Gedanken zur Fotografie im digitalen Zeitalter (3)

von Ulrich Metzmacher

Die analoge Fotografie scheint auf den ersten Blick einen Gegenentwurf zur digitalen Welt anzubieten, ähnlich wie der Plattenspieler oder die mechanische Schreibmaschine. Alle drei sind Ausdruck einer gewissen Nostalgie, vielleicht auch Ergebnis eines Widerstandsgeistes, der sich dem Digitaleinerlei bewusst entzieht. Eine solche Strategie ist jedoch gar nicht einfach durchzuhalten. Das Digitale ist so allgegenwärtig, dass sich Nischen nur mit Mühe und unter Verzichtsleistungen bewahren lassen.

Zunächst ein kurzer Rückblick auf die letzten beiden Blogbeiträge: Die Darstellung der Welt in Form von Daten dient dazu, Zusammenhänge deutlich zu machen, die auf der Oberfläche der Erscheinungen nicht unmittelbar erkannt werden. Schon bei der Datenerhebung handelt es sich aber nicht um einen neutralen Vorgang, sondern um einen Prozess der Selektion aus der Menge aller denkbaren Informationen. Die Komplexität der Welt wird bereits durch die Fragestellungen reduziert. Dies hat Einfluss auf die Ergebnisse. Was nicht in das Raster der Fragen gerät, kann auch keine Datenspuren hinterlassen. Gleichwohl nimmt die Gesamtheit der eingesammelten digitalen Informationen auf Dauer ein Eigenleben an. Am Ende gilt das als Welt, was sich datenmäßig darstellt.

Der aufklärerische Charakter der Fotografie besteht unabhängig von ihrem jeweiligen Inhalt darin, dass sie an die Kontingenz jeglicher Wahrnehmung erinnert. Kein Objekt lässt sich perspektivlos fotografieren. Stets hätte es auch aus einem anderen Blickwinkel aufgenommen werden können. Das macht demütig hinsichtlich der Möglichkeit absoluter Wahrheiten. Dies galt schon für die analoge Technik. Sie konnte aber immerhin noch einen gewissen Wirklichkeitsbezug beanspruchen, da sich die Objekte in Form von Lichtspuren auf der Silbersalzemulsion des Filmnegativs eingraviert hatten. In digitalen Zeiten entfällt ein solcher Realitätsbezug. Die vom Sensor aufgenommenen Informationen hinterlassen keine unveränderbaren Daten. Sie können jederzeit modifiziert werden, ohne dass dies nachvollziehbar ist. Einen Beweischarakter für Wirklichkeit kann ein digitales Bild nicht beanspruchen.

Die Erkenntnis der Perspektivgebundenheit jeder Fotografie sowie insbesondere das Wissen um die eingeschränkte Verlässlichkeit des digitalen Bildes weist einerseits auf die Möglichkeit von Manipulationen hin, sie besitzt in gewisser Weise aber auch ein aufklärerisches Potential. Für alle digitalen Daten gilt, dass sie erst einmal nur auf sich selbst verweisen, nicht jedoch auf die Realwelt. Hat man dies substantiell verstanden, ist ein distanziertes Verhältnis gegenüber dem Wahrheitsanspruch der Fotografie eine logische Folge. Soweit das Résumé der beiden letzten Blogbeiträge.

Fotografien sind in ihrer Eigenschaft als Bilder, das heißt hinsichtlich ihrer Bildaussage stets mit Vorsicht zu genießen. Diese Erkenntnis überrascht nun nicht mehr. In ihrer Eigenschaft als Daten enthalten sie gleichwohl Informationen, die sich Dritte zunutze machen können. Nehmen wir hierzu als Beispiel und zur Verdeutlichung das mit dem Smartphone aufgenommene Selfie von Max Mustermann, der sich gerade als Zuhörer in einer Wahlkampfveranstaltung befindet. Im Hintergrund des Selfies ist eine prominente Politikerin zu erkennen, im Vordergrund grinst Max in sein Smartphone. Ist er belustigt oder enttäuscht und zeigt dies demonstrativ? Oder ist die Rede einfach nur langweilig? Wir können dem Bild, das Max umgehend in seinen Social Media Kanäle postet, eine Antwort nicht entnehmen. Die Bildaussage bleibt offen, da Max keinen Text hinzugefügt hat. Die Freunde erfahren deshalb nur, dass er sich gerade in einer Wahlkampfveranstaltung befindet.

