Fotografische Individualsicht und universelle Erkenntnis

von Ulrich Metzmacher

Die Kamera kann nicht nur durch die beiläufige Fixierung alltäglicher Situationen zum Ausgangspunkt einer Visual Sociology werden, die aus der auffälligen Wiederholung bestimmter Szenen und Gesten auf sozial normierte Verhaltensmuster schließt, sondern natürlich auch durch die sich explizit dokumentarisch verstehende Fotografie. Diese beansprucht im Übrigen nicht zwangsläufig eine, sowieso problematische, Objektivität, sondern kann bewusst subjektive Formen einschließen. Insbesondere durch das fotografische Storytelling lassen sich Dinge vermitteln, die aus einer individuellen Wahrnehmung Ableitungen auf verallgemeinerungsfähige Aussagen zulassen.

Beim Storytelling geht es in gewisser Weise um die Herstellung einer Beziehung zwischen dem Fotografen und einem imaginären Betrachter seiner Bilder. Auch in der literarischen Welt werden schließlich nur selten Geschichten erzählt, die nicht von der potentiellen Verstehbarkeit des Textes durch Dritte ausgehen. Schon die griechischen Tragödien haben dem Publikum die klassischen Menschheitsthemen in Form konkreter, jedoch verallgemeinerungsfähiger Dramen nahegebracht. Stets ging es um grundsätzliche Erkenntnis, um die Reflexion des eigenen Seins und nicht zuletzt um ethische Standards hinsichtlich des Verhaltens. Zwar sind auch hermetisch abgeschlossene Texte, die sich ausschließlich in der Innenwelt des Autors abspielen und keinen Außenbezug zu Dritten beanspruchen, Bestandteile der Literaturgeschichte, sie bleiben aber, abgesehen von lyrischen Formen, die Ausnahme. Das publikumsorientierte Geschichtenerzählen setzt nun einmal einen verständnisbereiten und verständnisfähigen Rezipienten voraus. Dies ist im Übrigen eine durchaus realistische Annahme, verfügen doch Autor und Leser meist über den gleichen Sprachhintergrund und teilen, zumindest zu einem signifikanten Teil, das Verständnis vom Sinn der verwendeten Zeichen. Kurz, der gemeinsame kulturelle Hintergrund sorgt dafür, dass eine Vermittlung von Botschaften stattfinden kann, zumindest wenn bei komplexen Texten die Lesekompetenz des Rezipienten entsprechend entwickelt ist.

In der Fotografie ist das nicht anders. Allerdings ist hier die Auffassung verbreitet, jeder könne sozusagen von Natur aus ein Bild verstehen und besondere Bemühungen seien nicht notwendig. Selbst Schuld, mag man da mit Blick auf die Fotografie sagen, hat diese doch seit ihren Anfängen reklamiert, sachlich das abzubilden, was als Realität wahrgenommen wird. Wer sich intensiver mit den Voraussetzungen der Fotografie befasst, weiß, dass dies so nicht haltbar ist, da es sich beim Sehen um einen komplexen kognitiven Vorgang handelt. Und auch das Lesen von Bildern muss erlernt werden und ist, wie der fotosinn-Essay Raum und Fläche zeigt, Ergebnis eines kulturellen Vermittlungsprozesses. Im allgemeinen Verständnis herrscht jedoch weiterhin eine eher simple Vorstellung hinsichtlich des Charakters des fotografischen Bildes. Insbesondere Werke mit Storytellingcharakter sind deshalb nur etwas für Betrachter, die sich, wie bei der Rezeption komplexer literarischer Werke, auf eine, manchmal mühselige, Reise in eine noch zu entschlüsselnde Welt einlassen. Das mag im positiven Fall, wie bei den alten Griechen, zu Erkenntnissen mit intersubjektivem Charakter führen, endet mitunter aber auch, zugegebenermaßen, im Ratlosen. Das ist jedoch keine Besonderheit der Fotografie. Andere Künste haben ebenfalls mit diesem Phänomen zu tun.

