Ein Lehrstück

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Als sich kürzlich bei einer Auktion von Sotheby´s ein Bild des Street-Art Künstlers Banksy kurz nach dem Zuschlag unerwartet in Bewegung setzte und mit Hilfe des im Rahmen eingebauten Shredders teilweise in Streifen auflöste, ging ein Raunen durchs Publikum und anschließend durch die mediale Kunstwelt. Da war von einem inszenierten Gag die Rede, und für manchen Kleingeist stellte sich die Frage, ob aufgrund des Zerstörerischen der Aktion nicht Betrug am Werke sei. Witzig war das Ganze schon, aber lächerlich machen sich am Ende nur diejenigen, die in einem ersten Reflex die Ernsthaftigkeit der Kunst in Gefahr wähnten.

Dass ein altehrwürdiges Auktionshaus den Rahmen für die Performance bot, und um eine solche handelte es sich, darf schon ein wenig überraschen. Schließlich ist ein Ruf zu verteidigen, dessen Versprechen auf der Echtheit und Werthaltigkeit der angebotenen Stücke beruht. Und man darf davon ausgehen, dass auch dieses Exponat einer intensiven Prüfung unterzogen worden ist. Der Frage, ob Sotheby´s über die beabsichtigte Shredderei informiert war, wollen wir aber nicht weiter nachgehen. Allein die Tatsache, dass die medienwirksame Teilzerstörung des ursprünglichen Werkes dessen Wert nicht vernichtet, sondern vermutlich sogar deutlich gesteigert hat, dürfte im Übrigen jede hier und dort geführte Schadenersatzdiskussion ad absurdum führen.

Neu für eine Kunstauktion ist, dass hier nicht nur Materie unter den Hammer kam, sondern letztlich die Performance zum eigentlichen Werk wurde. Ob der anonym gebliebene Käufer, dessen Erwerbung kurz nach dem Zuschlag eine neue, teilgeshredderte Gestalt annahm, dies wissen konnte, bleibt Spekulation. Aber genau solche Fragen sind wohl Teil des inszenierten Spektakels. Das Video der Auktion einschließlich der Ereignisse nach dem Hammerschlag dürfte jedenfalls fortan als Begleitdokument zum Bestandteil der Performance und damit des Werkes gehören.

Reizvoll ist der Gedanke, der Shredder könnte eines Tages erneut aktiviert werden, zum Beispiel bei der nächsten Versteigerung des Werkes, die dann schon mit einem höheren Schätzpreis starten dürfte. Oder vielleicht einfach so, über Nacht etwa, ohne Zuschauer, so dass am Morgen nur noch Papierschnipsel auf dem Boden liegen. Das wäre die radikale Vollendung einer grandiosen Ausgangsidee. Aber selbst die Erweckung solcher Phantasien mag ja ein gezielter Bestandteil der Aktion sein. Dem jetzigen Besitzer bleibt zwar die Möglichkeit, zügig den Akku des Shredders zu entfernen, aber genau ein solcher Eingriff würde letztlich die endgültige Zerstörung des Kunstwerkes mit seinem eigentlichen Gehalt, der performativen Beimischung, zur Folge haben. Was der weiterhin anonym bleibende Banksy auf Instagram selbst zu der Aktion verlautbart hat, muss man im Übrigen nicht unbedingt für bare Münze nehmen.

Die Situation bietet, spieltheoretisch betrachtet, hübsche Ausgangsbedingungen für strategische Überlegungen, wie es denn jetzt weitergeht. Die alte Frage, wem das Ganze, mindestens finanziell, nützt, ist jedenfalls relativ leicht zu beantworten: Es ist der aktuelle Besitzer des Werkes, dem nun ein wertsteigernder Ruf anhaftet, und es ist natürlich Banksy selbst, dem ein Marketingcoup gelungen ist, der sich auszahlen wird. Aber auch Sotheby´s darf sich eines netten Aufmerksamkeitseffektes sicher sein.

Neben der vordergründig clownesken Irritation des Kunstbetriebs, der gar nicht umhin kann, einige seiner Mechanismen als ironisch vorgeführt zu betrachten, geht es auch um die Vergänglichkeit von Kunst an sich. Eigentlich kein neues Thema, hatten doch schon Beuys und andere mit Materialien gearbeitet, deren natürlicher Auflösungsprozess einkalkuliert war und kaum zu stoppen ist. Oder nehmen wir die wesensmäßige Flüchtigkeit aller Performances, die sich als Abklatsch sowieso nur in Form von Bild- oder Tondokumenten konservieren lassen. Und dann, jetzt kommt die Fotografie, gibt es noch die absehbaren Folgen der digitalen Informationsspeicherung. Jede Kunst, die in dieser Gestalt antritt, muss davon ausgehen, dass die gegenwärtig verwendeten Speichermedien in nicht allzu ferner Zukunft kaum noch lesbar sein werden. Wer da nicht alle paar Jahre seine Daten umkopiert, wird sie eines Tages nicht mehr nutzen können.