Wir betreten nun eine fiktive orwellsche Welt und sehen uns das weitere Schicksal von Max an. Automatisierte Bildauswertungsalgorithmen, die das Internet beobachten, haben das Selfie ebenfalls registriert. Sie sind mit einer Datenbank verknüpft, die seine Identifizierung ermöglicht. Aber der Algorithmus kann noch mehr. Er weiß aus einer anderen Datenbank, dass Max kürzlich einige Bücher im Online-Handel bestellt hat, die zusammen mit seinen sonstigen Lektüregewohnheiten den Schluss zulassen, dass er mit den Meinungen der Politikerin nicht einverstanden ist. Auch diese Information hat sich der Algorithmus im Bruchteil einer Sekunde verschafft. Und dann wird ihm aus einer weiteren Quelle gemeldet, dass Max vor einer Stunde im Supermarkt Eier und Tomaten gekauft hat. Alles das hat der Algorithmus erkannt, ohne dass irgendjemand irgendeinen Computer bedienen musste. Der Aufenthalt von Max ist aufgrund der Bildaufzeichnung mit sofortiger Identifizierung am Eingang der Veranstaltungshalle sowie durch die automatische Handyortung ohnehin bekannt. Aufgrund der Verknüpfung mit den übrigen Daten wird nun vom Algorithmus ein Verdachtsalarm ausgelöst, der bei den Personenschützern der Politikerin eingeht. Die Reaktion erfolgt umgehend. Nun muss sich Max von Männern mit Knopf im Ohr einige Fragen gefallen lassen. Ob sein Hinweis auf das geplante abendliche Tomatenomelett für sich und einige Freunde überzeugt, wissen wir nicht.

Die Geschichte von Max Mustermann ist Fiktion. Sie soll lediglich zeigen, welche technischen Potentiale im Digitalen stecken. Daten aller Art, somit auch der Fotografie, können aufgrund ihres gleichförmigen Codes in Form von Bits und Bytes auf verschiedene Weise miteinander verknüpft werden. Diese Kombinierbarkeit besitzt ein Potential zur Gewinnung unendlich neuer Erkenntnisse. Genau dies macht das Wesen der digitalen Technologie aus. Big Data ist das Synonym dafür.

Der parasitäre Datensammeleifer der Internetgiganten ist bekannt. Ihr Geschäftsmodell besteht nicht in der freundlichen Zurverfügungstellung von Kommunikationsplattformen oder einer leistungsfähigen Suchmaschine, sondern im Sammeln von Daten jeglicher Art, die aufbereitet und dann Dritten zum Kauf angeboten werden. Damit wird Geld verdient, und nur darum geht es. Dass darüber hinaus polizeiliche und geheime Dienste überall auf der Welt Big Data für Überwachungs- und Kontrollzwecke nutzen, ist kein Geheimnis. Aber die Dinge vermischen sich, denn die ursprünglich für kommerzielle Zwecke eingesammelten Daten können bei Verknüpfung mit weiteren Informationen zu Profil-Erkenntnissen führen, die sich konkreten sozialen Gruppen und selbst Einzelpersonen zuordnen lassen. Hier geht es dann nicht mehr um Business im klassischen Sinne. Wahlbeeinflussungen aus fremden Staaten basieren auf solchen Möglichkeiten, aber zum Beispiel auch die personalisierte Wahlwerbung, wie sie von Parteien, völlig legal, eingesetzt wird.

