Genie und Gesellschaftskritik im Zeitalter des Virus

von Ulrich Metzmacher

Nicht selten wird dem Künstler (m/w/d) die Rolle eines Kritikers gesellschaftlicher Zustände angedichtet. Sein schonungsloser Blick hinter die Erscheinungen des Ungerechten, Hässlichen und Zerstörerischen ermögliche Erkenntnisse, so eine verbreitete Erwartung, die von der vernunftgesteuerten Gesellschaftsanalyse allein nicht zu erwarten sind. Erst im dionysischen Kunstschaffen eröffne sich der Zugang zur Wahrheit der Dinge.

Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert hat sich dieses Bild verbreitet. Sezession, Expressionismus, Surrealismus, Abstraktion, Performances, schließlich der Erweiterte Kunstbegriff. Dies nur einige Etappen der Kunst auf dem Weg zur Wahrheit. Aber auch hier gilt das dialektische Prinzip: Ohne Normalität nichts Herausragendes, nichts Exzeptionelles. Das Besondere bedarf der Hintergrundfolie des Durchschnittlichen, um überhaupt als solches erkannt zu werden. Für seine Wirkung, auch für das Selbstbild des radikalen Künstlers, ist es unabdingbar, dass der Rest der Welt im alltäglichen Einerlei vor sich hinlebt. Ohne röhrende Hirsche über den Sofas hätte es keinen dadaistischen Skandal gegeben.

Die Negation der alltäglichen Erscheinungsebene in Form künstlerischer Tiefenerkenntnis funktioniert jedoch nur in einer, zumindest oberflächlich, statischen Welt. Gerät die Mehrheitsgesellschaft in Unruhe oder beginnt gar, sich selbst infrage zu stellen, verliert der Nimbus des genialen Außenseiters an Wirkung. Sobald alle zu Abweichlern vom bislang Normalen werden, büßt die künstlerische Negation alter Schule ihre Sprengkraft ein. Gegen den Strom schwimmen zu wollen, müsste nun die Drehung der Schwimmrichtung zur Folge haben. Gesellschaftliche Krisenzeiten sind deshalb immer auch Krisenzeiten für die aufmüpfige Kunst. Würde sie einfach weitermachen wie bisher, bestünde die Gefahr der Wiederkäuerei von Dingen, die jetzt auch in der Mehrheitskultur kritisch reflektiert werden. Das Geniale hätte sich verwandelt in einen Second-hand-Kommentar, nun allerdings ohne Negationsfunktion, da gegenüber dem Mainstream nichts mehr zu negieren ist. Für ehemalige Kunstradikale mag dies Elemente einer narzisstischen Verunsicherung mit sich bringen.

Hanno Rauterberg hat der Entzauberung künstlerischen Selbstbewusstseins im Beitrag Reißt euch die Masken ab!  in der ZEIT vom 23. April 2020 weitere Aspekte hinzugefügt. Ob inspiriert von der Reise in die triebhafte Innenwelt oder beseelt vom Topos einer an sich guten Natur, die vom Menschen durch Ausbeutungs- und Beherrschungswahn zerstört wird, verstand sich der extreme, keine Überraschungen fürchtende Künstler als dionysischer Entdecker, der sich mutig dem Rausch des Unbekannten hingab. Von den Surrealisten und frühen Südseeträumern bis zu den Entfremdungskritikern der Gegenwart, überall zeigt sich die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen. Dabei gilt jedoch: Wer es nicht längst ahnte, muss spätestens jetzt erkennen, dass die romantische Natursehnsucht als Ausgangs- und Zielpunkt der Modernekritik nichts anderes bedeutet als Verklärung. Rauterberg nimmt die Coronakrise zum Anlass, den Topos der unschuldigen Natur ad absurdum zu führen, da es nun gerade darum geht, sich vor dieser in Acht zu nehmen. Jedes Virus ist Natur, und auch das Coronavirus ist nichts anderes als das jüngste Produkt einer höchst vitalen Evolution. Zwar sollte man, um die These von Rauterberg zu ergänzen, die Möglichkeit von Designerviren nicht unberücksichtigt lassen, die bisherigen Grippe-, Sars- und Coronaviren sind nach jetzigem Wissensstand jedoch offenbar das Ergebnis natürlicher Mutationen. 

Für die kritische Kunstproduktion ergibt sich damit ein latenter Widerspruch. Die ursprüngliche Zivilisationskritik, nach der alles Geregelte als Entfremdung vom Natürlichen empfunden wird, kollidiert mit einer gesellschaftlichen Lage, die in besonderer Weise die Einhaltung von Regeln und die Selbstkontrolle fordert. Dionysische Enthemmung wäre da kaum vermittelbar, oder bestenfalls in sublimierter Form als harmlos bleibende Phantasie ohne Verwirklichungsabsicht.

Welche Möglichkeiten bleiben? Künstlerische Reminiszenzen an die Zeit vor Corona? Ja, dann aber am besten gleich mit Besinnung auf die griechischen Tragödien. In ihnen ist schon alles gesagt. Reisen in die Innenwelten coronageplagter Gegenwartssolitäre? Oh, wie langweilig und bestenfalls als Therapeutikum geeignet: Seht doch mal, allen anderen geht es gerade genauso ungut wie einem selbst! Oder als staatskritische Krimistory, mit oder ohne verschwörungstheoretischen Einschlag? Nun ja, eine gewisse Nachfrage wird es geben. Aber was für ein künstlerisches Niveau wird das haben? Moritz Rinke jedenfalls schaudert es in seinem Beitrag Ab in den Corona-Markt! für den Tagesspiegel vom 26. April, online unter dem Titel Magische Klitorispumpen aus China, schon vor einer nicht fernen Welt künstlerischer Neuproduktionen, die kaum andere Dinge zum Thema haben als die Verarbeitung von Pandemieerfahrungen. Überall neue Adaptionen der Pest sowie unendliche Novellen und Romane mit dem Coronastoff, so Rinkes Phantasie. Möglich jedoch auch, dass wir davon im nächsten Jahr schlichtweg nichts mehr hören wollen.

Die Lage für die Kunst ist ähnlich kompliziert wie nach 1989. Auch damals bedurfte es einer gewissen zeitlichen Distanz, um sich dem Stoff mit Aussicht auf Neuigkeiten jenseits tagesaktueller Banalitäten widmen zu können. Deshalb, liebe Künstler, habt auch jetzt ein wenig Geduld, bevor Ihr Euch ans Werk macht!

 

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