Flirt mit der Analogen

von Ulrich Metzmacher

Seit einigen Wochen wird an dieser Stelle über die Erfahrungen mit dem Wiedereinstieg in die analoge Fotografie berichtet. Zunächst ging es mit Hilfe des Scanners um die Sichtung und dann anschließend um die Neubearbeitung alter Negative aus dem Archiv, was teilweise zu überraschend positiven Ergebnissen führte. Aber es gab auch eine große Menge qualitativ schwacher Vorlagen, wenn man diese mit heutigen digitalen Aufnahmen vergleicht. Dennoch brachte das Ganze eine so starke Faszination mit sich, dass schließlich für einen Selbstversuch einige neue SW-Negativfilme angeschafft wurden.

Berlin 2018, aufgenommen mit der Agfa Synchro Box

Über diese Fotografie der alten Dampflokomotive wurde bereits berichtet. Sie entstand mit einer Agfa Synchro Box aus den fünfziger Jahren, nachdem diese gründlich gereinigt worden war. Auf einem 120er Rollfilm ergaben sich acht Negative im beachtlichen Format 6 x 9, die sich hervorragend mit dem Scanner digitalisieren ließen. Die Schärfe ist aufgrund der einfachen Technik und Optik der Agfa Box zwar in keiner Weise mit Aufnahmen hochwertiger Kameras vergleichbar, aber die Bilder zeigen dennoch mit ihrem soften Charakter einen gewissen Charme.

Nach dieser Erfahrung mit der simplen alten Mittelformatkamera folgten Versuche mit einer Agfa Isola I aus den sechziger Jahren, diesmal im Format 6 x 6, technisch gesehen eine Nachfolgerin der Box. Das Ergebnis waren flaue und unscharfe Bilder ohne jeglichen Reiz. Während die Box für weitere Experimente vorgesehen ist, wanderte die Isola sofort wieder zurück in die Kiste mit den alten Fotoapparaten. Parallel zu diesen Mittelformatversuchen wurde eine vierzig Jahre alte Nikon FE aktiviert und mit dem Kodak TRI-X bestückt. Da vor vielen Jahren alle manuellen Nikkore verkauft worden waren, damals noch vor der Digitalisierungswelle zu einem guten Preis, wurden jetzt kurzerhand zwei gereinigte und gecheckte 28er und 50er für günstiges Geld neu erworben. Über die ersten Erfahrungen mit der wiederbelebten Nikon FE soll hier ein wenig berichtet werden.

Berlin 2018, aufgenommen mit der Nikon FE und dem Nikkor 1,8 50mm

An das manuelle Fokussieren gewöhnt man sich wieder schnell. Bei ungünstigen Lichtverhältnissen habe ich dennoch die digitale Kamera vermisst. Der heutige Autofokus oder das digitale Scharfstellen in Vergrößerungsansicht ist dem analogen Spiegelreflexsucher nun einmal weit überlegen, jedenfalls bei der Kleinbildkamera. Gewöhnungsbedürftig sind auch das laute Spiegelgeräusch und die Kameravibration. Gerade die Härte des Spiegelanschlags hat am Anfang viel Ablenkung mit sich gebracht. Der Unterschied zu einer spiegellosen Digitalen, diese dafür mit Bildstabilisator, ist nicht zu unterschätzen. Die analoge Kamera wird einfach intensiver wahrgenommen und schon dadurch entschleunigt sich das Fotografieren. Das mag man hinsichtlich der Aufmerksamkeit für die Bildgestaltung als Vorteil betrachten. Man kann aber auch zu dem Schluss gelangen, dass die analoge Kameratechnik überflüssig viel Konzentration verlangt, und zwar zu Lasten der Kreativität.

