Fotografie als Gesellschaftskritik

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Inszenierte Fotografien mit gestellten Szenen können Erfundenes und selbst Surreales zum Inhalt haben. Und dennoch ermöglichen sie unter Umständen Rückschlüsse von geschaffenen Wirklichkeiten auf wirkliche Wirklichkeiten. Es handelt sich deshalb bei inszenierten Bildern nicht von vorneherein um Kunstprodukte mit nur ästhetischem Wert, sondern potentiell um Instrumente einer analytischen Hinterfragung sozialer Realitäten.

Inszenierte Fotografien werden zur Visuellen Soziologie, die Geschichten aus dem Leben erzählt und Einblicke in fremde Welten ermöglicht. Sie bieten dem Betrachter Inszenierungen nach dem Muster Es-hätte-so-sein-können und suggerieren Dokumentarisches. Einen Meilenstein setzte die in den 1970er Jahren entstandene Serie der Untitled Film Stills von Cindy Sherman, die an Hollywoodfilme der fünfziger Jahre erinnern, ohne jedoch wirklichen Standbildern jener Zeit nachgestellt zu sein. Sherman nutzte einzig und allein Geschlechtsrollenstereotype bis hin zu Klischees genormter Blicke und Körperhaltungen. Für Gesten der Unterwürfigkeit etwa oder des Überlegenheitsanspruches und für die Codes des Flirts oder für die kokette Abwendung stehen Verhaltensmuster zur Verfügung, die der einzelne nicht selbst erfunden hat, sondern die zum Repertoire des Sozialen gehören.

Deutlich wird bei den Untitled Film Stills, dass wir nicht nur eine Reihe alter Filme gesehen haben, sondern wie tief sich die dort verwendeten Rollenmuster als Material für bleibende Assoziationen eingegraben haben. Sie sind zum Bestandteil des kollektiven Bildgedächtnisses geworden. Die Vermutung liegt nahe, dass unsere Verhaltensweisen selbst heute noch mitgeprägt sind von solchen Stereotypen früherer Jahrzehnte. Das betrifft gleichermaßen männliche wie weibliche Rollenklischees. Die inszenierten Fotografien Cindy Shermans sind zu Recht als Beitrag zur Geschlechtsrollenkritik verstanden worden.

Einen anderen Weg hat Matthias Leupold eingeschlagen. Geboren und aufgewachsen in der DDR, vollzog er in den achtziger Jahren nach einer Reihe künstlerischer Aneckungen mit dem offiziellen Kulturverständnis des Staates die Ausreise in den Westen. Hier setzte er die Arbeit mit gestellten Sujets fort. Sein Bildband Die Vergangenheit hat erst begonnen – Szenische Photographien dokumentiert das so entstandene Werk der Jahre 1983 bis 1999. Bemerkenswert sind die wiederkehrenden ironischen Elemente, etwa in den Serien Fahnenappell, Leupolds Gartenlaube oder Die Schönheit der Frauen. Konzeptionelles, Serielles und Inszeniertes gehen eine Verbindung ein, die als kritische Gesellschaftsanalyse verstanden werden kann.

Ob Leupold nun Gemälde der fünfziger Jahre aus dem Genre des Sozialistischen Realismus nachstellte und dies mit der Kamera so festhielt, dass die Gestaltungsregeln der Propaganda durch ihre übersteigerte Anwendung bis hin zum Lächerlichen sofort ins Auge fallen, ob es sepiagetönte Fotografien sind, die dem Stil der Gartenlaube aus dem Kaiserreich nachempfunden und mit passenden Bildtexten versehen sind, oder um weibliche Akte, deren historische Vorbilder wie frühe Sexbildchen wirkten, die durch kunstbeflissene Erläuterungen getarnt wurden, stets ging es Leupold darum, die Vertrautheit eingeübter Sehgewohnheiten durch Neuinszenierungen ins Wanken zu bringen. Man erkennt in den Szenischen Photographien das platt Agitatorische des Sozialistischen Realismus ebenso wie den unreflektiert verklärenden Charakter der Gartenlaube oder die eigentliche Funktion der Aktfotografien als Hilfsmittel zur Steigerung überwiegend männlicher Phantasietätigkeit.

Cindy Sherman und Matthias Leupold stehen beispielhaft für eine Form der Fotografie, die, wie auf der Theaterbühne, etwas zeigt, das wie Realität aussieht, durch die erkennbare Kontextualisierung als künstliche Darstellung jedoch daran erinnert, dass es sich um nachgebildete Wirklichkeiten handelt. Brecht hatte beim Konzept des Epischen Theaters inszenatorische Hilfsmittel entwickelt, um den Zuschauer aus der Phantasiewelt der Bühne gedanklich ins reale Leben zurückzuholen. Die inszenierte Fotografie vermag ganz Ähnliches zu leisten. Sie macht deutlich, in welchem Ausmaß wir durch Bilder als Grundmaterial von Medien jeglicher Art sozial konditioniert sind. Gezielt inszeniert, nicht nur in der Werbung, gewinnen sie in der Wahrnehmung ein Eigenleben, rutschen in die Tiefenschichten des Bewusstseins und verlieren ihren Charakter als Rollenskripte. Erst die Re-Inszenierungen solcher Bildmuster lösen beim Betrachten kognitive Dissonanzen aus, da einerseits die aus der Tiefe stammenden Assoziationen Vertrautheit suggerieren, andererseits aber spürbar ist, dass da etwas mit der vermeintlichen Authentizität nicht stimmt. Bei den Untitled Film Stills von Cindy Sherman geschah das eher subkutan. Der Witz oder die Ironie in Matthias Leupolds Serien ließ es ein wenig offenkundiger werden.

 

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