Eine frühe kinetische Maschine

von Ulrich Metzmacher

Bestimmte Kunstwerke weisen einen Status als paradigmatische Ikonen der Moderne auf. Zu ihnen zählen etwa die Fahrradfelge auf dem Schemel von Duchamp wie auch der Licht-Raum-Modulator László Moholy-Nagys. Dieser hatte sich im Jahrhundert des Lichtes die Aufgabe gestellt, dessen reinste Formen herauszuarbeiten. Das Fotogramm war zuvor ein wichtiger Meilenstein gewesen. Aber ebenso wie die Arbeit mit der Kamera stellte es für Moholy-Nagy mehr eine Zwischenstation als bereits das Ziel dar.

Die Fotografie besitzt das Potential, eine Suggestion von Raumtiefe zu erzeugen, bleibt jedoch physisch an die Fläche gebunden. Und sie ist eine statische Angelegenheit. Sollen über die Fläche hinaus der Raum erobert und die Gestaltung dynamisch werden, muss in einem Kunstwerk die dritte Dimension beziehungsweise ein bewegtes Element hinzugefügt werden. Seit 1922 arbeitete Moholy-Nagy am Licht-Raum-Modulator, der schließlich anlässlich der Pariser Werkbundausstellung im Jahr 1930 vorgestellt wurde. Licht, Bewegung und Raummarkierung sind seine funktionellen Bestandteile, wie auch Merkmale nahezu jeder kinetischen Kunst nach Moholy-Nagy.

Beim Licht-Raum-Modulator handelt es sich um eine Konstruktion aus teils durchbrochenen, teils transparenten Bauformen, die mit Hilfe eines Antriebs in Rotation versetzt werden. Er bildet schon im Ruhezustand eine Skulptur besonderer Art. Der wirkliche Reiz entsteht jedoch, wenn die Beleuchtung eingeschaltet und der Apparat in Bewegung gesetzt wird. Der ihn umgebende Raum wird nun immateriell mit geformtem Licht gefüllt. Durch die Effekte ergeben sich an den Wänden immer wieder neue Reflexionen sowie Lichtmuster und Schattenbildungen.

Im Jahr der Vorstellung des Licht-Raum-Modulators entstand auch Moholy-Nagys fünfminütiger Film Lichtspiel Schwarz-Weiß-Grau, der die Wirkung der Installation zeigt. Eine Handlung hat der Film nicht. Es geht ausschließlich um die Wahrnehmung von Licht und Bewegung, den beiden Basiselementen der kinetischen Skulptur. Während diese im Original mit farbigem Licht arbeitet, zeigt der Film im Übrigen, dass die Reduktion auf Schwarzweißgraues keinesfalls mit einem Verlust an Wirkung einhergehen muss. Ganz im Gegenteil, durch den Verzicht auf alles Farbliche tritt die Bedeutung von Licht und Schatten noch deutlicher hervor.

Im fotosinn-Essay László Moholy-Nagy und die neue Fotografie werden die Überlegungen, die zum Licht-Raum-Modulator geführt haben, näher beschrieben. Die Bezüge zur Fotografie sind dabei enger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

 

Zurück