Fotografien als Instrumente zur Wahrnehmung der Welt

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Beständig sind wir bemüht, uns ein Bild von der Welt zu machen. Dies gilt im übertragenen Sinne, aber auch wörtlich. Die Wahrnehmung und die Verarbeitung einströmender Eindrücke fordern Strukturierung sowie eine Reduktion auf das Wesentliche. Um einem Kollaps des Kognitionssystems zu begegnen, wird die Unübersichtlichkeit der nahezu unendlichen Informationsmenge eingedampft.

Dem fotografischen Bild kommt dabei eine besondere Funktion zu.Während das tägliche Erleben einem unablässigen Strom von Sinneseindrücken ausgesetzt ist, bietet die Fotografie, stärker noch als der Film, die Möglichkeit, innezuhalten und über das Wahrgenommene nachzudenken. Mitunter erkennen wir erst beim zweiten Blick Dinge, die zuvor übersehen wurden. Nun setzt eine Verarbeitung ein, die über die unmittelbare sinnliche Wahrnehmung hinausgeht und sogar wirkmächtiger sein kann als die Interpretation eines Kunstwerkes, eines Traumes oder einer literarischen Weltbeschreibung. Nur Fotografien weisen, unabhängig von ihrer Deutung, einen unmittelbaren Wirklichkeitsbezug auf. Und dennoch, es gibt keine reine Wahrnehmung. Jedes Sehen ist kulturell geformt. Deutlicher als bei den fließenden Alltagseindrücken lässt sich das Konstrukthafte einer Fotografie ins Bewusstsein rufen. Sie ist ein Bild der Welt, aber nicht auf einfache, verdoppelnde Weise.

Der voranstehende Text ist dem Ersten Kapitel der Gedanken zum fotografischen Bild entnommen.

 

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