Fotografie als Poesie

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Dem kürzlich in LensCulture veröffentlichten Interview mit Alec Soth wurde ein Zitat des Magnum Fotografen und Fotokünstlers vorangestellt, das mit einigen liebgewonnenen Vorstellungen aufräumt. Es ging dabei um die Frage, wieweit wir beim Fotografieren von Klischees geprägt sind und ob es sich hierbei um eine negative Begleiterscheinung der eigenen kulturellen Gebundenheiten handelt. Müssen wir wirklich immerzu Neues außerhalb der vorhandenen Sehgewohnheiten schaffen wollen?

Alec Soth verneint dies. Vielmehr sei es für Künstler, gleich welcher Art, gar nicht bekömmlich, der vorhandenen Sprache und Tradition um jeden Preis entrinnen zu wollen. Dies führe eher in ein unverständliches Kauderwelsch. Besser sei es, die Rahmenbedingungen zu akzeptieren und diese gegebenenfalls hier und dort ein wenig zu erweitern. Dies hört sich nicht unbedingt nach ungebremster künstlerischer Phantasie an, trägt aber der Tatsache Rechnung, dass zumindest bei der realitätsorientierten und vor allem dokumentarischen Fotografie ein gemeinsames Grundverständnis zwischen Fotograf und Betrachter hinsichtlich der Bildsprache vorausgesetzt werden muss. Ein Bild wäre sonst nicht zu verstehen.

Alec Soth ist Mitglied der Agentur Magnum. Diesbezüglich ist die These unmittelbar evident. Das erklärte Markenzeichen der Agentur besteht nun einmal in ihrer Authentizität und Wahrhaftigkeit. Die von Magnum angebotenen Fotografien erheben den Anspruch, nicht manipuliert worden zu sein. Dieses Wahrheitsversprechen macht allerdings als normative Kategorie nur Sinn bei der Annahme einer Interpretationskompetenz des Betrachters oder der Betrachterin, die auf der Übereinstimmung deren Zeichenverständnisses mit der des Fotografen oder der Fotografin beruht. Unbedingte oder absolute Wahrheit im gesellschaftsfreien Raum, wir wissen es, gibt es dabei nicht. Aber auch bei den freien künstlerischen Arbeiten folgt Soth einer Bildsprache, die formal die Dinge auf vertraute, also konventionelle Weise darstellt. Gleichwohl vermögen die Inhalte seiner Fotografien zu fesseln oder gar zu verstören. Im Blogbeitragvom 21.09.2017 ist das ein wenig näher beleuchtet worden. Die Fotobücher von Alec Soth folgen im Übrigen der Idee des Storytelling und sind einerseits quasi-dokumentarisch angelegt, gleichzeitig jedoch poetische Werke, die sowohl die Sinne wie auch weiterführende Gedanken anregen.

In dem Interview wird Alec Soth auf die Unterschiede zwischen Fotografie und Literatur angesprochen. Jede Kameraaufnahme sei ja, so wird er dabei zitiert, fragmentarisch angelegt. Nach unserem Verständnis bedeutet dies: Das gleiche Motiv hätte auch aus einer anderen Perspektive aufgenommen werden können. Kein Gegenstand ist ganzheitlich abbildbar. Eine Fotografie ist immer individuell perspektivisch geprägt, eben fragmentarisch, und entspricht mehr einem Gedicht als einem Roman, der im Gegensatz zur Poesie weniger subjektive Stimmungen als intersubjektiv nachvollziehbare Geschehnisse vermitteln möchte. Soth scheint ähnlich zu denken. Literarische Poesie und das Medium Fotografie seien verwandt, weil beide den Betrachtenden ausreichend Gelegenheit lassen für eigene Empfindungen und Gedanken hinsichtlich offener Räume.

Der Vergleich zwischen Fotografie und Poesie gefällt uns nicht zuletzt deshalb, weil hier eine der Wesenseigenheiten des Standbildes zum Ausdruck kommt. Beim Film gibt es, wie beim Roman, einen dynamischen Handlungsstrang. Der jeweiligen Gegenwart geht etwas voran und es folgt ihr etwas nach. Gleiches trifft zwar auch beim Fotografieren zu, aber das Geschehen vor und nach der Aufnahme bleibt hier vollständig der Phantasie des späteren Betrachters des Bildes überlassen. Das fotografische Bild ist grundsätzlich nicht mehr als eine Möglichkeitsform des Geschehens. Dass wir gleichwohl aufgrund unserer Erfahrungen den dynamischen Zusammenhang einer Standbildszene oftmals richtig bestimmen können, ist eine andere Geschichte.

In jüngster Zeit misst Alec Soth dem Storytelling, als einer dessen herausragender Vertreter er lange Zeit galt, nicht mehr die gleiche Bedeutung bei wie früher. Er zeigt sich in dem Interview ein wenig ernüchtert von den Möglichkeiten der fotografischen Erzähltechnik. Heutzutage interessiere ihn, so Soth, mehr das Potential eines Bildes, Aufmerksamkeit zu erwecken. Wir interpretieren dies als Hinwendung zu Interaktionsprozessen. Waren die Themen seiner narrativen Fotobücher früher dadurch gekennzeichnet, dass es bei ihnen häufig um bindungslose oder sozial distanzierte Persönlichkeiten ging, vollzog Soth nach eigenem Bekunden eine 180-Grad-Wendung und widmet sich nun stärker entgegengesetzten Themen wie etwa dem sozialen Austausch und den Beziehungen zwischen den Menschen.

Solche Entwicklungen zeigen, wie ein Künstler einen eigenständigen Weg geht. Diesen Weg, man kann auch von Karriere sprechen, aktiv zu gestalten, ist mindestens von gleicher Bedeutung wie die Schaffung eines Kunstwerkes selbst. Für beides bedarf es Zeit und Achtsamkeit. Vor allem jedoch, so betont Soth, müsse man den eigentlichen Prozess des Schaffens in besonderer Weise mögen. Für die Fotografie bedeute dies, zunächst möglichst viele Genres auszuprobieren, um herauszufinden, wo die persönlichen Präferenzen liegen. Wer hier die falsche Wahl trifft, kann nicht wirklich Freude am Fotografieren entwickeln. Den Bildern wird man das ansehen. Entscheidend ist deshalb die Authentizität, mit der man sich einbringt. Dies bedeutet, stets mit voller Konzentration bei der Sache zu sein und sich nicht durch Nachdenken über künftige Erfolge oder einen möglichen Misserfolg ablenken zu lassen. Fotografieren im Hier und Jetzt, so ließe sich die Erkenntnis von Alec Soth am besten zusammenfassen. Darüber hinaus ist die Tatsache, dass wir mit der eigenen Identität stets Element sozialer Beziehungen sind, Basis dafür, dass unsere Fotografien von anderen verstanden werden. Auch das lesen wir aus dem Interview heraus.

Das Gespräch mit Alec Soth, das von Alexander Strecker geführt wurde, kann hier nachgelesen werden.

 

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