Faktenwahrheit und moralische Wahrheit

von Ulrich Metzmacher

Der Fotograf und zeitweilige Präsident von Magnum, Stuart Franklin, hat in dem Buch The Documentary Impulse seine Erfahrungen mit der Reportagefotografie zusammengefasst. Es handelt sich aber um weit mehr als eine Erörterung ethischer und sozialer Aspekte des tageaktuellen Fotojournalismus, sondern das Buch beleuchtet darüber hinaus einige grundsätzliche Fragen des Verhältnisses von Wirklichkeit und ihrem fotografischen Abbild.

Stuart Franklin hat als Fotograf eine Reihe renommierter Preise erhalten. Eines seiner bekanntesten Bilder aus dem Jahr 1989, The Tank Man, zeigt einen mutigen Mann mit Einkaufstüten in den Händen, der sich am Tag des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking einer Panzerkolonne entgegenstellt. Das Bild wurde aufgrund seiner Eindringlichkeit, hier der solitäre Bürger, dort die übermächtige, tonnenschwere Staatsgewalt, zum Inbegriff für unerschrockenen zivilen Widerstand. Das Time Magazin zählte den Tank Man deshalb zu den bedeutsamsten Persönlichkeiten des Zwanzigsten Jahrhunderts.

Nach drei Jahren als Präsident von Magnum, die durch Managementaufgaben und Grundsatzfragen der Agentur bestimmt waren, wählte Franklin 2009 das Leben in einer Hütte an der norwegischen Westküste. Nun ging es nicht mehr um die tagesaktuelle Fotografie, um existenzielle Bedrohungen in Krisengebieten und mediale Geschwindigkeit, sondern um einen vollkommen anderen Lebensrhythmus inmitten einer ruhenden Landschaft.

Ergebnis der Zeit in Norwegen ist das im Jahr 2013 erschienene Fotobuch Narcissus. Selbst das zunächst neutral wirkende Sujet der Landschaftsfotografie, so seine Botschaft, weist eine subjektive Dimension auf und bringt stets die Interaktion zwischen der eigenen inneren Verfassung des Fotografen sowie dem äußeren Motiv zum Ausdruck. Der herkömmliche Begriff der fotografischen Objektivität erscheint deshalb problematisch. Dieses Wissen hat Franklin während seiner gesamten Tätigkeit als Fotograf beschäftigt. Die kontemplative Ruhe der norwegischen Landschaft wie auch das Wirken als Hochschullehrer für Dokumentarfotografie mögen dann 2016 dazu beigetragen haben, dass er die Grundvoraussetzung jeglicher Fotografie in The Documentary Impulse von verschiedenen Seiten näher beleuchtete.

Bereits im ersten Kapitel zeigt Franklin anhand der Malerei des neunzehnten Jahrhunderts, dass es bei der bildlichen Darstellung immer um zwei mögliche Realitätszugänge geht. Da gibt es auf der einen Seite die faktengenaue Dokumentation, wie sie etwa für Gustave Courbet typisch war, der als klassischer Vertreter des Realismus gilt. Auf der anderen Seite haben Maler wie William Turner oder Claude Monet ihre persönlichen Empfindungen bei der Weltwahrnehmung in den Vordergrund des Schaffens gestellt. Gleichwohl werden auch in Romantik und Impressionismus Fakten gezeigt, nicht anders als im Realismus Courbets, nur sind es eben andere Wahrheiten als die sich kühl und objektiv gebenden dinglichen Tatsachendarstellungen. Es handelt sich um Empfindungen und moralische Wahrheiten, die zum Ausdruck gebracht werden, aber nicht weniger tatsächlich sind. Der Handlungsspielraum der Dokumentarfotografie lässt sich auf vergleichbare Weise beschreiben. Auch diese hat, so Stuart Franklin, mehrere Zugangsmöglichkeiten zur Wirklichkeit.

