Fotografieren - warum eigentlich?

von Ulrich Metzmacher

Beständig sind wir bemüht, uns ein Bild von der Welt zu machen. Dies gilt im übertragenen Sinne, aber auch wörtlich genommen. Die Wahrnehmung sowie die Verarbeitung einströmender Eindrücke fordern nun einmal Strukturierung und die Reduktion auf das Wesentliche. Die Unübersichtlichkeit der nahezu unendlichen Informationsmenge muss eingedampft werden, um einem Kollaps des Kognitionssystems zu begegnen.

Dem fotografischen Bild kann im Prozess der Reduktion von Komplexität eine besondere Funktion zukommen. Während das tägliche Erleben einem unablässigen Strom von Sinneseindrücken gleicht, bietet die Fotografie, stärker noch als der Film, die Möglichkeit, innezuhalten und über das Gesehene nachzudenken. Mitunter erkennen wir dann beim zweiten Blick Dinge, die bislang übersehen wurden. Nun setzt eine Verarbeitung ein, die über die unmittelbare sinnliche Wahrnehmung hinausgeht und dabei wirkmächtiger ist als die Interpretation eines Traumes, eines frei geformten Kunstwerkes oder einer literarischen Weltdeutung. Nur Fotografien weisen, unabhängig von ihrer Interpretationsbedürftigkeit, einen unmittelbaren Weltbezug auf.

Und dennoch, es gibt keine reine Wahrnehmung. Jedes Sehen ist kulturell geformt. Aber deutlicher als bei der fließenden Alltagswahrnehmung können wir uns das Konstrukthafte einer Fotografie ins Bewusstsein rufen. Wir wissen um ihren Weltbezug, um das Es ist so gewesen im Sinne Roland Barthes. Wir fühlen jedoch auch, dass ein Bild etwas mit uns macht, wenn eine verborgene Botschaft, die nicht unmittelbar auf der Oberfläche erkennbar ist, subkutan mitschwingt. Fotografie ist Welt, jedoch nicht auf einfache Weise.

Die Motivationen zum Fotografieren sind unterschiedlich, und die Bandbreite des Einsatzes der Kamera ist groß. Das Selfie etwa stellt die Extremform einer Selbstbezogenheit dar, die vor allem der eigenen Ausstrahlungsversicherung dient. Aber selbst hier handelt es sich um die Abbildung von Wirklichkeit, wobei das Handyfoto im Kontext seiner Präsentationsfunktion verstanden werden will. Dies verbindet es im Übrigen mit dem gemalten Selbstportrait, das in der Regel nur dann zu Lebzeiten des Dargestellten öffentlich gezeigt wird, wenn es diesem genehm ist. Gleichwohl, auch im Zeitalter des massenhaften, demokratisch gewordenen Selbstportraits mit dem Smartphone richtet sich die Mehrzahl der Fotografien auf andere Realitäten.

Unabhängig vom Motiv ist die Fotografie ein Ego-Medium, mit dem sich der Fotograf eine persönliche Weltsicht konstruiert. Zumindest scheint dies für die nichtprofessionelle Alltagsfotografie zu gelten, nicht nur für das Selfie. Auftragsarbeiten folgen anderen Gesetzen. Hier reicht die Spanne von der Hochzeitsfotografie über die Fotoreportage oder die Produktfotografie bis zum Einsatz im Rahmen der Verbrecherkartei, einer dokumentierenden Wissenschaftsfotografie oder der Medizin. Wiederum anderes wird intendiert, wenn Fotografie im Kunstkontext stattfindet. Den dabei zugrunde liegenden Motivationen wird im Folgenden nicht weiter nachgegangen. Es soll vielmehr um die nichtprofessionelle Fotografie von der alltäglichen bis zur ambitionierten Erscheinungsform gehen.

Dinge, die uns wichtig sind, Landschaften, auch Stadtlandschaften, die wir erlebt haben und nicht missen wollen, beeindruckende Situationen, die uns berühren, oder die Familie und der Freundeskreis, wir möchten es in Form von Fotografien als Erinnerungsstütze festhalten. Dabei ist es nicht das Bild an sich, das als unmittelbarer Reiz wirkt, sondern es sind die mit dem Betrachten verknüpften Erinnerungen und Assoziationen, die uns bewegen. Bilder lösen etwas in uns aus. Da wir diese Wirkung kennen, fertigen wir gierig immerzu neue Bilder an. Es ist wie ein freundlicher Stimulus, wie ein Kick, den wir uns verschaffen; jederzeit verfügbar und im Unterschied zu anderen Dingen mit Suchtpotential in der Regel ungefährlich. Bei der ambitionierten Fotografie kommt meist noch die erhoffte Kunstaffinität hinzu. Die Bilder dienen dann nicht nur der Erinnerung, sondern sie wollen reüssieren, ob beim Fotowettbewerb, im Internet oder auch nur an der heimischen Wohnzimmerwand. Aber wie frei sind wir eigentlich bei der Wahl der Motive und bei der Bildgestaltung? Erschaffen wir wirklich eine eigenständige Ego-Sicht auf die Welt?

