Gedanken zur Fotografie im digitalen Zeitalter (1)

von Ulrich Metzmacher

Das uns heute vertraute Bild der Welt in Form digitaler Daten hat eine lange Vorgeschichte. Damit ist nicht nur diejenige der analogen Fotografie gemeint, sondern es sind auch Schriftcodes oder Statistiken, mit denen schon im 18. Jahrhundert Regelmäßigkeiten des Sozialen aufgedeckt werden sollten. In der Gegenwart vollzieht sich die Darstellung und Interpretation von dem, was wir Wirklichkeit nennen, jedoch nahezu ausschließlich unter Nutzung digital aufbereiteter Informationen.

Der Soziologe Armin Nassehi hat mit dem im vergangenen Jahr bei C.H.Beck erschienenen Muster den ehrgeizigen Versuch unternommen, eine, so der Untertitel, Theorie der digitalen Gesellschaft zu entwerfen. Obwohl es in dem Buch um mannigfaltige Erscheinungsformen des Digitalen geht, wird die Fotografie nicht einmal erwähnt. Dennoch macht es Sinn, einige der Thesen Nassehis auf eine potentielle Bedeutung auch für diese zu prüfen.

Digitales ist nicht neutral, sondern, wie jede Technik, Ergebnis und gleichermaßen Motor gesellschaftlicher Entwicklungen. Die Navigation auf den Weltmeeren war Bestandteil der kopernikanischen Wende und mitursächlich für den Aufschwung der neuzeitlichen Handelsgesellschaften; die Dampfmaschine und ihre Nachfolgetechniken bildeten zentrale Elemente der industriegesellschaftlichen Dynamik; die digitale Technologie wiederum ist kennzeichnend für die postindustrielle Informationsgesellschaft. Die paradigmatisch jeweils führende Technologie und die Bilder des Menschen von sich selbst sowie der Gesellschaft hängen stets miteinander zusammen. Dass die Ablösung der analogen durch die digitale Fotografie vor diesem Hintergrund lediglich eine technische, ansonsten aber belanglose Angelegenheit gewesen sei, wäre zu einfach gedacht. Auch digitale Apparate, seien sie noch so klein, haben Einfluss auf das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft.

Armin Nassehi formuliert zu Beginn seiner Untersuchung die Frage, für welches Problem die Digitalisierung eine Lösung darstellt. Allen mit sozialwissenschaftlichen Diskursen Vertrauten verrät dies ein systemtheoretisches Denken in der Tradition Niklas Luhmanns. Dessen Bezugspunkt war stets die Überlegung, welche Funktionen bestimmte soziale Erscheinungen und Technologien aufweisen, warum sie eine Chance hatten, sich durchzusetzen. Diesem Ansatz folgt auch Nassehi. Wir kommen darauf zurück. Als weiteren Gedanken formuliert er die These, dass die Abbildung der Welt in Form von Daten und deren Inhalte an wandelbare Rahmenbedingungen gebunden sind.

Nachfolgende Zitate sind dem dritten Kapitel mit der Überschrift Multiple Verdoppelungen der Welt entnommen. Dies legt Assoziationen zur Fotografie nahe, obwohl Nassehi sie, wie erwähnt, an keiner Stelle explizit untersucht.

Daten jeglicher Art verdoppeln die Welt, enthalten sie jedoch nicht einfach, sondern sind auf Basis bestimmter Voraussetzungen entstanden. Diese Feststellung hängt unmittelbar mit der Erfahrung zusammen, dass sich die Beschreibung von Realitäten welcher Art auch immer stets der eigenen Perspektivität stellen muss (S. 109). Jeder Beobachter nimmt die Dinge zunächst aus einer individuellen Sicht wahr. Wissenschaftliches Denken hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, die Summe von Einzelperspektiven durch geeignete Verfahren zu neutralisieren. Aber selbst die so intersubjektiv gewonnenen Erkenntnisse bleiben kulturell und historisch gebunden. Hinzu kommt, dass es im Gegensatz zu früheren Zeiten, zumindest für aufgeklärte Menschen, auch im Alltagsbewusstsein keine exklusive Interpretation der Welt gibt: Nichts lässt sich beschreiben, ohne dass es beobachterrelativ beschrieben wird (ebd.). Nur schlichte Gemüter können davon überzeugt sein, die einzig mögliche Wahrheit ihr Eigen zu nennen.

