Fake Image or Not?

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Im Oktober des vergangenen Jahres machte die Mitteilung eines großen Herstellers von Grafikprozessoren Schlagzeilen, in der neue Möglichkeiten zur softwarebasierten Schaffung realistischer, jedoch ausschließlich vom Computer generierter Bilder, insbesondere Portraits, beschrieben wurden. Die New York Times hat den Stand der Dinge kürzlich noch einmal zusammengefasst. Danach sieht es so aus, dass wir künftig zunehmend mit überzeugenden Darstellungen von Menschen, aber auch von unbelebten Objekten konfrontiert werden, die nicht mehr wirklichkeitsaffines Abbild sind, sondern von Maschinen mit künstlicher Intelligenz generiert wurden.

Nun gut, man könnte meinen, viele Kunstwerke waren schon immer frei erfundene Produkte ohne konkreten Realitätsbezug. Was soll denn da bei den von einer Maschine geschaffenen Bildern anders sein? Und was die Täuschung des Betrachters anbelangt, die Fotorealisten unter den Malern hatten es doch schon immer darauf angelegt, uns Bilder vorzugaukeln, die auf den ersten Blick wie mit einer Kamera entstanden wirkten. Warum also die Aufregung, wenn dies alles nun noch viel perfekter möglich wird? Schließlich die Trickfilmanimateure. Haben nicht auch sie seit Jahren den Anspruch, uns Avatarfilme in faszinierender Qualität zu bieten?

Der Anfang Januar erschienene Artikel der NY Times beschreibt den aktuellen Stand der von Softwareentwicklern programmierten Artificial Intelligence zur Erzeugung künstlicher, jedoch kaum mehr als solche erkennbarer Bilder. Dies alles, so dürfen wir vermuten, ist auch für die Zukunft der Fotografie von erheblicher Relevanz. Da ist erstens die technische Entwicklung an sich, die eines Tages Einzug in die heimische Bildbearbeitung finden wird, zweitens sind es die Auswirkungen auf das Wahrheitsversprechen von Fotografien generell und drittens schließlich, damit zusammenhängend, die Perspektiven hinsichtlich des manipulativen Gebrauchs von Bildern.

In die Forschung zur Entwicklung programmierter Intelligenz werden von interessierten Unternehmen wie beispielsweise Google oder Tesla bereits seit Jahren erhebliche Mittel investiert. Stets geht es darum, Entscheidungen an Maschinen zu delegieren, die nicht nur mit einer hohen Zuverlässigkeit arbeiten, sondern in der Lage sind, neben riesigen Standarddatenmengen auch Unvorhergesehenes algorithmisch adäquat zu erfassen, zu bewerten und in das Ergebnis einzubeziehen. In der Vergangenheit war der Umgang mit einer solchen Komplexität noch die Domäne menschlicher Intelligenz. Künftig wird es jedoch immer mehr Bereiche des täglichen Lebens geben, in denen selbst schwierige Entscheidungen an Computer übertragen werden. So ist es einzig eine Frage der Zeit, bis sich im Personen- und Güterverkehr selbstfahrende Systeme durchgesetzt haben werden. Obwohl heute noch mit den potentiellen Unvorhersehbarkeiten im Straßenverkehr argumentiert wird, um der Steuerung durch Maschinen entgegenzuwirken, ist vollkommen klar, dass sich deren Entscheidungsalgorithmen selbst in den unübersichtlichsten Situationen gegenüber der menschlichen Fähigkeit zur Informationsverarbeitung als überlegen erweisen werden. Sicher, es wird Fehler der Maschinen geben. Aber wie viele Schäden verursachen denn die heute von Menschen getroffenen Entscheidungen? Machen wir uns nichts vor, die Bilanz wird in absehbarere Zeit für die Maschine sprechen.

Ein großer Teil der Potentiale künstlicher Intelligenz hängt unmittelbar mit den Rechnerkapazitäten zusammen. Dies hat auch das von der NY Times geschilderte Projekt gezeigt, bei dem es um die Erzeugung möglichst gefälliger Portraits ging. Für das am Ende des Rechenprozesses vorliegende künstliche Bild hat der Computer achtzehn Tage mit über zehn Millionen Entscheidungsschritten benötigt. Das fertige Bild erinnert an eine irgendwie bekannte Berühmtheit aus Hollywood, und doch, es lässt sich nicht wirklich zuordnen. Kein Wunder, denn es war Aufgabe des Computers, aus tausenden von realen Fotografien ein neues Bild zu kreieren, dabei jedoch nicht nur die zeittypischen Schönheitsideale additiv zusammenzufassen. Das konnten auch frühere Programme leisten. Deren Ergebnisse waren jedoch meistens relativ schnell als künstliche Bilder identifizierbar. Die Softwareentwickler ließen deshalb die vom Computer geschaffenen Bilder von einem zweiten System auf ihre Glaubwürdigkeit prüfen. Dieses war in der Lage, reale von künstlichen Bildern zu unterscheiden und so das erste System permanent zu korrigieren. Die New York Times sprach deshalb von einem Katze-und-Maus Spiel, bei dem sich beide Systeme bemühten, das jeweils andere hereinzulegen, und gleichzeitig alles daransetzten, sich selbst nicht hereinlegen zu lassen. Iterativ trieben sie sich so zu einem immer besseren Ergebnis.

