Gedanken zum Fotografieren in Cuba

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Der Abschluss der sieben Blogbeiträge mit Fotografien aus Cuba gibt Anlass, die Dinge noch einmal mit ein wenig Abstand zu betrachten und kritisch zu hinterfragen, ob die eigenen Erwartungen an eine anspruchsvolle Reisefotografie, wie sie etwa im fotosinn-Essay Die Kamera und das Fremde formuliert worden sind, realisiert wurden. Meine Gedanken sind da durchaus ambivalent. Begleitend zu diesen Überlegungen werden noch einmal Impressionen Cubas gezeigt, die zusammen mit den Bildern aus den vorangegangenen Beiträgen einiges von der Faszination des Landes zum Ausdruck bringen und damit vielleicht auch diese Art der Reisefotografie verständlich machen.

Die Durchsicht der Blogbeiträge zeigt eine Reihe von Bildern aus dem Genre Straßenfotografie, einige grafische SW-Aufnahmen mit teilweise abstraktem Charakter und zahlreiche typische Reisebilder, man könnte auch sagen Dokumentarisches. Ist das nun ein fotografisches Wirrwarr, oder liegen die Unterschiede vielleicht auch in der Sache begründet? Ich bin da nicht sicher. Aber ein wenig uneinheitlich wirkt es auf den ersten Blick schon.

Man mag hier eine gewisse Indifferenz im Gestalterischen sehen. Mir selbst geht das, wie gesagt, streckenweise auch so. Aber wir sind beim Fotografieren nun einmal Betrachter und Mitspieler in einer Realität, die sich grundsätzlich nicht auf ein einziges Muster reduzieren lässt. Stattdessen müssen wir mit Ambivalenzen, Inkonsistenzen und einer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen rechnen. Cuba fordert uns hier mit seinen unterschiedlichen Situationen und Stimmungen, die nicht immer eindeutig sind, in besonderer Weise. Dennoch darf man davon ausgehen, dass die Summe der verschiedenen fotografischen Blicke am Ende als ein kohärentes Ganzes gesehen wird, mit allen Buntheiten und vielleicht auch Widersprüchen.

Im ersten Blogbeitrag wurde von einem Land im Umbruch beziehungsweise im Aufbruch gesprochen. Überall erkennt man Spuren des historischen Kampfes um die nationale Unabhängigkeit, im 19. Jahrhundert zunächst gegen die Kolonialmacht Spanien und dann in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts gegen das Batista-Regime. Später, nach der cubanischen Revolution, entwickelten die sowjetischen Interessen ihre Wirkung auf die Volkswirtschaft des Landes und führten zu einer realsozialistischen Planwirtschaft, deren Folgen Cuba bis heute zu tragen hat. Alle diese Epochen sind in der Gegenwart, wenn auch in unterschiedlichen Erscheinungsformen, präsent. Am augenfälligsten sind die Vielzahl der alten amerikanischen Straßenkreuzer aus den fünfziger und die russischen Fahrzeuge aus den siebziger und achtziger Jahren. Nimmt man diese symbolisch als Ausdruck der historisch unterschiedlichen politischen Situationen, so müssen auch die zahlreichen modernen Fahrzeuge aus China, insbesondere Busse, erwähnt werden, die heute aus dem touristischen, aber auch dem öffentlichen Personenverkehr nicht mehr wegzudenken sind.

Bei allen Errungenschaften etwa der Sozial-, Bildungs- und Gesundheitssysteme, die im Vergleich mit anderen lateinamerikanischen Staaten flächendeckend entwickelt sind, mangelt es gegenwärtig in vielerlei Hinsicht an einer offenen, diskursiven Kultur produktiven, modernitätsfördernden Wettbewerbsdenkens, insbesondere im Konsum- und Dienstleistungsbereich. Ansätze sind erkennbar, allein durch die touristische Öffnung, auch die zunehmend gegebene Reisefreiheit für Cubaner, die weltweiten, im Land abrufbaren Medien sowie gut ausgebildete Menschen, die, zwar mit aller noch angebrachten Vorsicht, ihre Köpfe für eigenständiges Denken nutzen. Gleichzeitig jedoch wird bei allem Modernisierungswillen deutlich, dass man zwar auf eine kulturelle Öffnung setzt, aber gleichzeitig befürchtet, dass infolge einer solchen Entwicklung die internationalen westlichen Wirtschaftskonzerne das Land dominieren und hegemonieren könnten. Einige der großen Konsummarken sind bereits vor Ort. Sie setzen ganz offenbar auf ein neues Cuba mit allen Attributen eines internationalen Ferien- und Vergnügungsparadieses, in dem man dann mit wachsender allgemeiner Kaufkraft auch gute Geschäfte machen kann.

Cuba wird wohl am Ende diesen Weg der Öffnung gehen, auch gehen müssen, allein aus den Zwängen der politischen und wirtschaftlichen Logik, ob das nun gefällt oder nicht. Der Nachholbedarf an Investitionen in die Infrastruktur des Landes ist enorm und die alte Planwirtschaft zeigt überall ihre Folgen und Grenzen. Anders als mit der Zulassung offener konstruktiver Kritik ist eine erfolgreiche Entwicklung aber nicht vorstellbar. Einige mögen das noch immer als Bedrohung empfinden. Andere hingegen wissen, dass Modernisierung ohne kritisches Denken nicht zu haben ist. Vielleicht ist gerade deshalb die persönliche Sympathie für dieses Land am Scheideweg so ausgeprägt. Cubra libre möge nicht nur der Name eines Cocktails sein, sondern ebenso Begriff für ein, wenn auch unter modernen Vorzeichen geprägtes, Land mit eigenständiger Kultur und eigenständiger Politik unter Bedingungen einer streitbaren, politisch differenzierten Auseinandersetzung um den richtigen Weg.

Bei allen diesen Gedanken spielte beim Fotografieren während der Reise das bildnerische Gestaltungsempfinden zwar eine gewisse Rolle, am Ende überwog aber das Dokumentarische: Fotografieren, was auffällt. Die mitgebrachten Aufnahmen können jedoch nicht beanspruchen, ein repräsentatives Bild des heutigen Cuba zu zeigen. Das wäre vermessen, aber die Fotografien können vielleicht einige Eindrücke wiedergeben, nach denen sich das Land in einem höchst dynamischen, auf jeden Fall spannenden Umbruchprozess beziehungsweise im Aufbruch befindet.

Was bleibt als Erkenntnis? Das heutige Cuba fotografisch wirklich schlüssig und adäquat dokumentieren zu wollen, hätte mehr Zeit und Beschäftigung mit den alltäglichen Lebensbedingungen der Menschen erfordert. Und es bedeutet auch: Mit der Konzentration auf einen eingeübten fotografischen Gestaltungsblick hätten zwar mehr gefällige Bilder mitgebracht werden können, der Vorwurf des Ästhetizismus läge jedoch, berechtigterweise, in der Luft. Dem Land wäre das nicht gerecht geworden. Eine wirkliche Reportage sind die Fotografien der sieben Blogbeiträge deshalb, zugegebenermaßen, nicht. Aber die persönliche Sympathie für das Land und seine Menschen wird nachwirken. Und der Faszination seiner optimistischen Farbigkeit kann man sich sowieso nicht entziehen.

 

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