Eine Annäherung

von Ulrich Metzmacher

Bei der Beschreibung der charakteristischen Merkmale des Mediums Fotografie lassen sich gänzlich unterschiedliche Perspektiven einnehmen. Eine der wahrscheinlichen Sichtweisen wird aus der Allgegenwart fotografischer Bilder die Metapher einer Bilderflut ableiten, die es in früheren Epochen in vergleichbarer Form nie gegeben hat. Bilder umgeben uns überall, wir nehmen sie als zentralen Bestandteil der Kommunikationswelt wahr.

Die Kamera ist zu einem Kulturwerkzeug geworden, dessen Ausprägung von der schnellen Smartphonefotografie bis zur ambitionierten Amateuraufnahme mit teuren Apparaten sowie der professionellen Studiofotografie reicht. Zwar haben Menschen (sich) schon immer Bilder gemacht, aber deren gesellschaftliche Funktion hat sich über die Jahrhunderte hinweg verändert. Ebenso verändert haben sich die Diskurse zur Macht der Bilder. Hatten sie in früheren Kulturen eine mythische Funktion, die auf transzendente Wirkungszusammenhänge verwies, so sind wir heute einen ideologiekritischen Blick gewohnt, der dem Bild keine unreflektierte Macht belassen, sondern stattdessen herausfinden will, warum es auf eine bestimmte Weise wirkt.

Aber auch die historischen Bilderverbote zeugten schon immer von einem dezidierten Bewusstsein hinsichtlich der Wirkung bildlicher Darstellungen. Das religiöse Du sollst Dir kein Bildnis machen ging davon aus, dass die transzendente Kraft des Unvorstellbaren, Göttlichen an Überzeugungskraft verlieren könnte, wenn es als profanes Bild dargestellt und somit vorstellbar wird. Mit einer gegenteiligen Intention legten politische Diktatoren jeglicher Art Wert auf die Kontrolle über die von ihnen verbreiteten Bilder, denn die vorgeführte herrschaftliche Pose sollte stets Basis der Phantasien des Volkes sein. Bilder eines Kaisers ohne Kleider waren zu unterbinden. Im Zeitalter der Fotografie ist dies nicht anders als in früheren Jahrhunderten. Die Geschichte der Unterdrückung und Fälschung von Bildern nimmt kein Ende.

Eine gänzlich andere Perspektive wird eingenommen, wenn die technische Seite des Fotografierens im Fokus der Betrachtung steht. Die Entwicklung der Kameratechnik von den Anfängen bei Niepcé und Daguerre über die schnelle Kleinbildfotografie des Zwanzigsten Jahrhunderts bis zur digitalen Gegenwart spiegelt eine Innovationsdynamik wider, die zur Reflexion der Möglichkeiten und Grenzen des Mediums einlädt. Denn nicht zuletzt ist die jeweils machbare Technik auch Basis der denkbaren fotografischen Einsatzzwecke. Die Betrachtung der Nutzwerte der Fotografie wäre somit eine weitere mögliche Perspektive. Hier reicht die Spanne von der Fotoreportage oder der Reiseerinnerung bis zum Einsatz im Rahmen der Verbrecherkartei oder einer dokumentierenden Wissenschaftsfotografie.

Wiederum andere Erscheinungsformen zeigen sich, sobald der Kontext des Kunstdiskurses gewählt wird. Die Überlegung, ob Fotografie Kunst ist oder zumindest Kunst sein kann, ist im Übrigen so alt wie die Fotografie selbst. Hinzu kommt in der Gegenwart die Auflösung aller künstlerischen Gattungsgrenzen, so dass sich die Frage noch einmal neu stellt. Oder gerade nicht stellt, da sie nun ein für allemal beantwortet zu sein scheint. Kunst an sich gibt es nicht, und Zugehörigkeitsdiskussionen bezüglich der Fotografie machen deshalb keinen Sinn. Mehr an Erkenntnis ist zu diesem Thema nicht zu erwarten. Bestenfalls mag man noch die Funktion des kommerziellen Betriebs näher beleuchten. Kunst ist nicht selten das, was teuer verkauft wird.

Von der Kunstperspektive ist es nicht weit zur Postmoderne und dem Wissen, dass prinzipiell alles Grundsätzliche schon einmal gedacht ist und Konstrukte wie moderner als modern nur noch als ironische Charakterisierung auf der phänomenologischen Betrachtungsebene verwendbar sind. Der Kulturbetrieb fordert zwar beständig Neues, aber oftmals sind es lediglich andere Verpackungen, die offeriert werden. Endgültige Wahrheiten sind nicht zu erwarten, kann es auch gar nicht geben. Alles bleibt eine Frage kulturell gebundener Zuschreibungen, die sich im Übrigen in Form von Zeichen darstellen.

Für die Fotografie sind solche Themen nicht erst Überlegungen der Moderne. Die einstmals neue Technik war von Beginn an Auslöser einer Reihe philosophischer und erkenntnistheoretischer Fragestellungen, die primär an dem Verhältnis des fotografischen Bildes zur Realität ansetzten, beim konsequenten Weiterdenken jedoch schnell zur Frage nach der Realität selbst führten. Wie lässt sich diese erkennen? Bildet eine Fotografie auf verlässliche Weise Wirklichkeit ab oder ist sie nicht vielmehr eine kontingente Konstruktion? Was zeigt das fotografische Bild, und wie kommt es, dass wir den Sinn von Bildern verstehen? Neben Philosophie und Erkenntnistheorie hat die kognitive Entwicklungspsychologie einiges zum Verständnis des fotografischen Prozesses beigetragen.

Die Liste der Sichtweisen auf die Fotografie ließe sich fortsetzen. Aber weder die verschiedenen Perspektiven noch die philosophischen Fragen stellen eine abschließende Aufzählung dar. Eine solche wäre auch gar nicht möglich. Alles bleibt Fragment. Eine Zusammenfassung aller Perspektiven ist nicht einmal theoretisch denkbar. Es gibt nur Umkreisungen und Annäherungen von verschiedenen Seiten. Die Dinge hängen zwar miteinander zusammen, aber die Fragmente können immer nur auf etwas hindeuten, ohne es jemals vollständig zu erfassen. Vielleicht ist aber auch schon die Idee eines Ganzheitlichen zu viel und es bleiben nur Perspektiven. Eine Gewissheit, dass die eigene Sicht auch die der anderen ist, gibt es dabei nicht. Mehr als Plausibilitäten und die intersubjektive Übereinstimmung Vernünftiger, die im entspannten Diskurs Verständigung suchen, ist nicht zu erwarten. Da muss sich schon jeder ein eigenes Bild machen, um im Jargon der Fotografie zu bleiben.

Der vorstehende Text ist der Einleitung zum Essay Eine Annäherung entnommen, der sich dem Wesenskern der Fotografie anzunähern versucht und die überarbeitete Version 1.1 des früheren Essays Collage fotosinn darstellt.

 

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