Fotografie und Poesie

von Ulrich Metzmacher

Fotografien und Gedichte scheinen sich auf den ersten Blick grundlegend zu unterscheiden. Hier die wirklichkeitsbeanspruchende Fotografie, dort die Innerlichkeit des Dichters, dessen Zeilen keiner Begründung bedürfen. Sprachliche Botschaften und visuelle Angebote sind zwei verschiedene Dinge. Und dennoch, beide gehen durch den Filter der individuellen Wahrnehmung. Aus den eingehenden Informationen wird ein Sinn konstruiert, dem wir einen Kontext geben und dann meist auch bewerten.

ZEIT Schriften I  (2016)

Ein eindeutiges Entsprechungsverhältnis zwischen Wirklichkeit auf der einen Seite und einer Fotografie beziehungsweise einem Gedicht auf der anderen gibt es nicht. Darüber hinaus sind Fotografie und Poesie miteinander verwandt, weil sie dem Betrachter ausreichend Raum für eigene Empfindungen und Gedanken lassen. So handelt es sich beim fotografischen Bild lediglich um eine Möglichkeitsform des Geschehens, da der Prozess vor und nach der Aufnahme prinzipiell im Unsicheren bleibt. Der Betrachter kann da nur Vermutungen anstellen, einen Kontext konstruieren, und in manchen Fällen seiner Phantasie sogar ziemlich freien Lauf lassen.

Fotografien sind ein Versuch, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, ein Versuch, Wirklichkeit zu gewinnen, Wirklichkeit sichtbar zu machen. Wirklichkeit ist für die Fotografie also keineswegs etwas Feststehendes, Vorgegebenes, sondern etwas in Frage Stehendes, in Frage zu Stellendes. In der Fotografie ereignet sich Wirkliches, trägt Wirklichkeit sich zu. Daraus ergibt sich für den Betrachter zunächst die Bedingung, das in der Fotografie zur Ansicht Kommende nicht auf etwas zurückzuführen, das außerhalb des Bildes steht.

In einem Brief vom 17. Februar 1958 an Wolf-Dieter Kleinschmidt erörtert der Dichter und Übersetzer Paul Celan das Verhältnis zwischen Poesie und Wirklichkeit. Bei ihr, der Wirklichkeit, handele es sich nicht um etwas Feststehendes, sondern sie werde im Gedicht erst gewonnen. Der Sinn eines Gedichts lasse sich deshalb nicht durch einfaches Durchlesen erfassen, sondern müsse interpretierend erschaffen werden. Der Leser ist dabei aktiv gefordert.

Der oben kursiv gesetzte Text beruht auf Passagen des genannten Briefes Celans. Neben kleineren Anpassungen wurden für diesen Blogbeitrag allerdings Gedicht durch Fotografie oder Bild, Sprache durch Ansicht sowie der Lesende durch Betrachter ersetzt. Der Originaltext des Briefes ist, ohne jeglichen fotografischen Bezug, nachzulesen auf den Seiten 291/292 in: Paul Celan: „etwas ganz und gar Persönliches“. Briefe 1934 – 1970; Suhrkamp, Berlin, 2019. Es handelt sich im Übrigen um eine der wenigen Briefstellen in Celans umfangreichem Korrespondenzwerk, die sich auf grundsätzliche Weise mit dem Wesen der Dichtkunst befasst.

 

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