Gedanken zur Fotografie im digitalen Zeitalter (2)

von Ulrich Metzmacher

Ob es das zentralperspektivische Paradigma ist, das durch die monokulare Sicht des Fotoapparates begründet wird, ein mit überzogenen Wahrheitsversprechen verknüpftes Verständnis der Fotografie, oder ob es die Produkthersteller sind, die das jeweils Machbare vorgeben, stets wird deutlich, dass Fotografieren als Kulturtechnik alles andere als eine neutrale Angelegenheit ist.

Hinzu kommen konstruktivistische und postmoderne Theorien, die sich mit der Relativität des Wirklichen und der Zweifelhaftigkeit fotografischer Bilder befassen. Das alles lassen wir im Folgenden weitgehend unberücksichtigt, ebenso die Unterschiede zwischen analoger und digitaler Fotografie, und betrachten stattdessen die alltäglichen Formen des Kameragebrauchs. Dieser findet in höchst heterogenen Bereichen statt. Das genormte Passbild aus dem Bahnhofsautomat, die anthropologische Sammlung von Gesichtern aus fremden Welten, die Polizeidatenbank, das Überwachungsfoto, das Selfie zum Festhalten des gerade Erlebten, das professionelle Foto der Fachkamera und schließlich die sogenannte Kunstfotografie sind so unterschiedliche Formen, dass eine Homogenisierung nicht einmal auf der Metaebene viel Sinn macht. Eine alles umfassende Definition würde zu einer elfenbeinernen Angelegenheit werden.

Fotografie findet stets im Kontext gesellschaftlicher Subsysteme statt. Politik, Staat, Ökonomie, Wissenschaft, Kunst und Privatheit sind solche Veranstaltungsorte. Der Versuch, das fotografische Muster aus einem der Subsysteme heraus zu begreifen und verallgemeinernd auf andere zu übertragen, ist dennoch so alt wie die Fotografie selbst. Und so kommt es, dass manche Dokumentaristen auch heute noch den objektiven Charakter des mit der Kamera aufgenommenen Bildes betonen, während auf der anderen Seite einige Künstler unter den Fotografen eine grundsätzliche Unabhängigkeit des Bildes reklamieren und jeden Wirklichkeitsbezug für eine obsolete Idee halten. Den Machern privater Erinnerungsbilder wiederum sind solche Überlegungen egal. Sie tendieren zu einem pragmatischen Verständnis, das frei ist von bildtheoretischen Überlegungen. Man vertraut einer stabilen Relation zwischen der realen Tante Erna und ihrem geprinteten Abbild oder dem kleinen Monitor des Smartphones. Das ist alltagspraktisch auch völlig in Ordnung. Permanent die Dinge zu hinterfragen, würde verrückt machen.

Statt diplomatisch eine allgemeingültige Sicht auf das Wesen der Fotografie formulieren zu wollen, erscheint es fruchtbarer, ihre Funktionen in den unterschiedlichen Bereichen und vor allem die Beurteilungen einer konkreten Aufnahme aus den differenten Perspektiven zu betrachten. Armin Nassehi hat im Buch Muster, das uns bereits im letzten Blogbeitrag beschäftigt hat, anhand eines Textbeispiels gezeigt, dass alles Schriftliche aus verschiedenen Sichtweisen analysiert werden kann. Dies ist auch auf die Fotografie übertragbar.

