"Erst kommt das Foto, dann die Moral"

von Ulrich Metzmacher

Dieser Imperativ ist heutzutage wohl nicht mehr so recht „korrekt“. Insbesondere gilt das, wenn Moral nicht nur mit allgemeinen, häufig diffus bleibenden sozialen Werten assoziiert wird, sondern mit den rechtlichen Rahmenbedingungen des Fotografierens im öffentlichen Raum. Die Geschichte der Fotografie wäre eine andere, wenn solche Maßstäbe schon immer Geltung hätten beanspruchen können. Ein Großteil der sozialkritischen und dokumentierenden Reportagen vergangener Jahrzehnte wäre bei Anwendung dieser Messlatte schlichtweg unter den Tisch gefallen.

Was aktuell nachdenklich stimmt: Auf der einen Seite werden die behördlichen Möglichkeiten zur Aufzeichnung personenbezogener bildlicher Daten mehr und mehr erweitert, wofür es ja durchaus eine Reihe diskussionswürdiger Begründungen gibt. Auf der anderen Seite wird der Datenschutz bemüht, um öffentliche Bildaufzeichnungen nichtstaatlicher Kameras zu erschweren oder gar unter Strafandrohung zu stellen. Das mag für private Menschen mit Fotoapparat oder Smartphone zu Verunsicherungen führen und eine Schere im Kopf mit sich bringen, aber wesentlicher noch erscheint der Wandel im Verständnis des öffentlichen Lebens, der sich hier zeigt. Bürgerliche Öffentlichkeit hatte einmal bedeutet, sich selbstbewusst und sicher vor Repressionen mit seinen Eigendarstellungen und Meinungen verhalten zu können. Dies hieß auch, dass es gleichgültig war, wie andere Teilnehmer des öffentlichen Lebens die Auftritte bewerten. Selbst wenn sie bildlich aufgezeichnet wurden, na und? Solange keine ungesetzlichen Taten damit verbunden waren, blieb es bestenfalls eine Frage der individuellen Courage, sich lächerlich, unbeliebt oder sonstwie abweichend darzustellen.

Heute hingegen werden die Teilnehmer des öffentlichen Lebens mehr und mehr rechtlich zwangsgeschützt, jedenfalls vor den Objektiven nichtstaatlicher Kameras. Dies trifft, und das muss man gerechterweise auch zur Kenntnis nehmen, auf eine sozialklimatische Stimmungslage, die unter bürgerrechtlichen Vorzeichen mitunter in das gleiche Horn trötet: Die nicht explizit gestattete Aufnahme von Menschen gilt als potentiell unstatthaft, weil das Recht am eigenen Bild verletzt werden könnte. Als ob einem durch eine Fotografie die Seele genommen werde, wie man hier und dort früher einmal glaubte. Diese Moral scheint allerdings, denkt man die Sache zu Ende, auf dialektisch wirkende Weise geeignet, die freie individuelle Selbstbestimmung zu schwächen, statt sie zu schützen. Wir schränken uns mehr und mehr ein. Tabus nehmen zu, die Eigenkontrolle auch. Dies gilt für das konkrete Handeln ebenso wie für das Sprechen und nun auch das Fotografieren. Dabei würde Immanuel Kants Kategorischer Imperativ als Messlatte, auch beim Fotografieren, ausreichen: Handele so, wie Du möchtest, dass man sich auch Dir gegenüber verhält. Tabus sind also durchaus sinnvoll. Es gibt Situationen, in denen darf man schlichtweg nicht fotografieren, weil Intimsphären verletzt werden. Wo die Grenzen liegen, ist dennoch eine heikle und nicht immer leicht zu beantwortende Frage. Stets besteht die Gefahr falscher Entscheidungen, die auf unstatthafte Weise Persönlichkeitsrechte verletzen. Dies muss dann gegebenenfalls im Einzelfall von Gerichten festgestellt werden. Aber aus dieser Problemlage heraus nun vollständig das Fotografieren im öffentlichen Raum einschränken zu wollen, ist die falsche Medizin. Genug zum Thema DSGVO. Zurück zur Fotografie.

Das in der Überschrift genannte Zitat stammt von Robert Lebeck, einem der herausragenden Fotojournalisten insbesondere der 60er und 70er Jahre. Es ist dem, leider vergriffenen, Buch Neugierig auf Welt. Erinnerungen eines Fotoreporters entnommen, das 2004 im Steidl Verlag erschienen ist. Die gegenwärtig zu sehende Ausstellung Robert Lebeck 1968 des Kunstmuseums Wolfsburg war Anlass, das Buch einmal wieder zur Hand zu nehmen. Seine Erinnerungen sowie die Ausstellung mit dem gleichnamigen Katalog zeichnen zusammengenommen das Bild eines der wichtigsten Fotografen der Nachkriegszeit. Viele der großen Reportagen, insbesondere im Stern, wären ohne ihn nicht entstanden. Seine Fotografien repräsentieren auf eindrucksvolle Weise den damaligen Bildjournalismus, besser, sie haben ihn mitgeprägt.

