Eine neue "Straight Photography"?

von Ulrich Metzmacher

Fragt man nach der künftigen Entwicklung der Fotografie, gibt es keine einfache Prognose. Über Jahrzehnte hat sie sich ausdifferenziert in unterschiedliche Formen. Diese Pluralität ist in jeglicher Hinsicht eine Bereicherung. Um gleichwohl einem Verrauschen im indifferenten Einerlei zu begegnen, rückt die Reflexion ihres spezifischen Charakters noch einmal neu in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Traditionelle analoge Techniken könnten da hilfreich sein.

Die zeitgenössische Fotografie, wie sie in Magazinen und Internetforen zu sehen ist, wirkt mitunter etwas belanglos, beliebig und manchmal wie ziemlich schnell gemacht. Die Rede ist nicht von den Champions-League-Meistern, die auf einer Tournee durch die Museen der Welt sind, sondern von der nicht- oder halbprofessionellen, gleichwohl ambitionierten Fotografie. Diese Szene ist erfreulich aktiv und bringt neben manchen Banalitäten einen bunten Strauß an Interessantem hervor. Solange es darum ging, der Gelegenheitsknipserei etwas Neues, Aufregendes entgegen zu setzen, hatte dies ja auch eine erfrischend rebellische Funktion.

Nicht selten sieht man als Alternative zu den üblichen Aufnahmen aus Natur und Urlaub vordergründig Sozialkritisches mit diffuser subkultureller Ästhetik einschließlich unscharfer People in Action. Oder es sind öde Stadtlandschaften mit Betonplatten im Vordergrund und einem schiefen Bauzaun, alles sorgfältig in Szene gesetzt. Oftmals verweilt der Blick da nicht lange. Auch mehr oder weniger Abstraktes ist zu sehen, manchmal mit Goldenem Schnitt, manchmal ohne, dafür mit Gestaltungsprinzipien, die sich dem Betrachter nicht immer erschließen. Dies alles sind willkürlich herausgegriffene Beispiele. Die nichtprofessionelle Fotografie ist reich an Erscheinungen. Bestimmte Stile und Effekte wiederholen sich. Einige beeindrucken, andere nicht.

Ein anderes, eher theoretisch orientiertes Genre will das Artefaktische der Bildwelt offenkundig machen und dem Betrachter beibringen, dass es nicht um das Gezeigte an sich geht, sondern um die von außen vorgenommene Sinnzuschreibung. Aber hier gilt das Gleiche wie bei den Gegenentwürfen zur Fotografie alter Schönheitsschule. Mitunter ermüden die Dinge. Wer möchte sich von Bildern schon erziehen lassen? Und Kunst, die sich mit ihrem eigenen Wesen befasst, ist Nabelschau und relativ schnell durchsichtig. Wer etwa Roland Barthes oder Peter Lunenfeld gelesen und das medientheoretische Grundthema verstanden hat, ist nicht mehr belastet von Illusionen bezüglich des Realitätscharakters eines Bildes. Wird dieser Erkenntnisprozess zum Inhalt des Kunstwerks selbst, ist der Effekt jedoch ein wenig wie bei Brecht. Gut für die Schulzeit und für Menschen, die noch lernen, hinter die Erscheinungen der Dinge zu blicken, aber leicht ermüdend für alle, die nicht mehr missioniert werden möchten.

Hier und dort wird die Ansicht vertreten, dass die verschiedenen Kunstdisziplinen, nicht zuletzt aufgrund von Digitalisierung und als Folge postmoderner Zeichentheorien, in einem indifferenten Anything goes aufgegangen sind und sie keine eigenständigen Bedeutungen mehr aufweisen. So kann, beispielsweise, unter dem Skulpturbegriff heutzutage alles Mögliche verstanden werden bis zur Performance auf der Straße oder der Arbeit im Tattoostudio. Und auch in der Fotografie stehen nicht nur analoge und digitale Techniken nebeneinander, sondern es gibt Werke, die gänzlich ohne Kamera entstanden sind, sowie Mischformen verschiedener Art. Einige Ausstellungen der letzten Jahre haben so zu einem Verständnis von Fotografie beigetragen, das als kleinsten gemeinsamen Nenner lediglich den Einsatz lichtempfindlichen Materials beinhaltet. Das macht einerseits ja auch Sinn, wie schon Moholy-Nagy gezeigt hat. Fotogramme, realistische Fotografie und Experimentelles mit Licht sind eng miteinander verwandt. Andererseits mag vielleicht das Gespür für die Besonderheiten der gegenständlichen Arbeit mit der Kamera ein wenig verloren gegangen sein. Eine Besinnung auf die Differenzen könnte interessant sein.