Aus wissenschaftlicher Sicht als erster der möglichen Perspektiven lässt sich fragen, ob ein Bild wahr ist oder falsch, dies im Sinne von gefälscht. Denn jede Fotografie muss heutzutage als grundsätzlich zweifelhaft betrachtet werden. Einer digitalen Aufnahme ist nicht anzusehen, ob und wieweit sie durch Bildbearbeitungstechniken manipuliert worden ist. Ein Original, wie früher beim Filmnegativ, gibt es nicht, und Veränderungen der ursprünglichen Bilddaten sind mit keinem für Dritte nachvollziehbaren Protokoll verbunden. In analogen Zeiten waren Bildmanipulationen noch relativ einfach zu entdecken. Heute gelingt dies mitunter nur noch Digitalspezialisten. Und überhaupt, wo beginnt eine Fälschung? Ist dies bereits bei der Pixelveränderung zur Erzielung eines Bleach-Bypass-Effektes der Fall? Das wäre unrealistisch. Aber es bleibt eine schwierige Entscheidung. Wo beginnt die relevante Manipulation? Die Nachfrage nach wissenschaftlich arbeitenden Digitalforensikern zur Erkundung des Wahrheitsgehaltes eines Bildes wächst deshalb mit der Zunahme softwarebasierter Bearbeitungen kontinuierlich an. Denken wir nur an das Gesichtsmorphing. Nicht nur Passbehörden haben da ihre Sorgen, sondern auch im journalistischen Alltag wird die Frage immer virulenter, ob das zur Veröffentlichung vorgesehene Bild eines Politikers oder einer Politikerin echt ist oder Ergebnis einer geschickten Bildbearbeitung. Darüber hinaus ist die Zeit nicht fern, dass auch völlig frei erfundene Fotografien auf dem Bildermarkt erscheinen werden, denen man ihren abbildungslosen Charakter nicht ansieht. Die Avatare im Kinofilm bieten da nur einen, bislang eher simplen, Vorgeschmack.

Kommen wir zur zweiten, der rechtlichen Sichtweise, die in gewisser Weise an der ersten Perspektive anknüpft, aber noch etwas anders meint. So ist es rechtlich relevant, wenn eine Person in herabwürdigender Weise dargestellt wird, selbst wenn Persönlichkeiten des Zeitgeschehens da ein etwas dickeres Fell haben müssen. Es können jedoch Rechte am eigenen Bild verletzt werden, die für jedermann und jedefrau, unabhängig vom Prominentenstatus und dem Skandalcharakter der Aufnahme, gelten. Darüber hinaus gibt es Urheberrechte, etwa in bestimmten Fällen der Architektur oder für Kunstwerke. Kurz, aus juristischer Sicht lautet die Leitfrage: Ist eine Fotografie beziehungsweise deren Veröffentlichung zulässig oder verletzt sie irgendwelche Rechte?

Die ökonomische Perspektive ist auf vielfältige Weise relevant. Was verdient der Fotograf/die Fotografin an der Veröffentlichung eines Bildes? Wird die Auflage eines Printmediums auf relevante Weise gesteigert? Wäre eine andere Form der Veröffentlichung ertragreicher gewesen? Oder auch: Wie muss eine Fotografie vom Galeristen vermarktet werden, um einen lukrativen Gewinn zu erzielen? Die pekuniär getriggerten Fragen ließen sich fortsetzen.

Eine mediale Perspektive könnte mit der Überlegung verknüpft sein, ob eine Veröffentlichung verlegerisch opportun ist und in das mühsam als Image aufgebaute Verlagsprogramm passt. Fotobücher haben es da nicht leicht. Die Frage, ob sie sich am Markt platzieren und verkaufen lassen, weist stets auf ein unkalkulierbares Risiko hin. Die Übergänge zu ökonomischen Fragestellungen sind fließend.

Die künstlerisch/ästhetische Perspektive wiederum kümmert sich nicht um politische Opportunitäten oder wirtschaftliche Aspekte, jedenfalls nicht bei vordergründiger Betrachtung. In der Praxis fragen sich allerdings auch künstlerisch tätige Fotografinnen und Fotografen, ob der Erlös ihrer Arbeit dazu beiträgt, den Kühlschrank zu füllen. Das ist legitim. Aber hier geht es um etwas anderes. Systemtheoretisch betrachtet, wird eine Fotografie vom ästhetischen Blick anhand der geltenden Normen analysiert. Handelt es sich um Kunst, oder eingeschränkt, entspricht das Bild den Kriterien fotografischer Kunst? Die zugrunde liegenden Maßstäbe gelten nicht zeitlos, sondern sind Modetrends unterworfen. Die Dinge sind volatil. In der Zukunft werden deshalb Bilder erfolgreich sein, denen gegenwärtig noch keine Beachtung geschenkt wird. Eine gewisse ökonomische Logik darf bei entsprechenden Wetten auf die Zukunft insbesondere im kommerziellen Bereich unterstellt werden. Aber grundsätzlich lässt sich jede Fotografie mit der Frage konfrontieren, ob ihr das Label Kunst angeheftet werden kann. Dass die Entscheidung darüber nicht nur kunstimmanenten Erwägungen folgt, sollte deutlich geworden sein.

