Fotografen und andere Künstler

von Ulrich Metzmacher

Ist die These gewagt, dass es sich bei ambitionierten Fotografen (m/w/d) in der Regel um eher überlegt agierende Menschen handelt? Aber schließlich ist die Kamera ein Apparat, der beherrscht sein will. Nur mit Intuition und Spontaneität kommt man da meist nicht weit. Fotografieren ist ein technischer Akt mit rationalen Prozesselementen. Fotografen können deshalb von Künstlern (m/w/d), die mit anderen Techniken arbeiten, vielleicht etwas lernen.

Glass Helmet

Ein Fotograf wie Henri Cartier-Bresson scheint die Ausgangsthese zu widerlegen. Mehrfach betonte er die Bedeutung des Spontanen. Zwar müsse man sich beständig mit Fragen der Bildkomposition beschäftigen, aber beim eigentlichen Akt des Fotografierens könne der Gedanke an sie nicht mehr als intuitiv sein. Der Fotograf, die Kamera als sein verlängertes Auge und die Wirklichkeit sind eins. Das Denken ist als Teil eines meditativen Bewusstseins vollkommen fokussiert. Kopf, Gefühl und Intuition sind gleichermaßen einbezogen. Im fotosinn-Essay Der fotografische Augenblick wird dieser Grundgedanke Cartier-Bressons näher beschrieben. Und dennoch, entscheidende Augenblicke erfassen und festhalten zu können, ist in der Regel das Ergebnis einen langjährigen Erfahrungsprozesses. Nur wer die Technik intuitiv beherrscht, kann sie im Sinne Cartier-Bressons einsetzen. Das Rationale bildet die Basis für Spontanes.

Cartier-Bresson hatte sich zunächst mit der Malerei befasst und an der klassischen Kunstakademie studiert. Es war ihm deshalb bewusst, dass Malerei und Fotografie bei allen Unterschiedenen bestimmte Gemeinsamkeiten aufweisen. Auch die technischen Grundlagen der Malerei wollen erst einmal beherrscht sein, bevor es gelingt, sich vom rationalen Denken zu befreien und sowohl in der gegenständlichen wie der abstrakten Kunst dem Spontanen, Phantastischen einen Platz einzuräumen.

Gleichwohl darf vermutet werden, dass es einen Unterschied macht, ob ein Bild mit der geübten Hand und dem Pinsel auf der Leinwand beziehungsweise einem Stift auf dem Zeichenpapier entsteht, oder ob dies durch den Druck auf einen Auslöser geschieht. Wir verzichten hier auf die Unterscheidung zwischen analoger und digitaler Fotografie und konzentrieren uns auf die Nutzung der Kamera als eines technischen Werkzeugs. Mit dieser Voraussetzung stellt sich die Frage, ob es hinsichtlich der kognitiven, neuronalen Vorgänge in den Köpfen des Malers und des Fotografen Differenzen gibt, die sich aus der Nutzung des Pinsels beziehungsweise dem Auslösen einer Maschine ergeben.

Bemüht man die Analogie zum Prozess des Schreibens, stößt man auf zahlreiche Untersuchungen, in denen auf Unterschiede zwischen dem Gebrauch eines manuellen Schreibgerätes wie Füllfederhalter oder Stift auf der einen Seite und einer Tastatur auf der anderen hingewiesen wird. Bezüglich der mechanischen Tastatur gibt es darüber hinaus Unterschiede zwischen der klassischen Schreibmaschine und den digitalen Varianten, die eine permanente Nachbearbeitung des Textes ermöglichen. Aber dies soll hier nicht im Vordergrund stehen. Festzuhalten bleibt, dass der Gebrauch eines Schreibgerätes andere neuronale Spuren hinterlässt als die Arbeit mit der Tastatur. Einen Überblick zu dieser Thematik bietet der ZEIT-Artikel Wie das Schreiben das Denken verändert. Zusammenfassend heißt es dort: Handgeschriebene Texte sind kreativer als getippte. Im Übrigen weisen sie komplexere Sätze auf. Erklärt wird dies unter anderem damit, dass beim Schreiben eines Textes mit der Hand umfangreichere Hirnregionen involviert sind als beim Tippen, das auf der immergleichen Fingerbewegung beruht. Die gleichzeitige Beteiligung und Koordinierung der für Motorik, Sensorik, Strukturierung, Sprache und Kreativität zuständigen Hirnareale kommt der Qualität eines Textes offenbar zugute.

Ob sich diese Ergebnisse auf die Unterschiede zwischen dem Malen eines Bildes und dem Fotografieren übertragen lassen, ist eine spekulative Frage. Und dennoch könnten einige Erfahrungen eine solche These begründen: Fotografen ticken irgendwie anders als Maler. Um besser oder schlechter geht es dabei nicht. Und natürlich gibt es sowohl unter den Malern wie unter den Fotografen eine große Varianz. Nicht alle Maler sind mental anders strukturiert als alle Fotografen.

Gleichwohl, es fällt auf, dass die Diskussion ausgewählter Fotografien in Kunstforen von Facebook & Co. jenseits reiner Fotogruppen häufig überraschende Kommentare hervorbringt. Künstler sehen offenbar Dinge, denen Fotografen, die sich im Übrigen gerne mit technischen Aspekten eines Bildes befassen, gar keine Aufmerksamkeit widmen. Liegt dies daran, dass viele nicht primär fotografisch tätige Künstler über andere Fähigkeiten des Sehens und des Interpretierens von Bildern verfügen? So werden in Kommentaren oftmals Phantasien, Assoziationen und auch sprachlich geformte Eindrücke geboten, die aus der Sicht eines Fotografen nicht selten ein wenig befremdlich klingen. Aber wenn man sich darauf einlässt, wird es spannend und der eigene Horizont erweitert sich. Die Begrenztheit des realitätsaffinen fotografischen Blickes wird aufgesprengt durch Wahrnehmungen, die nicht kameratechnisch geprägt sind.

Bei den Skulpturen von Joseph Beuys weiß man, dass sie interpretiert werden wollen. Ähnlich ist das bei vielen Gemälden, nicht nur abstrakten. Meist steht die Frage im Raum, warum das Bild gerade so und nicht anders gemalt wurde. Nur beim Betrachten einer Fotografie meint man, sie sei ohne großen Aufwand verstehbar. Schließlich handele es sich ja nur um die Verdoppelung von Realität. Anders ist dies lediglich bei unklaren oder surrealistischen Fotografien. In solchen Fällen setzt auch hier ein Deutungsprozess ein, der durchaus anstrengend sein kann. Wer mit der Interpretation von Kunstwerken vertraut ist, mag dabei gegenüber Fotografen im Vorteil sein, da diese oftmals nüchterner denken und sich hinsichtlich des Phantastischen etwas schwerer tun.

 

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