Der Fotograf, Grafikdesigner und Dozent an der Berliner Ostkreuzschule Andreas Trogisch hat diese Frage vor einigen Jahren im Vortrag Warum fotografieren? aufgegriffen. Der Impuls, zur Kamera zu greifen, wenn irgendetwas geschieht, scheint tief in uns verwurzelt zu sein, so Trogisch. Und weiter: Es ist ja schon alles fotografiert worden, aber jeder will es noch einmal fotografieren, nur für sich selbst und da es so einfach ist, tut er es auch. Jeder will SEIN EIGENES Bild haben, sich ein eigenes Bild MACHEN. Aber es bleibt die Frage im Raum, ob es am Ende wirklich eigene Bilder sind. Schließlich fotografieren wir in der Regel Objekte und Sachverhalte, die vor uns schon von anderen längst festgehalten worden sind. Und wir kennen diese Bilder, zum Beispiel aus Reiseführern. Wir sind mit ihnen aufgewachsen und unsere fotografische Wahrnehmung der Welt ist durch viele Vorbilder, bis hin zum Stil der Abbildung, geprägt. Dies ist jedoch schwer als Artefakt zu erkennen, weil es von der Eigenheit einer Fotografie als vermeintlich objektiver Abbildung überdeckt wird.

Fotografie ist von Natur aus zitierend, so Trogisch. Wie wir fotografieren und ein Bild gestalten, folgt in der Regel vorhandenen Trends, häufig solchen, die gerade angesagt sind. So einzigartig, wie wir oft meinen, ist unsere Art des Fotografierens deshalb meist nicht. Motive pflanzen sich genauso fort wie Sehweisen und werden Teil des allgemeinen Bildgedächtnisses und entwickeln sich in jeder Wiederkehr weiter. Bleibt vor diesem Hintergrund die Frage, ob Fotografien dennoch die Welt verändern können. Ja, sie können, zumindest dann, wenn wir aus dem vorgegebenen Programm ausbrechen und die Art, wie wir die Welt sehen, gegenüber den einstudierten Schemata verändern.

In einem Kommentar zu einem früheren fotosinn-Beitrag hat der Fotograf André Barton seine Motivation beim Fotografieren so zusammengefasst:

Warum ich fotografiere?
Bilder bedeuten mir die Welt.
Bilder bestätigen mich in meinem Denken, sobald und immer erst dann, wenn ich sie sehe.
Wenn ich sie sehe, kann ich sie festhalten.
Wenn ich sie festhalte, kann ich mich an sie erinnern.
Wenn ich mich an sie erinnern kann, kann ich sie weitergeben.
Wenn ich sie weitergeben kann, werden sie etwas verändern.

Verpflichtung? Das ist was anderes.

Bartons Anmerkung weist auf die Potentiale der Fotografie hin. Sie muss nichts, aber sie kann. Fotografien können Wirklichkeit verändern. Dies deckt sich mit einem sozialkritischen Bildansatz. Fotografen und Fotografinnen wie Lewis Hine, Walker Evans, Dorothea Lange oder auch Diane Arbus waren einem Stil verpflichtet, der einerseits dokumentiert, andererseits die eigene Stellungnahme nicht versteckt; eine Stellungnahme, die unterschwellig immer stattfindet, aber niemals wertfrei, objektiv sein kann. Es geht deshalb um die Wahrnehmung der eigenen Haltung. Auch beim Fotografieren.

Die Frage Fotografieren – warum eigentlich? ist so alt wie die Fotografie selbst. Wollen wir ein Ideal von uns selbst schaffen, wollen wir Erinnerungen konservieren, wollen wir ästhetisch schöne und aufregend interessante Bilder machen, oder wollen wir kritische Botschaften vermitteln? Wie auch immer, eine Verpflichtung zu einer bestimmten Antwort gibt es nicht. Die Fotografie ist ein demokratisches Medium. Deshalb kann ein jeder und eine jede die Frage beantworten, wie er oder wie sie es möchte. Ein wenig darüber nachdenken, kann jedoch im Kontext ambitionierten Fotografierens nicht schaden. Und ob die erste, spontane Antwort am Ende auch die wirklich zutreffende ist, stellt noch einmal eine zweite Frage dar.

 

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