Bleiben da noch die Haptik und das Feeling. Die über die Jahre häufig eingesetzte Nikon, bei der an manchen Stellen das blanke Messing zum Vorschein kommt, und das alte Nikkor haben Charakter. Das ist jetzt zwar eine subjektive Beurteilung, aber die heutigen Werkstoffe wirken einfach deutlich nüchterner. Vorteil? Nachteil? Ich weiß es noch nicht und habe mir wirklich Mühe gegeben, ohne Vorurteil an die Sache heranzugehen. Schließlich mag ich die alte Nikon, denn sie vermittelt ein Gefühl von zeitloser Wertigkeit. Es gab deshalb keine Vorab-Präferenz für die moderne digitale Technik. Entscheidend ist einzig die Frage, bei welchen Aufnahmen, Projekten etc. die analoge Kamera Pluspunkte zu verzeichnen haben könnte. Grundsätzlich bringt sie nämlich erst einmal eine Reihe von Erschwernissen mit sich. Sie macht noch einmal bewusst, was es heißt, ohne Autofokus, der präzise auf die Pupille scharfstellt, oder mit einer 1/30 Sekunde ohne Bildstabilisator zu arbeiten. Deutlich wird auch, warum überzeugende Landschaftsaufnahmen früher mit einer Großbildkamera gemacht wurden. Die Auflösung beim analogen Kleinbild ist in vielen Fällen aus heutiger Sicht schlichtweg enttäuschend. Ich rede dabei nicht von ASA 50 Filmen und Aufnahmen mit dem Stativ, sondern von Alltagsbedingungen.

Auf der anderen Seite könnte gerade deshalb das Fotografieren mit Film geeignet sein, sich vom Diktat des technisch Cleanen zu befreien. Das analoge Bild ist von der Detaildarstellung her schwächer als das digitale. Das ist bekannt. Na und, es geht ja nicht unbedingt um die Schärfe bis in die letzte Ecke des Bildes. Wer eher expressiv fotografiert und dynamische Momente erfassen will, kann deshalb durchaus Gefallen am Analogen finden. Viele Aufnahmen aus früheren Jahrzehnten haben bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt, und man muss da nicht nur an Robert Capas D-Day Fotos denken. Nicht zuletzt ist es das Filmkorn mit seiner besonderen Anmutung, das man bei manchen digitalen Aufnahmen vermisst und das sich, wenn man es denn, zum Beispiel bei Portraits, als Gestaltungsmittel einsetzen möchte, auch nur bis zu einem gewissen Grad mit entsprechender Software simulieren lässt. Porentiefe Schärfe ist in der Regel jedenfalls wenig gefragt. Vielleicht liegt deshalb hier auch weiterhin ein Feld für die einfach weniger cleane analoge Fotografie, insbesondere bei Verwendung größerer Filmformate. Vergleicht man nämlich eine analoge Mittelformataufnahme mit einer digitalen APS-C-, MFT- oder sogar Vollformatsensor-Fotografie, bin ich nicht sicher, wer das Rennen machen wird.

Zum jetzigen Stand des analogen Feldversuchs sehe ich unter dem Strich immer noch einen Vorsprung für die digitale Technik, auch wenn in den letzten Wochen mit der alten Nikon das eine oder andere Bild entstanden ist, das nicht sofort in die Ablage wandern musste.

Sternwarte auf dem Insulaner in Berlin, aufgenommen mit der Nikon FE und dem Nikkor 2,8 28mm

Starke Vergrößerungen würde ich diesen Aufnahmen jedoch nicht zumuten wollen. Da sind schnell Grenzen erreicht. Ich würde die Frage deshalb heute eher so formulieren: Für welche Einsatzwecke bietet die analoge Fotografie Vorteile gegenüber der digitalen? Hinzu kommt die Formatfrage: Vergleicht man eine digitale Aufnahme mit Vollformatsensor und eine entsprechende analoge Kleinbildaufnahme, so steht hinsichtlich der reinen Abbildungsleistung der Sieger eindeutig fest. Analog hat da keine Chancen. Aber wie sieht es mit der Mittelformattechnik aus? Bei aller Liebe für die Nikon und den traditionellen 35mm Film, in den nächsten Wochen wird unser analoger Wiederbelebungstest mit einer zwar jüngeren, gleichwohl größeren Schwester, der etwa dreißigjährigen Mamiya 645 Super fortgesetzt werden. Auch darüber wird an dieser Stelle zu berichten sein.

 

 

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