Haben diese Szenarien etwas mit der Fotografie zu tun? Ja, natürlich, denn alle ins Netz gestellten Bilder können von Dritten analysiert und verwendet werden, teilweise sogar völlig offen, wie die Nutzungsbedingungen einiger Plattformen zeigen. Es geht nicht darum, ob eine Amateurfotografie unter Umgehung von Urheberrechtsfragen von anderen für Werbezwecke genutzt wird. Das erscheint fast banal. Nein, jedes Bild verrät Informationen über den Fotografen/die Fotografin. Niemand sollte sich deshalb der Illusion hingeben, der Gebrauch einer digitalen Kamera finde ausschließlich im Privaten statt. Alles, was wir digital tun, hinterlässt Spuren. Auch durch Fotos geben wir Daten preis, egal ob auf Social Media Plattformen, in Clouds oder im Rahmen der Übermittlung an Fotobuchhersteller. Diese Spuren dokumentieren, was und wen wir wann und wo fotografiert haben. Computeranalysen können im Sekundenbruchteil Gebäude, Orte und mitunter selbst Landschaften identifizieren, und die maschinelle Gesichtserkennung ist so ausgefeilt, dass von einer signifikanten Trefferquote ausgegangen werden kann. Digitale Bilder zeugen so, zumindest potentiell oder perspektivisch, von unserem Verhalten, unserem Bekanntenkreis, unseren Interessen und von unseren Vorlieben. Mit einem entsprechenden Algorithmus ist eine Analyse vorstellbar, wie ihn die Suchmaschinen schon heute zur Anlegung unserer Profile für Werbezwecke nutzen.

Das alles gilt natürlich auch für analog aufgenommene Fotografien, wenn sie digitalisiert und ins Netz gestellt werden, selbst, wenn dies lediglich für die private Sicherung, etwa in einer Cloud, geschieht. Aber nicht erst diese, schon der Scanner ist nicht ausspähsicher, ebenso wenig sind es die etablierten Programme zur Bildbearbeitung. Wirklichen Schutz vor Datenklau bietet die analoge Fotografie deshalb nur, wenn die Filme selbst entwickelt und die Negative in der eigenen Dunkelkammer vergrößert werden. Ansonsten gilt: Überall, wo ein analog aufgenommenes Negativ oder Bild in fremde Hände gelangt oder mit Digitaltechnik in Berührung kommt, entstehen Daten, die grundsätzlich nicht geheim gehalten werden können, auch nicht auf dem heimischen Computer.

Das Unbehagen an der digitalen Kultur hat seine Wurzeln in ihrer Undurchschaubarkeit. Gleichzeitig ist das digitale Paradigma so weit in den Alltag eingedrungen, dass seine Existenz häufig gar nicht mehr auffällt. Lediglich Erinnerungsstücke aus vordigitaler Zeit wie der Plattenspieler, die mechanische Schreibmaschine oder die analoge Kamera zeugen davon, dass es einstmals auch anders ging. Aber diese Techniken bleiben Randphänomene wie spaßige Oldtimer. Allein schon aufgrund der mit ihnen verknüpften Umständlichkeit sowie ihrer Kosten haben sie im Alltagsgebrauch keine Chance gegenüber den digitalen Nachfolgern. Und da sie sich vom Massengebrauch abgrenzen, wird ihnen immer etwas Elitäres anhaften. Man muss sich analoge Technik, wie alle Spielzeuge, auch leisten können. Und so sind es nur wenige, die sich in der durchdigitalisierten Welt weiterhin ihre kleinen Nischen jenseits von Big Data bewahren. Das wird jedoch schnell zur Illusion. Im Netz jedenfalls gibt es keine analogen Fotografien. Keine! Sie alle sind digitalisiert und können so zum Bestandteil von Big Data werden. Und dessen Synapsen kennen wir nicht.

 

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