Die geschilderte Technologie ist nicht nur beispielhaft für ein sich selbst korrigierendes System, sondern unmittelbar verwertungsrelevant für Computerspiele und Filmanimationen. Die künstlichen Bilder werden immer realistischer und es kündigen sich neben den professionellen Anwendungen perspektivisch auch Smartphone-Apps sowie Bildbearbeitungsmodule für den heimischen Rechner an, mit deren Hilfe virtuelle Wirklichkeiten, gegebenenfalls in Verbindung mit Daten aus der realen Welt, kreiert werden können. Heute lassen sich viele der jetzt bereits machbaren Fakes mit ein wenig Aufwand noch als solche erkennen. Dies wird in Zukunft wesentlich schwieriger werden. Dass sich für diese Technologie auch Interessenten aus dem Bereich politischer, geheimdienstlicher oder krimineller Kreise finden werden, darf durchaus vermutet werden.

Was bedeutet das Ganze nun grundsätzlich für die Wahrnehmung fotografischer Bilder? Dass diese in Zeiten der digitalen Fotografie als dubiativ, wie Peter Lunenfeld es nannte, betrachtet werden müssen, ist bekannt. Während es in analogen Zeiten immerhin noch einen manifesten Bezug zwischen der fotografierten Realität und dem Filmnegativ gab, da sich die abgestrahlten Lichtreize in die Silbersalze eingefressen und deren Beschaffenheit unumkehrbar verändert hatten, gibt es einen solchen Zusammenhang bei der digitalen Fotodatei nicht mehr. Deren Daten sind flüchtig und können am Rechner ohne Spuren zu hinterlassen verändert werden. Dem digitalen Bild ist nicht anzusehen, ob die zugrunde liegenden Daten Ergebnis einer fotografischen Aufnahme, Folge von Photoshopbearbeitungen oder frei generiert worden sind. Das Bild ist dubiativ, also zweifelhaft. Gleichwohl wird auch einer digitalen Fotografie, die in den meisten praktischen Fällen nicht von einer analogen unterschieden werden kann, im allgemeinen Verständnis weiterhin eine große Glaubwürdigkeit zugesprochen. Sie gilt als dokumentarischer Beweis dafür, dass sich etwas so ereignet hat, wie es das Bild zeigt, genauso wie in analogen Zeiten. Dies hängt auch damit zusammen, dass der Wahrheitscharakter einer Fotografie wesentlich höher eingeschätzt wird als der des gesprochenen oder geschriebenen Wortes, dem man allgemein eine gewisse verzerrende Subjektivität unterstellt.

Die neuen Verfahren zur Kreierung virtueller Realitäten, die kaum noch oder gar nicht mehr als solche erkennbar sind, werden die Rezeption von Bildern jeglicher Art grundlegend verändern. Während sich beim Wandel von der analogen zur digitalen Fotografie die breite Öffentlichkeit so gut wie gar nicht mit den abbildtheoretischen Unterschieden der Technologien befasst und beiden Bildformen unreflektiert einen glaubwürdigen Realitätsbezug unterstellt hat, werden die Auswirkungen der neuen Verfahren so dramatisch spürbar sein, dass sich dem kaum jemand wird entziehen können. Sicher, man hatte auch früher von Bildmanipulationen gehört, analogen wie digitalen. Die wegretuschierten Genossen in der Zeit Stalins oder die künstlich langgezogenen Beine des Supermodels in der Werbung waren schon immer Hinweise darauf, dass auf ein Foto nicht unbedingt Verlass ist. Aber das blieben Randphänomene der Bildwahrnehmung. Grundsätzlich traute man einer Fotografie. Die neuen Verfahren zur Schaffung virtueller Realitäten werden dagegen zur Folge haben, dass dieses Vertrauen abnimmt und am Ende völlig verschwunden ist. Technisch erzeugte Bilder, sowohl als Fotografie wie als Film, werden dann allesamt mit der zweifelnden Frage konfrontiert sein, ob das Gezeigte irgendetwas mit der manifesten Realität zu tun hat oder frei erfunden ist. Ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem technischen Bild wird Bestandteil des Alltagsbewusstseins sein, weil sich die Frage nach dessen Wahrhaftigkeit vom durchschnittlichen Betrachter nicht mehr beantworten lässt. Aber, und das erscheint mir noch wesentlicher, man wird es eines Tages gar nicht mehr als bemerkenswert empfinden, wenn sich ein Bild als künstlich erzeugt erweist, da man dies sowieso als Möglichkeit unterstellt.

