Einflüsterungen des Bildtitels

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Stellen wir uns eine Fotografie an der Wand eines imaginären Museums vor. Es gibt sie nicht wirklich. Sie zeigt einen Stapel aufgeschichteter Leinwände, exakt ausgerichtet und von der Seite aufgenommen. Wir sehen vor unserem inneren Auge lediglich die Ränder der Keilrahmen. Versehen ist die Fotografie mit dem Titel Bildersturm. Dazu auf einer Unterzeile der Werkzusatz Objekt sowie eine Jahreszahl.

Aufgrund des Titels liegt die Vermutung nahe, dass die gestapelten Leinwände einen Bezug zum religiösen Bilderverbot aufweisen, das einstmals zur Vernichtung unzulässiger Gemälde führte. Das Verbot untersagte die Abbildung alles Göttlichen, weil, so die Annahme, dessen Reduktion auf eine profane zweidimensionale Fläche dem Übermenschlichen, Unendlichen nicht gerecht werden konnte. Wir vermuten deshalb, dass die Leinwände Dinge darstellen, die der Regel widersprechen und somit Verbotenes zeigen. Ein unbekannt bleibender Zensor hat dies erkannt und die Präsentation der Bilder verhindert. Nun liegen sie unspektakulär auf einem Stapel, den Blicken entzogen. Das alles, wir wiederholen uns, ist imaginär. Es handelt sich lediglich um Assoziationen und Phantasien.

Die weiteren Überlegungen sagen uns dann vielleicht, dass der Künstler mit seinem Objekt eine kritische Botschaft vermitteln wollte, indem er beim Betrachter genau jene Assoziationen hervorzurufen gedachte, die auch uns geleitet haben: Verbotene Bilder. Was die Leinwände wirklich zeigen, Unerlaubtes oder sonst etwas, spielt auf dieser Betrachtungsebene für die Aussage des Kunstobjektes im Prinzip keine Rolle. Es geht ausschließlich um die Botschaft des Künstlers, der dem Werk mit Bedacht den Namen Bildersturm gegeben hat. Der wahre Inhalt der Bilder ist für diese Aussage ohne Belang. Mag sein, dass es sich um nackte Leinwände handelt.

Bei der Fotografie, die wir uns vorstellen, handelt es sich um eine zweidimensionale Abstraktion. Sie zeigt einen Stapel Leinwände, ist aber selbst alles andere als ein Stapel von irgendetwas, sondern lediglich ein bedrucktes Blatt Papier. Wir haben also gedanklich eine Fotografie vor uns, versehen mit dem Titel Bildersturm, und interpretieren das Abgebildete als ein Kunstobjekt, dass diesem Titel entspricht. Hervorgerufen durch die Bildunterschrift geben wir dem bedruckten Blatt Papier einen Sinn.

Es lässt sich an diesem Beispiel das Wesen eines jeden fotografischen Bildes erkennen. Es muss gedeutet und mit Sinn versehen werden. Mitunter funktioniert das auch ohne Bildtitel gänzlich unproblematisch, manchmal jedoch muss man rätseln und gelangt zu unterschiedlichen Ergebnissen. Und hin und wieder bleibt es beim Rätseln, zum Beispiel bei Abstraktionen. Objektivität in einem strengen Verständnis ist jedenfalls nicht angesagt. Es geht um die Konstruktion einer möglichen Bedeutung. Diese kann durchaus eine intersubjektive Qualität haben. Wenn andere in einem Bild das Gleiche sehen wie wir, wäre dies ein Hinweis darauf, dass wir als Angehörige eines gemeinsamen Kulturkreises gelernt haben, das Bild auf eine bestimmte Weise zu deuten. Mehr Objektivität geht nicht.

Bei der Bildbetrachtung werden stets eine Reihe unwillkürlicher Prozesse mit unbewusst bleibenden Voraussetzungen in Gang gesetzt. Darüber hinaus hat der Bildtitel eine leitende Funktion. Er mag dem Verständnis des Bildes dienen, kann aber auch eine einflüsternde Wirkung entfalten. Ohne den fiktiven Titel Bildersturm hätten wir in der Fotografie lediglich einen Stapel aufgeschichteter Leinwände gesehen. Wenn überhaupt. Vielleicht würden wir sie nicht einmal als Leinwände erkennen und rätseln, was das Bild überhaupt darstellen soll, begleitet von Assoziationen, die mit der Bilderstürmerei früherer Zeiten überhaupt nichts zu tun haben.

 

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