Fotografie nach der Postmoderne

von Ulrich Metzmacher

Der in Norwegen geborene, heute überwiegend in Los Angeles lebende Torbjørn Rødland gilt als einer der interessantesten Gegenwartsfotografen. Das C/O Berlin widmet ihm zur Zeit eine höchst sehenswerte Ausstellung. Gezeigt werden Werke, die Rätsel aufgeben und potentielle Geschichten erzählen. Rødland offeriert diese als Angebote, über deren Sinngehalt der Betrachter frei entscheiden kann. Dazu bedarf es jedoch im Vergleich zur Masse der uns im Alltag umgebenden Bilder, die eher leicht zu decodieren sind, der Anstrengung eines zweiten Blicks.

Der eine oder andere Besucher hat sich im C/O Berlin möglicherweise bereits mental verausgabt, wenn er im Erdgeschoss die grandiose Retrospektive Why Color? von Joel Meyerowitz gesehen hat und anschließend in die erste Etage hinaufsteigt, um dort den Ausstellungsbesuch mit Back in Touch von Torbjørn Rødland fortzusetzen. Dabei wäre höchste Konzentration angesagt, auch wenn es gar nicht so viele Fotografien sind, die hier gezeigt werden. Aber es gelingt eben nicht, an ihnen einfach so vorbei zu schlendern, wie man es als Ausstellungsbesucher hin und wieder tut, wenn die Aufmerksamkeit für das einzelne Werk ein wenig nachlässt. Nein, bei Torbjørn Rødlands Fotografien bildet sich ein unmittelbarer Wahrnehmungsimpuls mit Warncharakter. Da stimmt doch etwas nicht mit dem Bild! Und dann nimmt man sich die Zeit und schaut genauer hin.

Gleich beim Betreten der Ausstellung wird man mit der Aufnahme einer Frau konfrontiert, die, hart von der Seite mit rotem Licht angestrahlt, heftig zu weinen scheint. Aber das ist nur der erste Blick, denn schnell wird deutlich, dass es sich nicht um Tränen handelt, die hier die Wange herablaufen. Es sind Goldene Tränen, so der Titel des Bildes, in Form von Honig. Dann im nächsten Raum Trichotillomania, das Bild mehrerer Orangen, eine davon angeschnitten, zwischen denen herausgerissene Büschel menschlicher Haare zu entdecken sind, und Cinnamon Roll, eine Zimtschnecke, in der Teile eines Gebisses erkennbar sind. Oder ein Bild ohne Titel, das eine eigenartig auf allen Vieren verrenkt im Wald stehende Person zeigt, bei der man erst beim genaueren Hinsehen registriert, dass es keine Füße sind, die in den Sneakers stecken, sondern die beiden Hände der Person.

Einige der Fotografien spielen ansatzweise mit dem Witzigen, Überraschenden. Aber eben nur ansatzweise, denn Torbjørn Rødland weiß, dass Ironie lediglich in homöopathischen Dosen eingesetzt werden darf. Ein zweifelnder Fotograf wird bessere Ergebnisse erzielen als ein Fotograf, der in der Freiheit der Ironie gefangen ist. In der aktuellen, sehr zu empfehlenden Zeitung des C/O Berlin findet sich dieses Zitat wie auch einige andere, die Rødlands Philosophie umschreiben. Die üblichen Sehgewohnheiten überprüfen, eine Fotografie nicht zu schnell hinnehmen, sondern einen zweiten Blick einsetzen, um durch die Konfrontation von Bild und Betrachter eine Form von Interaktion entstehen zu lassen, die letztlich das Wesen von Kunst überhaupt ausmacht. Darum geht es.