Seit Jahren bereits werden Computerspiele immer realistischer, und beim Einsatz dreidimensionaler Betrachtungstechniken verstärkt sich der Eintaucheffekt in fremde Welten noch einmal deutlich. Vergleichbares gilt für den Film. Mit der Zunahme wirklichkeitsgetreuer Darstellungen und einem natürlichen Bewegungsablauf der handelnden Akteure werden künstlich animierte Filmproduktionen dem menschlichen Schauspieler den Rang ablaufen. Der programmierte Star macht keine Zicken, nimmt keine Drogen und benimmt sich auch sonst skandalfrei. Darüber hinaus ist er zu jedem Stunt und zu allerlei Zauberei fähig und kann bei Bedarf auch naturgetreu um die Ecke gebracht werden. Für die Produktion bietet das eine Menge Vorteile und eine Handvoll Programmierer ist günstiger zu bekommen, als es gegenwärtig die Gagen exaltierter Stars ausmachen. Hollywood, goodbye.

Dieses Szenario ließe sich weiterspinnen. Virtuelle Realitäten werden parallel zum technischen Fortschritt immer weniger von wirklichen Realitäten unterscheidbar sein. Aber was ist das eigentlich, Realität? Am Ende wird sich, kurz zusammengefasst, herausstellen, dass sie in vielerlei Hinsicht eine Konvention ist. Real ist das, was wir kollektiv für real halten. In verschiedenen fotosinn Essays, etwa Von Körnern und Kacheln, Höhlenbilder oder Raum und Fläche, ist das ausgeführt worden. Wir wollen dem an dieser Stelle aber nicht weiter nachgehen. Entscheidend ist, dass es im Alltag immer schwieriger wird, echte von künstlich geschaffenen Bildern zu unterscheiden. Schon gibt es Algorithmen, die charakteristische Bilddaten eines realen Politikers zum Ausgangspunkt nehmen und aus diesen dann frei erfundene, angebliche Filmaufnahmen mit Statements zu irgendwelchen Weltthemen kreieren. Gestik, Mimik und Sprache wirken dabei vollkommen echt.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis solche Möglichkeiten von interessierten Kreisen für Desinformationskampagnen genutzt werden. Ebenso sicher wird es Dementis von Politikern nicht nur im Fall solcher Fakes geben, sondern mitunter auch bei unangenehmen echten Filmaufnahmen, die dann kurzerhand als Fälschung bezeichnet werden. Was anfangs nur Spezialisten vorbehalten ist, wird schließlich Einzug ins Private halten. Für den Spaßbereich existieren schon heute eine Reihe von einfachen Programmen oder Smartphone-Apps, die Portraitvorlagen so verändern, dass die Abgebildeten mit seltsamen Gesichtszüge versehen werden. Bislang sind die Ergebnisse allerdings nicht wirklich überzeugend. Mit den künftigen Techniken wird sich dies grundlegend ändern. Es ist dann nicht nur eine Sache der Profis, Personen um Jahrzehnte künstlich altern zu lassen oder aus einem fröhlichen Menschen einen unangenehmen Griesgram zu machen, sondern wir alle werden das in großer Perfektion am heimischen Computer bewerkstelligen können. Ein neues Plug-in für Photoshop ist alles, was nötig sein wird, um aus einem x-beliebigen Bild eines Menschen eine ganze Reihe höchst unterschiedlicher, absolut glaubwürdiger Portraits zu schaffen. Aber wir dürfen noch mehr erwarten. Aus Pferden lassen sich, so die NY Times, Zebras kreieren, aus Sommerbildern eine Schneelandschaft oder aus einem Monet ein Van Gogh. Als wirklich wird am Ende das betrachtet, was ein Bild zeigt. Oder aber, es setzt sich der Gedanke durch, dass die Natur des technischen Bildes einen grundsätzlichen Zweifel an dessen Wahrhaftigkeit erfordert.

 

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