Die Beherrschung der fotografischen Technik kann man erlernen. Was man für engagiertes Fotografieren mit verallgemeinerungsfähigen Aussagen jedoch mitbringen muss, sind Einfühlungsvermögen und Hingabe. Der Magnum-Fotograf Stuart Franklin hat kürzlich in einem Interview die Bedeutung solcher Eigenschaften, insbesondere für das sozialdokumentarische Fotografieren, hervorgehoben. Sie seien letztlich sogar wichtiger als die Verfeinerung des eigenen Stils. Mit Franklins Buch The Documentary Impulse hatten wir uns bereits in einem früheren Blogbeitrag befasst. In dem genannten Interview hat er nun seine Erwartungen noch einmal näher erläutert.

Studierende fühlen sich mitunter, so Franklin aufgrund seiner Erfahrungen als Dozent, ein wenig verloren auf dem Weg zur Erarbeitung eines persönlichen Verhältnisses zur Fotografie. Wie auch in anderen Künsten gehe es deshalb darum, sie in der Ausbildung hierbei zu unterstützen und zu ermutigen. Insbesondere die visuelle Stimmigkeit der Arbeit stelle sich in Zeiten des schnellen Einzelbildes der Social Media Kanäle dabei als Herausforderung dar. Erst durch eine Serie von Fotografien werde nämlich deutlich, für welche Aussagen und Haltungen ein Fotograf oder eine Fotografin eigentlich stehe. Das vertraute soziale Umfeld im Übrigen so zu fotografieren, als sei man Berichterstatter in einer fremden Welt, kann zur Sensibilisierung der Wahrnehmung beitragen. Dies bedeutet jedoch nicht, eine distanzierte Haltung einzunehmen. Im Gegenteil, ohne Einfühlungsvermögen und Hingabe geht es nicht. Stuart Franklins Fazit: I can work with no talent, but I can’t work with no sensitivity, and I can’t work with no commitment.

Ein Interview, das der Fotograf Todd Hido kürzlich mit LensCulture geführt hat, sei an dieser Stelle ebenfalls erwähnt. Die dort gezeigten Fotografien sind übrigens auch sehenswert. Das Gespräch beginnt mit der Feststellung, dass im Werk Hidos sowohl auf dessen interne Welt wie auf die des Betrachters Bezug genommen wird. Hido bestätigt das mit dem Hinweis, dass die persönliche Sicht häufig beeinflusst ist durch politische sowie andere externe Kräfte und sich allein daraus eine potentielle Korrespondenz der eigenen subjektiven Wahrnehmung mit derjenigen anderer ergibt. Umgekehrt verweisen seine Bildgeschichten häufig auf Dinge, die er in Anderen gesehen hat. Einzelbilder und Fotografien ohne erkennbare Idee oder Konzept interessieren Hido weniger.

In beiden Interviews wird deutlich, dass narratives Fotografieren mehr ist als eine solitäre, subjektive Angelegenheit. Wenn wir aufmerksam registrieren, wie wir die Dinge der Welt wahrnehmen und bei der Arbeit mit der Kamera nicht auf Effekthascherei spekulieren, dürfen wir davon ausgehen, dass wir mit unseren Empfindungen nicht alleine sind, sondern es sich um intersubjektiv Geltendes handelt, das von anderen in gleicher oder zumindest ähnlicher Form geteilt wird. Wie beim literarischen Text lassen sich deshalb mit Fotografien Wahrheiten ausdrücken, die etwas über den Zustand sozialer Beziehungen aussagen. Dies gilt umso mehr, je intensiver die gemeinsame Schnittmenge des kulturellen Hintergrundes von Fotograf und Betrachter ausgeprägt ist.

Dass es neben der sozialdokumentarischen Fotografie auch andere Formen gibt, muss nicht näher erläutert werden. Mit zunehmendem Abstraktionsgrad der Aufnahmen oder bei Fotografien ohne Darstellung sozialer Beziehungssituationen spielt die Übereinstimmung der Zeichencodes von Fotograf und Betrachter jedoch eine geringer werden Rolle. Bei gegenstandslosen Bildern zum Beispiel darf jeder erkennen, was er gerne sehen möchte. Die potentielle Verallgemeinerungsfähigkeit individueller Sichtweisen ist deshalb in erster Linie eine Hauptforderung an die dokumentarisch sich verstehende Fotografie. Und für jede Form der Visual Sociology ist es  geradezu eine Voraussetzung.

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