fotosinn: Eine Art Conclusio

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Gerät man in eine unübersichtliche Situation, neigt man dazu, sich vor dem weiteren Agieren ein Bild von der Lage zu machen. Dieses aktive Machen beschreibt recht genau, um was es geht, nämlich die Strukturierung der zunächst unklaren Eindrücke, bis das Ganze einen Sinn bekommt. Dieser ergibt sich nicht aus dem äußeren Anschein einer Situation, sondern wird durch Zuschreibung generiert. Nichts anderes geschieht beim Fotografieren.

Zwar erfolgt die schnelle Alltagsfotografie in der Regel nahezu automatisch, beim ambitionierten Fotografieren jedoch wird das Bild in Gestalt von Ausschnitt, Brennweite, Fokuspunkt, Schärfentiefe und einiger andere Parameter gestaltet. Das Bild wird nicht einfach genommen, es wird gemacht. Im Englischen beschreibt to take a picture den Vorgang des Fotografierens deshalb verkürzt. Im Deutschen ist der Ausdruck eine Aufnahme machen präziser, da er die aktive Seite des Gestaltungsprozesses einbezieht. Und dennoch steckt auch im Begriff der Aufnahme (taking a picture) ein Rest des Gedankens, es werde von der Wirklichkeit so etwas wie ein Lichtabdruck genommen. Das englischsprachige make yourself a picture ist hingegen mit dem Sinngehalt des mach Dir selbst ein Bild im Deutschen identisch. In beiden Fällen geht es darum, eine zunächst unklare Situation mit Sinn zu versehen.

Alle Überlegungen zum Verhältnis von Wirklichkeit und fotografischem Abbild berühren die Objektivitätsfrage. Gibt es die Möglichkeit einer neutralen Sicht der Dinge, oder ist jede Erkenntnis perspektivisch und subjektiv? Darüber hinaus steht die alte philosophische Frage im Raum, ob es Wirklichkeit an sich überhaupt gibt und wie diese gegebenenfalls beschaffen ist. Aber auch ohne abschließende Antwort gilt, dass Fotografieren eine kontingente Angelegenheit ist. Die gleiche Szene hätte sich auch auf eine andere Weise mit anderen Detailbetonungen fotografieren lassen. Eine Fotografie, die nur eine Möglichkeit des Abbilds zulässt, gibt es nicht. So betrachtet, hat sich die fotografische Wahrheitsfrage relativ schnell erledigt.

Die zur Verfügung stehenden fotografischen Stile weisen eine große Bandbreite auf. Sie reicht von der Dokumentarfotografie bis zum experimentellen Bild mit mühsam entschlüsselbaren Aussagen. Zwischen beiden liegen Welten. Letztlich muss bei der praktischen Fotografie eine Entscheidung getroffen werden. Gleichzeitig Reportagefotograf und lichtbildender Künstler (m/w/d) sein zu wollen, gleichzeitig einen dokumentarischen und einen Stil experimenteller Ästhetik zu pflegen, ist eine kaum lösbare Aufgabe. Zum ambitionierten Fotografieren gehört deshalb in der Regel eine Festlegung, auf welche Weise die Welt interpretiert werden soll. Es werden dann genau solche Szenen und Motive entdeckt oder auch hergestellt, die zum gewählten Stil passen. Und es bauen sich im Laufe der Zeit gestalterische Routinen auf, die bevorzugt eingesetzt werden. Dieser Vorgang der Reduktion von Komplexität ist keine lästige Beschränkung fotografischer Freiheiten, sondern eine Voraussetzung für konstante, nicht-zufällige Ergebnisse. Eine eigene fotografische Handschrift will aktiv entwickelt werden.

Der voranstehende Text ist, leicht verändert, dem abschließenden Fünfzehnten Kapitel der Gedanken zum fotografischen Bild entnommen.

 

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