Fotografie als Beitrag zur Soziologie des Alltags

von Ulrich Metzmacher

Gesellschaft kann man nicht anfassen. Und obwohl sie mit ihren Normen und Sanktionen, ja ihrer ganzen Kultur, von Menschen erfunden wurde, bildet sie, wie schon Émile Durkheim vor mehr als hundert Jahren festhielt, eine eigenständige Tatsache. Nachfolgende Generationen werden in das von den Vorfahren geschaffene Regelwerk hineingeboren, erlernen dann, sich in ihm zu verhalten, und entwickeln es weiter. Individuum und Gesellschaft bedingen sich dabei wechselseitig. Ohne soziale Gemeinschaft kein sprach- und denkfähiges Individuum, ohne eine Gruppe Einzelner keine Gesellschaft. Konflikte sind dabei an der Tagesordnung.

Die Soziologie versucht seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert zu verstehen, wie das Ganze funktioniert. Je nach dem gewählten theoretischen Fokus liegt der Schwerpunkt entweder bei den Strukturen und Funktionen der Gesellschaft oder bei den Handlungen des Einzelnen und den Interaktionsprozessen in seinen Bezugsgruppen. Viele soziologische Theorien sind dementsprechend entweder mit dem Label kollektivistisch oder individualistisch versehen worden.

Das postmoderne Verdikt, Erkenntnis sei von vorneherein zum Scheitern verurteilt, weil jede Methodik bereits Bestandteil dessen ist, was erkannt werden soll, lassen wir jetzt einmal unberücksichtigt und verbleiben im Denksystem der klassischen Soziologie. Diese wusste natürlich immer, dass Individuum und Gesellschaft zwei Seiten derselben Medaille sind, und unternahm auf der Basis dieses Selbstverständnisses den Versuch, Ordnung in das schwer durchdringbare Dickicht der im Sozialen stattfindende Prozesse zu bringen. Es handelt sich deshalb lediglich um einen methodischen Kollektivismus bzw. Individualismus, nicht jedoch, wie oftmals fälschlich von Kritikern behauptet wurde, um einen tatsächlichen. Auguste Comte, Émile Durkheim, Max Weber, die Systemtheorien Talcott Parsons oder Niklas Luhmanns betrachteten das Ganze eher vom gesellschaftlichen Ausgangspol, Robert Merton etwa oder George Herbert Mead sowie alle sozialpsychologisch Orientierten eher aus der Perspektive des handelnden Individuums.

Nahezu alle anderen Strömungen innerhalb der akademischen Soziologie der vergangenen hundert Jahre lassen sich einer der beiden Richtungen zuordnen. In Deutschland überwog dabei meist eine Betonung des Gesellschaftlichen. Dies galt sowohl für die marxistische Soziologie, die Kritische Theorie, die Konflikttheorie sowie letztlich auch den Kritischen Rationalismus. In den Vereinigten Staaten hingegen haben trotz der Systemtheorie Parsons individualistische Verhaltenstheorien immer eine größere Bedeutung gehabt.

Eine erhebliche Bereicherung der eingeübten universitären Denkmuster zeigte sich dann seit den sechziger Jahren durch feministische Theorien und später die Genderforschung, die quer zu den Polen Individuum und Gesellschaft zusätzlich die Geschlechterdimension berücksichtigt, sowie die Kultursoziologie, die oftmals gezielt an den alltäglichen Erscheinungsformen des Gesellschaftlichen ansetzt und damit gleichermaßen Kollektives wie Individuelles in den Blick nimmt. Dass frühere soziologische Außenseiter wie Georg Simmel, Walter Benjamin oder Norbert Elias von dieser neuen Kultursoziologie in gewisser Weise als Vorreiter betrachtet wurden, verwundert nicht. Gemeinsam ist ihnen eine Konzentration auf Phänomene des Alltagslebens, die entweder wie von einem Flaneur wahrgenommen und essayistisch beschrieben oder systematisch als Erscheinungsformen gesellschaftlicher Regeln gedeutet werden.

Der polnische Soziologe Piotr Sztompka spricht in einem Artikel aus dem Jahr 2008 gar von einer Dritten Soziologie, die hier neben den alten kollektivistischen und individualistischen Sozialtheorien entstanden ist. Insbesondere als Visual Sociology knüpft sie an dem Umstand an, dass moderne Gesellschaften aufgrund der unendlichen Hervorbringung immer neuen Bildmaterials Analysen des Alltagslebens ermöglichen, die es in dieser Form in früheren Zeiten nicht gab. Zwar ließen sich auch aus den fotografischen Portraits des 19. Jahrhunderts, den Sammlungen August Sanders oder aus alten Familienalben Aussagen hinsichtlich gesellschaftlicher Rollenanforderungen ableiten, aber der heutige Massengebrauch der Fotografie eröffnet hier noch wesentlich weitergehende Möglichkeiten. Vieles von dem, was da zum Beispiel mit dem Smartphone aufgenommen und umgehend in den Social Media Kanälen gepostet wird, mag zwar auf den ersten Blick höchst individuell erscheinen, aber Andreas Reckwitz hat in seinem fulminanten Buch Die Gesellschaft der Singularitäten überzeugend dargelegt, dass sozial wirkenden Normierungsmuster einen Zwang zur einzigartigen Performance ausüben, die dann am Ende eben doch alles andere als einzigartig ist. Die digitale Fotografie und ihre medialen Verbreitungsmöglichkeiten haben im Übrigen diese Entwicklung massiv befördert.

Piotr Sztompka sieht für die Visual Sociology zwei Zugangswege. Einmal können mit der Kamera gezielt soziale Situationen festgehalten und anschließend analysiert werden, oder es wird bereits vorhandenes Bildmaterial als Basis genommen. In beiden Fällen tragen insbesondere Fotografien aus dem Alltag dazu bei, hierarchische Ungleichheiten zwischen Interagierenden, subkulturell geforderte Verhaltensweisen und gesellschaftliche Idealbilder zu erkennen. Meist geht es dabei um soziale Erscheinungen, die sich als stabile Wiederholungsmuster in Form von alltäglichen Ritualen zeigen und letztlich vorgegebenen Skripten folgen. Ein beträchtlicher Anteil von diesen bleibt den Ausführenden des Drehbuchs im Übrigen unbewusst und wird nur in besonderen Situationen als überindividuelle Vorgabe wahrgenommen. Der Wunsch nach Einzigartigkeit zeigt hier seine Wirkung, das Wissen um die Genormtheit des eigenen Verhaltens wird verdrängt.

Die Soziologie des Alltagslebens ersetzt nicht, so Sztompka, die früheren Sozialtheorien, sondern ergänzt diese um eine zusätzliche, visuell orientierte Methodologie. Dabei können Fotografien nicht nur dazu beitragen, gesellschaftliche Leitbilder zu erkennen, sondern im Übrigen auch die Bemühungen des Einzelnen, nicht vollständig zu normierten Standardwesen zu mutieren. Emotionen, Kreativität, spontanes Verhalten, Extravaganzen verschiedener Art sowie das Streben nach sinnvollem Handeln weisen auf die Freiheitsspielräume hin, die dem Individuum trotz aller Vergesellschaftungsformen grundsätzlich gegeben sind. Systematisch analysiert, sind Fotografien deshalb in allen ihren Erscheinungsformen ein mächtiges Hilfsmittel, um sowohl die Wirkungen des Normativen wie auch das Bedürfnis nach Widerstand gegen allzu Einengendes kenntlich zu machen.

Zurück