An dieser Stelle soll mit Hinweis auf frühere fotosinn-Beiträge hinzugefügt werden, dass sich ohne Perspektive auch nichts fotografieren lässt. Eine standortlose Fotografie gibt es nicht. Objekte, die durch das Auge der Kamera abgebildet werden, nehmen bei jeder Veränderung der Aufnahmeposition eine neue Erscheinungsform an. Die einzige Ausnahme scheint ein von allen Seiten gleichmäßig runder Ball zu bilden. Selbst er würde jedoch nur bei rundum absolut gleichen Beleuchtungsverhältnissen zu identisch erscheinenden Bildern führen. Wenn es aber, wie bei allen übrigen Objekten, unendlich viele verschiedene Abbildungsmöglichkeiten gibt, kann es, logisch betrachtet, keine verbindlich wahre geben. Darüber hinaus ist der Beobachter, hier der Fotograf/die Fotografin kein unabhängiges, solitäres Subjekt, sondern sozial konditioniert, einschließlich der Art des Sehens. Eine reine, perspektivlose Sicht auf die Dinge gibt es somit weder optisch noch logisch noch kulturell.

Worte, Texte, Bilder und eben auch digitale Daten sind Zeichen für Etwas in der Welt. Aber stets gibt es eine Differenz. Das Zeichen und das Bezeichnete, Signifikant und Signifikat, sind nicht identisch, obwohl sich, und dies ist das zentrale Problem sowie gleichermaßen Anlass für allerlei Missverständnisse, das Gemeinte nur in Form von Zeichen ausdrücken lässt. Wollten wir wissen, ob unser Bewusstsein die Welt richtig wahrnimmt, müssten wir eine wahrnehmungsfreie Wahrnehmung der Welt voraussetzen können, um die Differenz zwischen Wahrnehmung und Wahrgenommenem, zwischen Bewusstsein und Welt auf den Begriff bringen zu können. Da uns eine solche Möglichkeit nicht zur Verfügung steht, haben wir es stets mit einer verdoppelten Wirklichkeit zu tun, deren Differenz von Original und Bild eine Differenz ist, deren Identität wir zwar voraussetzen, deren Differenz aber nicht überbrückbar ist (S. 112). Und direkt anschließend: Es entsteht die paradoxe Situation, dass die Grenze nicht überwunden werden kann, aber in der Praxis stets überwunden wird (ebd.). So gehen wir im Alltag nur allzu gerne davon aus, dass eine Kameraaufnahme die Welt abbildet, wie sie ist.

Verdoppelung im Sinne Nassehis ist letztlich eine ironische Kategorie, die nicht wörtlich zu nehmen ist. Eher handelt es sich bei digitalen Daten um Neuschöpfungen, auch wenn sie nicht frei erfunden sind. Sie werden in der Wahrnehmung der Medienoberflächen allerdings meist ohne weitere Reflexion als Wirklichkeitssurrogate interpretiert; das Wissen um ihren Charakter als Konstrukt rückt in den Hintergrund. Aber genau dies macht ihre Wirkungskraft aus, selbst wenn die Ahnung der Differenz hier und dort erhalten bleibt. Man mag sich dies am Beispiel des Schriftlichen verdeutlichen. Bücher beschreiben die Welt in einer Weise, der sowohl ein Realitätsbezug wie die interpretativen Beigaben des Autors/der Autorin anzumerken sind. Gleichwohl neigen wir im Alltag dazu, weniger reflektierend zu lesen und das Beschriebene als Ausdruck von Wirklichkeit, jedenfalls für eine mögliche Wirklichkeit, zu halten. Jeder Horrorschocker lebt davon. Und auch jede Fotografie.

Nun ein weiterer Gedankengang: Sprache und Schrift, auch viele Fotografien, beinhalten Informationen über das Soziale als Ausdruck gesellschaftlicher Differenzierung. Früher war dies eine übersichtliche Angelegenheit. Es gab ein Oben und es gab ein Unten. Jeder kannte in der Hierarchie seinen Platz. Dies ist in der Neuzeit komplizierter geworden, da es keinen allgemeinverbindlichen Status mehr gibt. Politische, ökonomische, wissenschaftliche, rechtliche, erzieherische, mediale, religiöse, medizinische, künstlerische/ästhetische Funktionen differenzieren sich in einem langfristigen historischen Prozess nebeneinander aus – und eine solche, in diverse Funktionssysteme differenzierte Gesellschaft kennt kein Zentrum mehr und lässt sich auch nicht mehr mit Hilfe eines einzigen Prinzips erklären (S. 115). Abhängig davon, aus welchem Diskurssystem heraus das Ganze betrachtet wird, können sich deshalb parallele, unterschiedliche Vorstellungen der Gesellschaft bilden.