Lebecks Erinnerungen sind allein als zeitgeschichtliche Biografie lesenswert, darüber hinaus jedoch auch geeignet zum besseren Verständnis der Medienwelt jener Jahre sowie der fotografischen Praxis des Bildjournalismus. Erst kommt das Foto, dann die Moral. Das ist eine der Kapitelüberschriften des Buches. Aber was sich auf den ersten Blick abgebrüht anhört, verliert bei der weiteren Lektüre den für manchen vielleicht anrüchig erscheinenden Charakter. Es ist wohl richtig: Wer als Fotoreporter zu häufig nach der Erlaubnis zum Fotografieren fragt, wird es nicht weit bringen. Lebeck macht das anhand zahlreicher Beispiele aus seiner Laufbahn als Fotojournalist deutlich. Gleichzeitig jedoch betont er, dass es sich dabei nicht um ein Plädoyer für bedenkenloses Draufhalten handelt. Auch für ihn gab es immer Grenzen des Erlaubten. Im Übrigen, so Lebeck, sei es eine falsche Erwartung, die Fotografie für moralische und propagandistische Zwecke oder als Schiedsrichter für das öffentliche Gewissen einsetzen zu wollen. Was die Zukunft anbelangte, war er skeptisch. Die klassische Bildreportage betrachtete er, offenbar vor dem Hintergrund der digitalen Bilderubiquität, als aussterbendes Genre. Stattdessen konnte Lebeck sich aber gut vorstellen, die neuen Techniken in Form des Films statt des fotografischen Standbildes einzusetzen.

Fotografen wie Stuart Franklin von der Agentur Magnum haben die Rahmenbedingungen des journalistischen Fotografierens ausführlicher und auch ein wenig differenzierter betrachtet. Der Blogbeitrag Faktenwahrheit und moralische Wahrheit hatte das vor einigen Monaten auf fotosinn näher beleuchtet. Robert Lebeck jedoch war in erster Linie Bildjournalist und weniger Theoretiker. Dafür sind seine Fotografien umso beeindruckender. Sie bleiben in Erinnerung und eine Reihe von ihnen haben als Dokumente wichtiger Geschehnisse der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen ikonografischen Charakter erhalten. Dazu gehören die Fotografien von Churchill in Bonn 1956 beim Besuch im Palais Schaumburg oder die Aufnahmen von Maria Callas 1959 ebenso wie die berühmten Bilder des belgischen Königs im Kongo 1960, dem von einem Demonstranten der Degen gestohlen wurde, dann die Portraits von Willy Brandt, Joseph Beuys, Max Frisch oder Helmut Kohl, dieser mit Napoleon-Pose vor dem Capitol in Washington, Bilder aus dem Alltag der DDR einerseits, über die Reichen und Schönen im Westen andererseits, über die triumphale Rückkehr Khomeinis nach Teheran 1979 oder, nicht zuletzt, die Aufnahmen Romy Schneiders aus den 70er Jahren sowie 1981. Das sind nur einige Beispiele aus dem Fotografenleben Robert Lebecks, hier nicht ohne Absicht thematisch bunt gemischt. Aber genau so muss man sich seine Tätigkeit wohl vorstellen. Heute ein Portrait in friedlicher Atmosphäre, morgen Zeuge der blutigen Revolte in einem fernen Land.

Die Ausstellung Robert Lebeck 1968 im Wolfsburger Kunstmuseum dokumentiert diese Variationsbreite anhand der Bildreportagen eines einzigen Jahres. Da folgen, auch hier nur eine Auswahl, auf Rudi Dutschke in Prag die Beisetzung Robert Kennedys, Die geschiedene Frau - wie auch viele der anderen Reportagen - für das Magazin Stern, die Käferstadt Wolfsburg, die 4. documenta, die Reise des Papstes nach Bogota oder Der Irrsinn in Nordirland. Die Ausstellung sowie der Begleitkatalog zeigen aus diesen und anderen Serien zahlreiche bislang nicht veröffentlichte Fotografien, bis auf die Nordirlandaufnahmen übrigens sämtlich in Schwarzweiß. Hinzu kommen Kontaktbogen der Kleinbildnegative mit Auswahlmarkierungen, die einiges zur Arbeit des Bildjournalisten und der heimischen Redaktion offenbaren. Wurden von dieser für die Veröffentlichung überwiegend markante, jedoch nicht unbedingt situationsrepräsentative Fotografien ausgewählt, die darüber hinaus nicht selten zurechtgeschnitten und mit gedankenleitenden Bildunterschriften versehen wurden, zeigt die Analyse der kompletten Kontaktbogen, dass Lebeck auch vieles von den Begleitumständen dokumentiert hatte und damit eher Chronist als Sensationsreporter war. Es wird deutlich, welcher Aufwand ihm von der Redaktion zugebilligt wurde, um dann anschließend aus den mitgebrachten Fotografien für die Veröffentlichung redaktionell eine Geschichte zu konstruieren. Die Ausstellung und vor allem der Begleitkatalog bringen diesen gestaltenden, damit potenziell aber auch manipulativen Aspekt der Pressearbeit zum Ausdruck.

Gleichwohl, es bleibt die Chronik eines Jahres, die gerade nicht die üblichen 68er Revoltebilder aus Paris oder Berlin zeigt, sondern fast wie eine Collage des Weltgeschehens wirkt. Und da stehen dann Bilder aus New York neben Wolfsburger Kleingärten inmitten einer neu entstandenen Betonwüste. Aber genau das waren Ausschnitte der Wirklichkeit. Fazit: Unbedingt ansehen! Die Ausstellung Robert Lebeck 1968 im Kunstmuseum Wolfsburg ist verlängert bis zum 23. September 2018.

 

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