Eine pädagogische Perspektive, ebenso wie die religiöse, mag auf den ersten Blick nur für eine begrenzte Anzahl von Fotografien relevant sein. Und dennoch, die Frage nach der erzieherischen, vielleicht sogar transzendenten Zielsetzung eines Bildes ist legitim. Mitunter verkörpert eine Fotografie das Gute oder das Böse auf so eindringliche Weise, dass man sich ihrer Wirkung kaum entziehen kann. Kriegsbilder zum Beispiel oder Zeugnisse menschlicher Grenzsituationen verweisen auf existentielle Fragestellungen. Aber warum werden solche Bilder publiziert? Den Kontext herauszufinden, wäre Aufgabe einer entsprechenden Bildkritik.

Wir sind bei der politischen Perspektive angelangt. Handelt es sich bei einer Fotografie um ein neutrales Dokument oder soll sie normative, egal ob konservative oder alternative, Botschaften vermitteln? Die Geschichte der Fotografie ist voll von Beispielen für apologetische, reaktionäre, revolutionäre, aber auch aufklärerische Intentionen. Welchem politischen Ziel folgt ein Bild? Susan Sontag hat diese Frage in den großartigen Essays Über Fotografie und Das Leiden anderer betrachten überzeugend behandelt. Im fotosinn-Essay Höhlenbilder haben wir das aufgegriffen. Neutrale Bilder gibt es im politischen Kontext jedenfalls so gut wie nie. Fotografien eines vermeintlich verwirrt daherschauenden Ministers mit zu langen oder zu kurzen Hosen oder einer Ministerin, die gerade im schlechtsitzenden bunten Anzug verträumt ihr Smartphone beäugt, sind stets Ausdruck politischer Botschaften, mitunter unterschwellig angelegt, manchmal offensichtlich. Neutral ist da gar nichts.

Fotografien können aus gänzlich unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, gedeutet und bewertet werden. Neben den bislang genannten Sichtweisen wären weitere möglich. Interessant etwa die Frage, warum bestimmte Bilder in den sozialen Netzwerken eine starke Resonanz erfahren, andere hingegen nicht. Romantische Natur- und Tierbilder belegen hier stabil die vorderen Plätze. Angebotsstrategien wie gleichermaßen das Nachfrageverhalten, somit kollektive Sehnsüchte können als Gründe vermutet werden. Ebenfalls einer weitergehenden Analyse wert wären die Transferprozesse zwischen den Subsystemen. Wie geraten einstmals als politisch verstandene Bilder in das Museum? Woher bezieht der Galerie- und Kunstmarkt seinen Nachschub? Welche gesellschaftlichen und kollektivmentalen Entwicklungen fördern bestimmte Erscheinungsformen des Fotografischen, mal das Verträumte, dann das Kritische und dann das vermeintlich Sachliche? Es könnte sein, dass sich hier der jeweilige Zeitgeist auf die Praxis des Fotografierens auswirkt.

Die Eigenschaften der Fotografie zwischen Realitätswiedergabe, kreativ Gestaltetem und frei Hinzugefügtem machen ihre Einzigartigkeit aus. Dies unterscheidet sie von anderen Bildformen. Deshalb wohl die anhaltende Faszination, aber auch der nicht unberechtigte Verdacht, sie könne Bestandteil manipulativer Strategien sein. Während bei Werken der Malerei kaum Bedrohungen zu fürchten sind, weil jeder Realitätsbezug als ein durch den Künstler/die Künstlerin subjektiv gefilterter erkannt und deshalb als harmlos eingeschätzt wird, haftet der Fotografie ein Wahrheitsnimbus an, der sie für alle Subsysteme interessant, aber auch potentiell gefährlich macht. Im digitalen Zeitalter, in dem die Daten sämtlicher Erkenntnisfelder homogenisiert werden und nebeneinander gleichberechtigt als Bits und Bytes existieren, wird dieser Trend zur Mystifizierung noch verstärkt.

Im folgenden Blogbeitrag kommen wir zurück auf die gesellschaftliche Bedeutung der digitalen Technologie und ihre Auswirkungen auf die Fotografie, auch die analoge.

 

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