Die Kommunikation in den ausdifferenzierten Subsystemen folgt jeweils eigenen Logiken. Das Subsystem Wirtschaft wird durch das Leitmedium Geld bestimmt, in der Wissenschaft ist es primär das Kriterium Wahrheit, die Politik folgt der Logik der Macht sowie der Legitimation in Form von Wahlen, die öffentliche Verwaltung und das Rechtssystem den Prinzipien eines sauberen Verfahrens, die Kirche der nachhaltigen Überzeugungskraft des Glaubens, und so weiter. Niklas Luhmann hat dies ausführlich beschrieben. Die Subsysteme sind aber nicht strikt voneinander abgeschottet. Deshalb werden ihre Kommunikationslogiken in der Praxis immer wieder vermischt oder gar durcheinandergebracht. Wenn dies nicht erkannt wird, kann das Folgen mit Potential zum gedanklichen Wirrwarr haben.

Glaubensgrundsätze zum Beispiel lassen sich nicht ohne angemessene Übersetzung beziehungsweise Adaption auf die Wissenschaft oder die Politik anwenden, da Glauben, Wissen und politisches Agieren unterschiedlichen Anforderungen und Diskursen folgen. Dennoch geschieht häufig genau dies, nämlich eine Vermischung ohne Übersetzung. Umgekehrt wäre es sinnlos, religiösen Aussagen mit wissenschaftlichen Argumenten oder politischen Forderungen begegnen zu wollen. Aber auch dies geschieht täglich. Entweder handelt es sich dabei um einen Ausdruck von Gedankenlosigkeit, oder es sind Manipulateure am Werk, die sehr wohl wissen, was sie tun, und dennoch gezielt die Dinge vermischen. Wir werden später sehen, dass sich Beispiele ungeeigneter Transfers von Aussagen zwischen den Subsystemen in übertragener Form auch hinsichtlich der Fotografie finden lassen.

Ein Zwischenfazit: Aus systemtheoretischer Sicht kann man, nüchtern betrachtet, hinsichtlich der Bewertung ein und desselben Sachverhaltes zu unterschiedlichen Aussagen kommen. Das hat nichts mit einem wertelosen Relativismus zu tun, sondern ist Ergebnis einer Gesellschaftsstruktur ohne zentrale Deutungshoheit. Genau dies macht es im Übrigen unzulässig, eine der subsystemspezifischen Verarbeitungsregeln für die entscheidende, die richtige oder gar die beste zu halten (S. 118). Die Zeiten, in denen ein Beobachter die Welt aufgrund seiner hierarchischen Stellung verbindlich deuten konnte, sind vorüber.

Allein aus dieser Erkenntnis heraus wird deutlich, dass die Fotografie keinen unabhängigen, übergeordneten und allgemeingültigen Anspruch auf eine objektive Wirklichkeitsabbildung erheben kann. Ihr Einsatz erfolgt stets in gesellschaftlichen Subsystemen und ist den dort herrschenden Diskurslogiken unterworfen. Es gibt nicht Die Fotografie, sondern nur kontextabhängige Erscheinungsformen. Die künstlerische Fotografie beispielsweise ist etwas anderes als der Einsatz der Kamera für politische Zwecke oder in der Wissenschaft. Im ersten Fall folgt der Fotograf/die Fotografin ästhetischen Regeln, im zweiten den Imperativen der Macht, entweder in apologetischer oder in kritischer Absicht, und in der dritten Variante schließlich der Maxime einer objektiven Dokumentation wissenschaftlicher Vorgänge. Es handelt sich dabei um ziemlich unterschiedliche Welten beziehungsweise Subsysteme der Gesellschaft. Dies bedeutet aber auch, dass sich ein und dieselbe Fotografie aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und bewerten lässt. Man sollte deshalb stets die Frage im Auge behalten, aus welchen Gründen und in welchem Kontext sie ursprünglich entstanden ist.

Vieles von dem bisher Gesagten scheint nicht spezifisch für die digitale Fotografie zu sein. Wir werden diesen Aspekt später näher untersuchen und dann auch einen wesentlichen Unterschied zur analogen Technik erkennen. Im nächsten Blogbeitrag geht es jedoch erst noch einmal um die kontextabhängige Beurteilung einer Fotografie.

 

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