"Formalismus ist alles"

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Bevor es in einem nächsten Blogbeitrag mit Nietzsche und der Fotografie weitergeht, soll aktuell von einer kürzlich eröffneten Ausstellung der amerikanischen Fotografin Jan Groover in Bremen berichtet werden. Die 1943 in New Jersey geborene Groover zählt zur ersten Generation der zeitgenössischen Fotografinnen und Fotografen, denen der Durchbruch in die etablierte Kunstszene gelang. Ein Titelbild im amerikanischen Magazin Artforum International im Jahr 1979 sowie eine große Einzelausstellung im New Yorker MoMA 1987 zeugen davon.

Jan Groover hatte mit dem Studium der Malerei begonnen, bevor sie zur Fotografie wechselte, die sie später auch selbst als Professorin an der State University in New York unterrichtete. Altmeisterliche Sichtweisen und Kompositionsregeln der klassischen Malerei des Stilllebens wie auch Einflüsse der Farb- und Formensprache des abstrakten Expressionismus verbinden sich bei Groover mit einer ausgefeilten fotografischen Technik, und es entstand eine Ästhetik eigener Art. Aus den realen Grundfaktoren Räum, Farbe und Licht schuf sie fernab von expressiven Spontaneitäten eine sorgsam durchkomponierte Bildwirklichkeit. Ihr Grundsatz: Formalism is Everything. John Szarkowski, der ehemalige Leiter der Abteilung für Fotografie des MoMA, verglich sie diesbezüglich mit Edward Weston. Dessen Straight Photography war die Antwort auf den Piktoralismus seiner Zeit gewesen, der Fotografien unbedingt wie Handgemachtes aussehen lassen wollte. Groover hingegen hat, wie Weston oder auch die Fotografie des Neuen Sehens, selbstbewusst auf die stilistischen und ästhetischen Eigenarten des Kamerabildes gesetzt. Als gelernte Malerin beherrschte sie die Techniken der Leinwand und gleichwohl wirken ihre fotografischen Arbeiten nie wie Gemälde, sondern als eigenständige bildnerische Ausdrucksformen. Hinzu kamen Einflüsse feministischen Denkens und eine Affinität zur Konzeptkunst, was sie am Ende von Weston abgrenzt und als Vertreterin der Fotografie des ausgehenden 20. Jahrhunderts verortet. Als sie Anfang 2012 starb, bezeichnete die New York Times sie als eine postmoderne Fotografin.

In der Bremer Ausstellung sind einige der Konzeptarbeiten Groovers zu sehen, etwa kleinformatige Triptychen mit seriellen Szenen. Dazu ein paar weniger bedeutsame Einzelwerke aus Stadt und Natur. Herausragend jedoch sind ihre teils farbigen, teils monochromen Stillleben, vor allem aus der Kitchen-Serie, sowie die abstrakt wirkenden Fotografien, die höchstens noch einen letzten Rest von Gegenständlichkeit aufweisen. Bei den Stillleben mit Küchenutensilien ahnt man das sorgfältige Vorgehen Groovers. Nichts wird dem Zufall überlassen, alles ist exakt arrangiert. Bestecke, Flaschen und Kochgeräte werden so kombiniert, dass im Bild ganz überwiegend deren abstrakte Formen wirken. Das erinnert ein wenig an Fotogramme von Moholy-Nagy. Bei anderen Bildern werden die Unter- oder Hintergründe der Szenen eigens hergestellt und eingefärbt. Auch die Gegenstände selbst erhalten bei Bedarf mit der Sprühdose den gewollten Farbton. Die Bilder bekommen auf diese Weise einen einzigartigen Charakter, der an Gemälde von De Chirico erinnert.