Es ist keine neue Erkenntnis, dass die meisten Trends irgendwann eine gegenläufige Entwicklung auslösen. Man mag hier berechtigte Mechanismen sehen, um Extreme zu korrigieren. Oder es bewahrheitet sich die alte Metapher vom Pendelausschlag, dem stets ein Zurück folgt. Bezogen auf die Zukunft zeitgenössischer Fotografie könnte dies bedeuten, dass nach ihrer indifferent gewordenen Definition und als Folge des Anything goes verstärkt bildmäßige Darstellungen zu erwarten sind und die Fotografie alter Schule wieder neu gefragt ist. Allerdings unter heutigen Vorzeichen. Das Revival des bedächtig Analogen, die Pflege der Großbildfotografie und aufwändiger Nassplattentechniken geben Hinweise in diese Richtung. Es wird dabei allerdings weniger um die Reproduktion vergangener Themen und Stile gehen. Ziel einer New Straight Photography wäre vielmehr ein gestalterisch und technisch reflektiertes Bildgepräge mit Gegenwartsbezug ohne nostalgischen Beigeschmack.

Es erscheint reizvoll, den digitalen Wunderdingen und virtuellen Realitäten etwas entgegenzusetzen, das die Frage nach dem ursprünglichen Charakter der Fotografie wieder dezidierter beantwortet. Auch dies spricht insbesondere für die analoge Fotografie. Sie müsste sich jedoch im konkreten Einzelfall, wie jede Fotografie, eine inhaltliche Bildkritik gefallen lassen. Nicht alles, was aus der klassischen Dunkelkammer kommt, ist per se sehenswert. Adaptionen vergangener Stile werden vielleicht lediglich eine Rolle als historisierende Reminiszenz spielen. Aber die alten Verfahren lassen sich ja, wie vorgeschlagen, auch für neue Inhalte und eine neue Formensprache nutzen.

Mit Gewinn lässt sich in diesem Zusammenhang Mary Street Alinders, im Jahr 2014 bei Bloomsbury erschienenes Group f.64  lesen. Über weite Passagen geht es um die Begegnung der um Anerkennung ringenden amerikanischen Westküstenfotografinnen und -fotografen um Ansel Adams mit ihrem Widerpart Alfred Stieglitz, dem damaligen Kunstpapst in New York. Ebenso spannend wie das Aufeinandertreffen der Kultur aus Kalifornien mit dem intellektuell geprägten Osten der USA ist die gemeinsame Abgrenzung zu den Kunstfotografen jener Zeit, den Piktoralisten. Adams und Stieglitz waren sich in dieser Hinsicht einig. Die Zukunft fotografischer Kunst würde nicht darin liegen, sich ausschließlich an etablierten Inhalten und von der Anmutung her am handgearbeiteten Gemälde zu orientieren, sondern in der Besinnung auf den spezifischen technischen Charakter der Fotografie.

So sehr sich die Themen in den Arbeiten von Ansel Adams, Alfred Stieglitz oder, in Deutschland, Albert Renger-Patzsch inhaltlich auch unterschieden haben mögen, es ging um die Entwicklung eines eigenständigen fotografischen Bildverständnisses, ob nun als Pure Photography, Straight Photography oder Neue Sachlichkeit. Im Vergleich zu diesen wirkten auch damals schon die nachahmenden, an der Malerei orientierten Ansätze häufig etwas altbacken, nicht selten diffus romantisierend oder gar kitschig.

Ob es lohnt, diesen Stil heute analog noch einmal aufleben zu lassen, ist eine Frage, die Zweifel hinterlässt. Eine neue Straight Photography mit aktuellen Inhalten und Gestaltungsmitteln wäre aber wohl frei von solchen Bedenken.

 

Zurück