Fotografie grenzenlos

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Das International Center of Photography in New York unternahm im Jahr 2014 den Versuch einer Annäherung an das Wesen der zeitgenössischen Fotokunst. Der Titel der Ausstellung What Is a Photograph? war, wie die Kuratorin Carol Squiers betonte, eine Frage mit mehreren Antwortmöglichkeiten. Schon in den sechziger Jahren gab es parallel zum traditionellen Verständnis der Fotografie den Ansatz, diese im Rahmen der Konzeptkunst in die Contemporary Art einzuführen, damals noch auf der Basis analoger Technik.

Aus dem zeitlichen Abstand werden verschiedene Entwicklungslinien jener Zeit sichtbar. Einmal wurde die Kamera im Rahmen von Performances entweder selbst zum Bestandteil der Aktion oder zum dokumentierenden Hilfsmittel. Gänzlich andere Aspekte zeigten sich bei den Experimenten mit der Polaroidtechnik, deren Material eine mechanische oder chemische Manipulation unmittelbar nach der Belichtung ermöglichte, noch bevor die Entwicklung ihren Abschluss fand. Arbeiten von Lucas Samaras zeigen solche Experimente. Ebenfalls mit klassischem Filmmaterial und analoger Kameratechnik experimentierte der von der Malerei kommende Sigmar Polke. Kamerabewegungen während der Aufnahme, Doppelbelichtungen, Manipulationen durch prozessuntypische Chemikalien, mechanische Beschädigungen des Negativs, Hitzeeinwirkungen und grundsätzlich alles, was auf anarchische Weise absichtsvolle Fehler und gewollte Zufälle hervorbrachte, führten zu Ergebnissen jenseits des traditionellen Bildverständnisses. Darüber hinaus experimentierten Polke wie auch Gerhard Richter mit der Übermalung von Fotografien und testeten so die Spannung zwischen den Realitäten des mechanisch erzeugten und des gemalten Bildes. Andere wiederum verzichteten gänzlich auf die Kamera und gingen, wie Jahrzehnte zuvor schon Moholy-Nagy, den Weg der direkten Belichtung des Fotopapiers.

Trotz Verdrängung der analogen Fotografie durch die Digitalisierung und des damit einhergehenden Bedeutungsverlustes der klassischen Fotomaterialien wurden von einigen Künstlern weiterhin alte Techniken angewandt. Florian Neusüss arbeitete kameralos, indem er Fotopapier mit der lichtempfindlichen Seite nach unten auf den nächtlichen Rasen legte und es von verschiedenen Seiten schräg mit einem Blitz belichtete. Es entstanden grafisch anmutende, abstrakte Werke, die dem Betrachter aber auch eine Idee von Grashalmen möglich machten. Anders Marco Breuer, der direkt die Emulsion des Fotopapiers manipuliert. Einen Schritt weiter geht Mariah Robertson, ursprünglich Bildhauerin. Sie bearbeitet Fotopapier von der Rolle mit gänzlich unterschiedlichen Techniken und formt das bis zu dreißig Meter lange Papier dreidimensional in den skulpturalen Raum. Marlo Pascual nutzt die dritte Dimension, indem er Fotografien mit anderen Objekten kombiniert und dem Betrachter die Konstruktion eines medienübergreifenden Sinnzusammenhanges abverlangt. Alison Rossiter setzt altes, vor vielen Jahren abgelaufenes Fotopapier ein und erzielt vermeintlich fehlerhafte Farbwirkungen. Aber was wären denn die richtigen Farben gewesen, drängt sich als Frage auf. Letha Wilson schließlich nimmt klassische Landschaftsaufnahmen und bearbeitet sie bis hin zur Formung als Objekte, um das Klischeehafte eingeübter Sehgewohnheiten offenkundig zu machen und neue Perspektiven zu eröffnen.

Obwohl die analogen Materialien auf dem Markt weiterhin angeboten werden, sind in den letzten Jahrzehnten die optischen, chemischen und physikalischen Manipulationen der Filmemulsion sowie die Verwendung des klassischen Fotopapiers ganz überwiegend durch digitale Einsen und Nullen, den Scan, die Speicherkarte und den Drucker abgelöst worden. Die New Yorker Ausstellung hat gleichwohl gezeigt, wie sich das analoge Spiel mit Materialität und Immaterialität in der digitalen Welt auf neue Weise fortsetzt. Travess Smalleys gestaltet Fotocollagen medienübergreifend mit Hilfe des Scanners, farbigem Papier und Schere, Seiten aus Printmagazinen und der Bearbeitungspalette von Photoshop. Den Schlusspunkt bildet als Original eine Datei, von der er als Unikat häufig nur einen einzigen Ausdruck anfertigt. Auch Jon Rafman arbeitet mit der gesamten Bandbreite digitaler Techniken, virtuellen Realitäten aus Computerspielen, Anregungen aus den Subkulturen des Internets sowie Bildmaterial von Google Street View. Dessen weltumspannende Bildersammlung erinnert Rafman aufgrund der polyperspektivischen Zusammenfassung vieler Sichtweisen an einen Gott, der die Welt beobachtet.

Beim vorstehenden Text handelt es sich um einen Auszug aus dem überarbeiteten fotosinn-Essay Skulptur und Fotografie, der nun als Version 3.0 vorliegt.

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