Für die Aufnahmen nutzte Groover eine Großbildkamera, mit deren Mattscheibe sich die Bildkomposition kontrolliert vornehmen lässt. In den späteren Lebensjahren, die sie in Frankreich verbrachte, kam das große Format auch bei den Still Lifes im Freien zum Einsatz. Ein Dokumentarfilm zeigt, wie Jan Groover unter dem schwarzen Tuch einer riesigen Kamera verschwindet und sorgfältig deren Optik ausrichtet. Immer geht es um die wirkungsvolle Gestaltung der Bildfläche. Der Betrachter solle nicht über den einzelnen Gegenstand nachdenken, so Groover, sondern das Gesamtbild auf sich wirken lassen. Auch seien alle Gegenstände gleich zu behandeln. Sie sind nicht mehr als Ausgangsmaterial für das Bild. Groover verglich dies mit der Fotografie eines Waldes. Auch hier gehe es nicht um den einzelnen Baum, sondern die Gesamtheit bilde ein Phänomen mit eigener Ausstrahlung.

Wichtiger Bestandteil des Bildes war für Jan Groover dessen Präsentation. Oftmals sind es aufwändige Chromogendrucke oder Platin-Palladiumdrucke, die auf Pergament präsentiert werden. Viel erklären will sie nach eigenen Worten aber nicht. Ihre große Leidenschaft war die formelle Gestaltung der Fläche. Die Bilder sollen für sich selbst sprechen.

Bei der Umwandlung der dreidimensionalen Wirklichkeit in ein zweidimensionales Abbild können grundsätzlich sowohl die raumorientierten Perspektivgesetze wie auch der Regeln der Flächengestaltung Anwendung finden. Im fotosinn-Essay Raum und Fläche wird dies näher erläutert. Bei einer konkreten Fotografie liegt die Betonung jedoch meistens entweder auf der Wirklichkeitsaffinität mit einer möglichst realistischen Wiedergabe und der Illusionierung von Räumlichkeit oder aber der Harmonie der Bildkomposition. Hier steht dann weniger die Perspektivwirkung im Vordergrund, sondern es geht um die Bildebene, die wie eine Leinwand auf der Staffelei gestaltet wird. Die flächenbetonte, abstrakte Komposition folgt damit nicht der Sichtweise des menschlichen Auges mit seiner Fähigkeit zur Raumwahrnehmung, sondern eher einer Logik ohne Perspektive, bei der es um die Intuition und das Balancegespür geht.

Die Form dominiert bei dieser Art gestalteter Fotografie die Inhalte. Bei den meisten Gemälden der Moderne, die keinen dokumentierenden Anspruch erheben, erscheint uns dies selbstverständlich. Wir gehen davon aus, dass sich der Künstler an theoretischen Proportionalgesichtspunkten sowie seinem Gespür für die ausgewogene Bearbeitung der Leinwand orientiert hat und dem Bildgegenstand hierbei eine dienende Funktion zufällt. Anders bei einer Fotografie. Hier hat das abgebildete Objekt einen ontologischen Anspruch und drängt sich dem Betrachter mit der Behauptung seiner existenziellen Bedeutung auf. Jedenfalls nehmen wir Fotografien in der Regel auf diese Weise wahr. Jan Groover hat es demgegenüber vollbracht, das fotografische Abbild von diesem, ihm zugeschriebenen Charakter des Authentischen bzw. Objektiven zu trennen und die Konzentration auf das rein Gestalterische, losgelöst von den Inhalten, zu fördern. Sie ermuntert den Betrachter, das Bild nicht als Bild von etwas, sondern als reine Komposition wahrzunehmen. Damit folgt sie Edward Weston oder László Moholy-Nagy und nimmt einen festen Platz in der Geschichte der bedeutenden Fotografinnen und Fotografen der Moderne ein.

Die Ausstellung JAN GROOVER ist noch bis zum 12. November in der Gesellschaft für aktuelle Kunst in Bremen zu sehen. Bei einem Besuch sollte man sich den etwa halbstündigen Dokumentarfilm über das Schaffen Jan Groovers nicht entgehen lassen. Einen Eindruck von ihrem Werk geben auch das Online-Archiv des Museum of Modern Art in New York oder ein Artikel aus der New York Photo Review mit einem an das Neue Sehen der Zwanziger Jahre erinnernden Titelbild.

 

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