platt, um als Kunst gelten zu können. Erst der höhere Realismus, der auf die Photographie und den plumpen Effekt der „erschreckenden Wahrheit“ verzichtet, bei dem das Bild „aus dem Rahmen zu springen scheint“, könne ein Gefühl übermitteln, das nicht nur die Qualitäten der Wirklichkeit ohne die Wirklichkeit selbst, sondern auch das Glück der Wirklichkeit ohne die Wirklichkeit beinhalte. Dies klingt beinahe wie eine heroische Vorstellung von Kunst, der die Aufgabe obliege, das hinter den Erscheinungen liegende Wesen der Dinge aufzuspüren.

Nun stellt sich die Frage, warum wir Simmels Aufsatz trotz seiner Distanz zur Fotografie als interessanten Beitrag zu ihrer Theorie verstehen. Sie löst sich auf, wenn man den Erkenntnisstand seiner Zeit, also den vom frühen Zwanzigsten Jahrhundert, mit dem in Verbindung bringt, der sich hundert Jahre später zeigt. Heute gehört es zum postmodernen Allgemeingut, dass nicht nur jedes Wissen über die Welt als kulturell determiniert und prinzipiell relativ gilt, sondern selbst dem Konzept Wirklichkeit nichts Objektives anhaftet. Auch die früher übliche Vorstellung der Fotografie als einer Technik, die Realität neutral widerspiegelt, ist nun endgültig zerbröselt. Simmel hat das zu seiner Zeit in dieser Radikalität nicht gesehen. Aber er hat sich mit den Voraussetzungen der fotografischen Technik auch nicht näher befasst. Spätestens bei einer Analyse der objektivbedingten Zentralperspektive der Kamera hätte sich nämlich erkennen lassen, dass die vermeintlich neutrale Abbildung einer Konvention folgt, die alles andere als naturgegeben ist, sondern erst seit der Renaissance unseren Blick auf die Welt bestimmt.

Und dennoch, gerade weil uns heute bewusst ist, dass es sich bei Fotografien nicht um einfache Wiederspiegelungen handelt, sondern um gestaltete Artefakte, spricht nichts dagegen, sie in der gleichen Weise zu behandeln wie alle anderen Produkte der bildenden Künste, nicht zuletzt in ihren avantgardistischen und abstrakten Erscheinungsformen. Indem Simmel die durch ein Bild ausgelösten Empfindungen und Assoziationen als zentralen Schlüssel und im Übrigen auch als Bindeglied zur Wirklichkeit betrachtete, bezog er prinzipiell schon selbst jenseits des einfachen Naturalismus nicht nur die Impressionisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts, sondern implizit auch die expressionistischen Wilden seiner Zeit und jede andere Form von Kunst mit ein. Denn solange, folgt man Simmels Gedanken, durch ein Kunstwerk mentale Schwingungen ausgelöst werden, die denen einer alltagswirklichen Situation vergleichbar sind, lässt sich von Realismus sprechen, selbst wenn hierdurch die akademisch gezogenen Stilgrenzen verschwimmen. Und nur am Rande: Die Betitelung von Wolkenbildern als Äquivalente hat Alfred Stieglitz zu Beginn der Zwanziger Jahre aufgrund genau solcher Überlegungen vorgenommen.

Erleichtert wird die Entstehung von Äquivalenzvorstellungen, wenn das Bild, auch das abstrakte, einen Titel trägt. Für das Werk auf der Leinwand ist dies heute eine geläufige Sichtweise, und selbst das vollkommen gegenstandslose Bild kann dadurch zum Entstehen kognitiver und emotionaler Assoziationen führen. Hat ein Bild hingegen keinen Titel, bekommen die eigenen Phantasieaktivitäten des Betrachters Vorrang. Nichts anderes gilt in der Fotografie. Diese hatte sich bis zum Ende der wilhelminischen Kaiserzeit nahezu ausschließlich in konventioneller Form gezeigt und so das Verständnis Simmels geprägt. Auch die piktoralistischen Versuche einer Nachahmung traditioneller Bildkunst konnten seine Beurteilung der Fotografie nicht ändern. Erst nach Simmels Lebzeiten brachten in den Zwanziger Jahren das Neue Sehen, der Konstruktivismus, später auch die subjektive sowie abstrakte Fotografie Erscheinungsformen mit sich, die mit der Erfahrungswelt der Jahrhundertwende nichts mehr zu tun hatten.

Zusammenfassend führt das zu dem Schluss, dass Simmels Aufsatz Vom Realismus in der Kunst gerade dann auf die Fotografie anwendbar ist, je mehr sich diese von der konventionellen Ablichtung, wie noch im 19. Jahrhundert üblich, entfernt hat. Und die Frage, ob und warum eine Fotografie etwas in uns auslöst, ist ja keinesfalls irrelevant.

 

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