Fotografieren ohne Dogma

von Ulrich Metzmacher

Die oftmals unterstellte Bedächtigkeit beim analogen Fotografieren ist nicht unbedingt gleichzusetzen mit aufwändiger Bildgestaltung oder einer langsamen Kameratechnik. Niemand ist gezwungen, es Ansel Adams gleichzutun und mit schwerem Stativ sowie großem Format solange an der Komposition zu werkeln, bis alles passt und schließlich der Auslöser betätigt wird. Entscheidend bei der Frage nach der Bedächtigkeit ist die innere Haltung.

Das ambitionierte Fotografieren bezieht die Phase der gedanklichen Vorbereitung mit ein. Die eigentliche Aufnahme kann dann durchaus schnell geschehen oder auch sorgsam inszeniert sein, übrigens analog wie digital. Selbst wenn es mitunter als verpönt gilt: Das Trial and Error Vorgehen ist dabei in manchen Fällen eine durchaus sinnvolle Strategie. Man begibt sich in eine dynamische Situation und fotografiert, was spontan interessant erscheint. Häufig bleibt keine Zeit für umständliche Regieanweisungen oder manuelle Einstellungen von Schärfe und Belichtung. Ausschnitt festlegen, auslösen und darauf hoffen, dass sich daraus später ein interessantes Bild gestalten lässt. Die Erfolgsquote mag begrenzt sein. Dies ist beim Fotografieren jedoch normal, wie selbst die Magnum Kontaktbögen professioneller Fotografen zeigen. Auch sie hatten auf einem 36er Film oftmals nur wenige oder lediglich einen Treffer. Und dennoch, es scheint zu anderen Ergebnissen zu führen, wenn statt digitaler Technik eine Analogkamera eingesetzt wird. Allein das Wissen um die beschränkte Filmkapazität diszipliniert den Prozess. Man überlegt ein wenig konzentrierter, wenn auch nicht unbedingt länger, bis der Auslöser betätigt wird.

Einige Eigenschaften analoger Kameras lassen sich bei der Verwendung digitaler Technik im Übrigen simulieren. Allein der Verzicht auf die Zwischenbetrachtung der gespeicherten Bilder auf dem Kameramonitor wirkt mitunter Wunder. Um hier gar nicht erst in Versuchung zu geraten, bietet sich an, das rückseitige Display abzuschalten oder, besser noch, zuzuklappen, sofern die Kamera dies erlaubt, und für die Bildgestaltung nur den Sucher zu nutzen. Der dem analogen Prozess nachempfundene Effekt ist nicht zu unterschätzen, da sich das Interesse nun ausnahmslos auf die nächste Aufnahme richtet und jegliche Gedanken an die bereits gespeicherten Bilder unterbleiben. Sicher, es gibt Situationen, bei denen die Zwischenkontrolle sinnvoll ist, etwa um komplexe Belichtungs- oder Schatteneffekte zu überprüfen. Und mitunter bietet die Bildkomposition mit Hilfe des Monitors einige Vorteile. Aber machen wir uns nichts vor. Das sind Ausnahmen. Gerade die spontane Fotografie ist meist durch eine Nichtwiederholbarkeit der Aufnahmesituation gekennzeichnet. Hier stört die Zwischenbetrachtung einfach nur. Viel wichtiger als die Kontrolle des Vergangenen sind der vorwärtsgewandte Blick sowie eine Konzeptidee, die aus der unendlichen Menge möglicher Bilder das herausfiltert, was überhaupt fotografiert werden soll.

Dies alles geht digital wie analog. Auch wenn gerne betont wird, dass die Bedächtigkeit des analogen Prozesses für die ambitionierte Fotografie einen Vorteil darstellt, ist dieses Argument nicht so tragfähig, wie es auf den ersten Blick scheint. Das analoge Arbeiten lässt sich schließlich simulieren, nicht zuletzt durch das Abschalten der digitalen Automatiken. Die unterschiedlichen Bildanmutungen eines digitalen Prints im Vergleich zur klassischen Barytvergrößerung bleiben bei diesen Überlegungen freilich unberücksichtigt. Dies wäre ein eigenes Thema.

Für viele ambitionierte Fotografen gibt es eine haptisch bedingte Freude beim Einsatz älterer Technik, egal ob es sich nun um eine analoge Nikon, Leica oder eine klassische Mittelformatkamera handelt. Das mitunter fummelige Filmeinlegen bis hin zur manuellen Einstellung von Schärfe und Belichtung fördert, so scheint es, die Sorgfalt beim Fotografieren. Vielleicht spielt auch die Ehrfurcht vor der Aura des mechanischen Apparates eine gewisse Rolle. Aber da wird es schon nebulös. Gleichwohl und bei aller Liebhaberei: Für welche konkreten Zwecke dann doch lieber eine Digitale zum Einsatz kommt, wissen auch die meisten Analogfreunde ganz genau. Fotografieren ohne Dogma eben!

 

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