Stellen wir uns eine der Fotografien von Torbjørn Rødland als gemaltes Bild vor. Wir würden uns unwillkürlich an ein Werk der Surrealisten des Zwanzigsten Jahrhundert erinnert fühlen. Nicht die Frage nach der Wirklichkeit des Abgebildeten stünde im Vordergrund, sondern einzig und allein die Erkundung möglicher Sinngehalte aus der Sicht des Rezipienten in der Auseinandersetzung mit dem Werk. Torbjørn Rødland ist für die Gegenwartsfotografie deshalb so bedeutsam, weil er konsequent das Verständnis des Betrachters auf diesen Aspekt von Kunst generell und damit auch der Fotografie im Besonderen lenkt.

Unbedingt zu empfehlen ist im Übrigen der Essay Der wirkliche Inhalt ist ganz woanders… von Linda Norden in der erwähnten Zeitung des C/O, die kostenlos im Ausstellungsgebäude ausliegt. Rødlands Bilder wirken in der Tat wie das Tasten nach einer Antwort auf die Frage, was wir in der post-postmodernen Fotografie eigentlich suchen. Irgendwie, so Linda Norden, hat er einen Weg ausfindig gemacht, das Innere eines Äußeren zu offenbaren. Da klingt Symbolismus mit, auch Mythologie, aber es scheint nicht so, als solle hier jetzt unbedingt eine Antwort auf die Leere gegeben werden, die die Postmoderne in gewisser Weise hinterlassen hat. Die Büchse der Pandora ist nun einmal geöffnet. Sichere Antworten klassischer Art wird es nicht mehr geben.

In Rødlands The Touch That Made You, das im vergangenen Jahr als Begleitkatalog zur Ausstellung der Serpentine Sackler Gallery in London erschienen ist, sind einige der auch im C/O Berlin gezeigten Werke abgebildet. Hinzu kommen Essays mit Analysen verschiedener seiner Fotografien, die einen Einblick in das Denken Rødlands fördern. Nicht selten begegnet man dabei Bildern, die, wie es Max Campbell in The New Yorker einmal formulierte, wie von einem Gruselregisseur gemacht scheinen, der den Horror ohne eine Tropfen Blut darzustellen vermag. Oder, wie in der internationalen Ausgabe der New York Times vom vergangenen Wochenende zu lesen war: Torbjørn Rødland nutzt die Bildsprache der kommerziellen Fotografie, die auf den ersten Blick formell Schönes zeigt, aber gleichzeitig auf etwas Düsteres verweist. Rødland zitiert Bekanntes, schafft dabei jedoch Absurdes und Surreales. Er selbst betrachtet seine Fotografien als eine Mischung aus einem Drittel nordischer Melancholie, einem Drittel japanischer Klugheit und einem Drittel amerikanischer Vulgarität.

Manch einer mag bezüglich der Ausstellung Rødlands in der Serpentine Sackler Gallery in Kensington übrigens nachträglich einen leicht unangenehmen Beigeschmack verspüren, hat doch eine andere der ganz Großen aus der Welt der Gegenwartsfotografie, Nan Goldin, gerade in einem Interview mit der ZEIT heftige Kritik an der amerikanischen Unternehmerfamilie Sackler geäußert, die international zu den wichtigsten Kunstmäzenen gerechnet wird, ihr Vermögen allerdings nicht zuletzt mit einem Schmerzmittel erworben haben soll, dem viele ein erhebliches und nicht selten tödliches Suchtpotential zuschreiben. Statt ein Museum zu finanzieren, fordert Goldin, sollten die Sacklers ihr Geld lieber in die Finanzierung einer Entzugsklinik stecken. Aber Kunst und Kommerz sind heute eben kaum noch voneinander getrennt zu halten. Dies gilt offensichtlich nicht zuletzt für die Contemporary Art.

Die Ausstellung Back in Touch von Torbjørn Rødland, wie übrigens auch Joel Meyerowitz. Why Color?, ist im C/O Berlin noch bis zum 11. März 2018 zu sehen. Beide Ausstellungen sind unbedingt zu empfehlen. Das erwähnte Buch The Touch That Made You wird außerhalb Großbritanniens in Europa von der Buchhandlung Walther König vertrieben, ist aber während der Ausstellung auch im C/O erhältlich.

Zurück