Und das ist auch gut so!

Sowohl die beabsichtigte wie auch die ungeplante Vernichtung von Dingen, die gemeinhin als Kunst bezeichnet werden, kann als heilsames Gegenmittel betrachtet werden, um der unkontrollierten und nivellierenden Überschwemmung mit solchen Artefakten entgegen zu wirken. Genau einen solchen Dauertsunami erleben wir nämlich seit Jahrzehnten, nicht zuletzt in der Fotografie. Beständig werden Bilder produziert, an die man sich größtenteils schon kurz nach ihrem Entstehen kaum noch erinnern mag und die schlichtweg belanglos sind. Joachim Schmid hat bereits vor längerer Zeit geschätzt, dass man mit allen Fotografien, die in den letzten 150 Jahren entstanden sind, die Oberfläche der Erde mehrfach bedecken könnte, und fasste zusammen: Wir waten also buchstäblich in Fotografien, vielleicht stehen sie uns auch schon bis zum Hals.

Es geht nun darum, diese bedrohlich gewordene Komplexität zu reduzieren. Niklas Luhmann hat Vergleichbares als zentrale Aufgabe aller sozialen Systeme beschrieben, und nichts anderes gilt für die Fotografie. Hören wir also auf, alles für die Nachwelt in irgendwelchen Archiven sichern zu wollen. Dies wäre erstens gar nicht zu leisten und für die eigenen Bilder wird sich, zweitens, später sowieso kaum jemand interessieren. Aber warum tun wir uns trotzdem so schwer, Dateien zu löschen und die Festplatte unseres Rechners zu entmüllen? Gibt es da einen anthropologisch begründeten Sammeltrieb? Gut, in analogen Zeiten wurden die Negativstreifen vollständig in Leitz-Ordnern abgelegt und, wenn man klug vorging, irgendwie katalogisiert. Für professionelle Fotografen war das auch eine Art Altersversorgung. Hier gelten besondere Regeln.

Für alle Gelegenheitsfotografen im digitalen Zeitalter hingegen fordert der Selbstschutz: Ausmisten, Wegwerfen, Löschen! Wie sonst können wir den Mechanismen des Immermehr und Immerneuem entrinnen, die uns unweigerlich eines Tages ersticken werden. Und im Übrigen: Lieber einmal aus Versehen ein bewahrenswertes Bild gelöscht, als für alle Zeiten abertausende von Dateien herumschleppen, die mit allergrößter Sicherheit nie wieder geöffnet werden. Die nahezu kostenfreie Vermehrbarkeit digitaler Fotodateien ist jedenfalls kein Segen, sondern ein Fluch, dem es entgegenzuwirken gilt. Wer nicht in der Lage ist, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und Unwichtiges zu entfernen, wird sich im Sumpf der unendlichen Möglichkeiten verzetteln und am Ende indifferent, unentschieden und bewegungsunfähig auf dem Sofa hocken.

Joachim Schmid hatte das schon 1987, also noch vor der digitalen Massenschwemme, in einem Manifest auf den radikalen Punkt gebracht: Keine neuen Fotos, bis die alten aufgebraucht sind. Er konzentrierte sich deshalb auf die Verarbeitung vorhandener Fotografien und fügte diese zu neuen Werken zusammen. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Elmar Mauch, dessen Institut für künstlerische Bildforschung sich ebenfalls mit dem visuellen Erbe der Vorfahren befasst und aus diesem neue Sichten generiert.

Nun mag genau dies als Argument dafür gelten, alles bislang Fotografierte entgegen unseren Vernichtungsempfehlungen sorgsam zu hüten, um es später gegebenenfalls neu interpretieren zu können. Für die analoge Fotografie kann man dem aufgrund ihrer mengenmäßigen Begrenztheit ja noch folgen. Im digitalen Zeitalter gelten jedoch andere Gesetze und wir kommen gar nicht umhin, Teile des Gespeicherten zu vernichten. Nur so können wir Neues entstehen lassen oder diesem zumindest Raum zur Entfaltung geben. Im Kern ist das eine mentale Herausforderung, keine technische Frage des Speicherplatzes, und im Übrigen ein, dialektisch betrachtet, notwendiger Prozess, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Die symbolische Auflösung von Kunst, wie Banksy sie spielerisch vorgeführt hat, ist deshalb eine erfrischende Bereicherung auch für die Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir mit all den Dateien, Quadratmetern von Fotografien und Tonnen übriger Artefakte eigentlich umgehen wollen.

 

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