Fotografien dürfen anstrengen

von Ulrich Metzmacher

Warum geht von manchen Fotografien auch in Zeiten des Internets, raffiniert gemachter Filme und anderer dynamischer Kunstformen eine so starke Wirkung aus? Wie kommt es, dass das statische Bild noch immer eine intensivere Erinnerung auszulösen vermag als andere Medien? Die Fragen lassen vermuten, dass es sich beim Sehen von Bildern um einen Wahrnehmungsprozess mit subjektiven, emotionalen Bestandteilen handelt.

Fotografieren ist nicht einfach ein Vorgang der objektiven Abbildung einer eindeutigen Außenwirklichkeit. Dies stellt eine Binsenweisheit dar. Mit deren erkenntnistheoretischen Aspekten hat sich der fotosinn-Essay Höhlenbilder befasst. Von Platon über Kant bis zum Poststrukturalismus sind Zweifel am Wahrheitsgehalt dessen, was wir zu sehen meinen, ein nicht auslöschbarer Bestandteil aufgeklärter Weltsicht. Absolute Objektivität und Wahrheit sind nicht zu haben.

Aber ist nicht wenigstens die eingesetzte Technik neutral? Das durch die Objektivlinsen gelangte Licht als Abstrahlung von Dingen der dreidimensionalen Außenwelt wird schließlich als rein technischer Vorgang auf einem Medium, entweder Film oder SD-Karte, gespeichert und später in der Dunkelkammer oder am Rechner in ein zweidimensionales Flächenbild übersetzt. Damit der Betrachter dieses jedoch sinnhaft versteht, bedarf es einiger kognitiver Voraussetzungen. Allein physikalisch oder physiologisch lässt sich Sehen nicht erklären. Es handelt sich um einen komplexen Prozess, der neuronale und kognitionspsychologische Dimensionen ebenso einschließt wie Kulturgeprägtes. Im fotosinn-Essay Raum und Fläche sind diese Aspekte näher beleuchtet worden.

Und es bedarf einer Berücksichtigung der Zeit. Die Realität, sowohl die in der Umwelt wahrgenommene wie auch die der inneren Verfassung des Betrachters, befindet sich in beständiger Veränderung. Die Fotografie hingegen friert einen statischen Moment aus dem unendlichen Strom des Geschehens ein. Wie repräsentativ, neutral oder objektiv unter diesen Umständen ein Bild überhaupt sein kann, war unter anderem Thema des fotosinn-Essays Der fotografische Augenblick.

Die Fotografie scheint auf den ersten Blick der Ganzheitlichkeit von Raumwahrnehmung und Zeiterleben nun so gar nicht zu entsprechen. Weder stellt sie sich als räumlich noch als dynamisch dar und bildet, wie die klassische Malerei, einen Gegenentwurf etwa zu bühnenorientierten Kunstformen wie Theater, Tanz oder auch Performances, die Raum und Zeit im unmittelbaren Erleben vereinen. Skulptur und Film sind Zwischenformen. Ihnen fehlt entweder die Dimension der Bewegung, wie im Fall der Skulptur, oder aber die Tiefe jenseits der Fläche der Kinoleinwand. Wie kann unter diesen Umständen die Fotografie als zweidimensionale und gleichzeitig statische Form, der alles Räumliche und Dynamische fehlt, überhaupt Bestand haben? Eine Antwort findet man, wenn die Dinge gegen den Strich gebürstet werden. Gerade weil sich die Fotografie auf der Erscheinungsebene als zweidimensional und statisch darstellt, vermag sie phänomenologisch Raum und Zeit zu suggerieren. Hier liegt dann auch der Schlüssel zum Verständnis ihrer anhaltenden Faszination.

Alles, was nicht vordergründig plakativ daherkommt, sondern gedeutet werden will, fordert in besonderer Weise die kognitive Anstrengung des Betrachters. Das statische Bild verlangt einen stärkeren gedanklichen Aufwand als der Film, der stets mit einer Handlungssequenz verbunden ist. Die Fotografie hingegen fordert dazu auf, das vermutete Davor und Danach der eingefrorenen Szene hinzuzudenken. Ähnliches gilt für die Darstellung des Räumlichen. Was nicht schon beim ersten Blick zeigt, was es sein soll, sondern erst entschlüsselt werden muss, löst in der Regel intensivere neuronale Spuren aus, als dies beim Betrachten eines Films der Fall ist, dessen Handlung von vorneherein Dreidimensionales markiert.

Nun wird auch der Grund erkennbar, warum trotz der potentiellen Faszination des Mediums Fotografie vielen Aufnahmen nur eine kurze Halbwertzeit beschert ist. Ihre Botschaften sind häufig zu vordergründig oder man hat das gleiche Bild bereits mehrfach gesehen. Dies gilt selbst für eine Reihe ambitionierter Fotografien. Aber wer will heute wirklich noch die tausendste Version langzeitbelichteter, gischtumspülter Felsen am Meeresstrand, HDR-gepushte Bilder, Bleach-Bypass getunte Aufnahmen oder dramatisch gefilterte skurrile Landschaften mit verfallener Holzhütte sehen? Das alles wirkt inzwischen meist ein wenig abgedroschen und es fehlt der Überraschungseffekt. Die Zukunft des statischen Bildes gehört deshalb eher der klassischen Fotografie mit ungewöhnlichen Inhalten und experimenteller Formensprache. Eine Fotografie darf bei ihrer Entschlüsselung jedenfalls anstrengen, nur langweilen sollte sie nicht. Die notwendig werdende Übersetzung von Statik und Fläche in Zeit und Raum bildet dafür eine gute Basis.

 

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