Da es neben der Faktenwahrheit eine moralische Wahrheit gibt, besteht bei Verletzung ihrer Realisierungsbedingungen sowohl die Gefahr einer irreführenden Tatsachendarstellung wie auch die einer Fotografie mit falschen normativen Botschaften. Von der Zeit des Kolonialismus im 19. Jahrhundert bis hin zu Leni Riefenstahls Afrikabildern lässt sich etwa zeigen, dass es bei diesen nicht nur um die nüchterne Dokumentation des Lebens anderer Völker ging, sondern dass die Fotografien in der Regel aus der unreflektierten Perspektive weißer Überlegenheitsüberzeugungen entstanden. Dies wird auch bei den vermeintlich bewundernden Nuba-Bildern von Riefenstahl deutlich. Herrin des Geschehens ist stets die weiße Frau. Selbst bei den paradiesähnlichen Aufnahmen Sebastiao Salgados aus dem brasilianischen Urwald in dem erfolgreichen Fotobuch Genesis wird von manchen das Klischeehafte des Blicks kritisiert, der eine Ästhetik schafft, die nicht viel mit der alltäglichen Lebenswirklichkeit der marginalisierten Ureinwohner zu tun hat. Es bleibt, so das Fazit Stuart Franklins, stets eine Gratwanderung, auf welche Weise der Fotograf eine ihm selbst fremde Kultur wahrnimmt und im Bild festhält. Ethisch reflektiertes Handeln setzt aber in jedem Fall voraus, dass dies respektvoll geschieht und darüber hinaus die Tatsache nicht aus dem Auge verloren wird, dass es keine an sich richtige und grundsätzlich überlegene kulturelle Lebensform gibt. Deshalb wäre es verfehlt, alles aus dem Blickwinkel der eigenen Selbstverständlichkeiten bewerten, oder eben fotografieren, zu wollen.

Andere Abschnitte in The Documentary Impulse erörtern die Frage der persönlichen Positionierung oder auch Einmischung des Fotografen, das Problem des Voyeurismus bei grausamen Bildern aus Kriegsgebieten oder die fotografischen Interpretationsspielräume bei der Darstellung von Alltagsszenen der Zivilgesellschaft. Und schließlich gibt es, so Franklin, auch Situationen, in denen der Fotograf seine Kamera schlichtweg niederlegen sollte. In einem letzten Kapitel werden dann noch einmal kritische Manipulationsphänomene behandelt, etwa die gestellte Dokumentarfotografie. Aber auch hier bleibt Stuart Franklin ein differenzierender Beobachter. Häufig verändert allein die Anwesenheit eines Fotografen die Situation, ohne dass sich dies verhindern ließe. Anders stellt es sich dar, wenn die Beteiligten gezielt zur Inszenierung oder zur wirkungsvollen Pose aufgefordert werden und solche Aufnahmen, etwa von triumphierenden Kriegsbeteiligten, die Medienberichterstattung dominieren. Jedoch auch der Fotograf selbst ist beständig Manipulationsversuchen ausgesetzt, die er möglicherweise gar nicht bemerkt. Auf jeden Fall stellt sich bei der inszenierten Dokumentarfotografie die unmittelbare Frage ihrer moralischen Wahrheit.

Eher vorsichtig nähert sich Franklin der Frage, wie Robert Capas berühmtes Bild des vermeintlich tödlich getroffenen, fallenden Soldaten im spanischen Bürgerkrieg zu beurteilen ist, denn es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine gestellte Aufnahme. Capa hatte wohl auf diese Weise eine Möglichkeit gesehen, die moralische Wahrheit, die ja durch das tatsächliche tausendfache Sterben gekennzeichnet war, eindringlich darzustellen. Aber wo beginnt, die Frage bleibt bestehen, eine gestellte Fotografie, die keine überzeugenden moralischen Gründe für sich geltend machen könnte, zur Propaganda zu werden?

Hervorzuheben ist nicht zuletzt der Abschnitt des Buches mit dem Titel On Visual Poetry and Ambiguity. Fotografie weist, so Stuart Franklin, eine enge symbiotische Beziehung zum Surrealismus auf. Phantasie und Realität vermischen sich, wie etwa bei der urbanen Straßenfotografie mit komplexen Konstruktionen und Spiegelungen, die verschiedene Wirklichkeitsebenen in einem Bild zusammenfasst. Henri Cartier-Bresson war der Meister einer solchen Fotografie, immer bereit, das Unerwartete zu sehen und neben der banalen Alltagsrealität vollkommen neue Sinnbeziehungen zwischen den Elementen zu entdecken. Er ist damit, so Franklin, einer der einflussreichsten Dokumentarfotografen des Zwanzigsten Jahrhunderts. Naive Objektivitätsvorstellungen hinsichtlich des Verhältnisses zwischen einer vermeintlich eindeutigen Wirklichkeit und ihrem Abbild werden dem Charakter der Fotografie jedenfalls nicht gerecht. Aber wie Fotografie am Ende funktioniert, bleibt trotz allem auch für Franklin ein großes Geheimnis.

Fazit: Ein unbedingt lesenswertes Buch. The Documentary Impulse ist 2016 bei Phaidon erschienen. Weiteres zu Stuart Franklin enthält die Magnum-Website. Ein längeres Interview mit ihm hat das New Yorker Magazin Guernica veröffentlicht.

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