Diese Demut vor dem sogenannten Realismus

von Ulrich Metzmacher

Diese Demut vor dem sogenannten Realismus

Wir reden von Kunst. Soviel vorweg. Und von der Fotografie. Es geht nicht darum, die Idee von Realität klein zu reden. Was auch immer das sein mag. Aber nun die Frage: Erwarten wir Realität, wenn wir abstrakte Werke eines Mark Rothko oder Yves Klein betrachten? Erwarten wir von der Oper oder vom Tanztheater ein Surrogat für wirkliches Leben? Handelt es sich bei Duchamps Fahrradfelge um realistische Kunst? Die Antworten sind vorhersehbar. Bei der Fotografie fallen sie schon schwerer.

Im Kino begegnen uns sowohl die Phantasiewelten der Intergalaktischen und Harry Potters wie auch mehr oder weniger realitätsaffine Dramen, Actionfilme und Komödien. Aber Kino bleibt eben Kino, und niemand erwartet hier wirklichen Realismus, es sei denn, es handelt sich um die sonntägliche Matinee über das Alltagsleben australischer Kängurus. Beim Fernsehfilm ist das schon anders. Hier hört man mitunter die Klage, dieses oder jenes sei aber unrealistisch. Lieber hätte man wohl gesehen, was aus dem eigenen oder dem vermuteten Alltag der anderen vertraut ist, jedenfalls etwas, das den Erwartungen entspricht.

Ambivalent ist die Theaterbühne. Auf der einen Seite haben wir neben den Klassikern die fröhlichen Ohnesorgs, aber auch die Weltverbesserer mit schnell durchschaubaren Rollenverteilungen. Hier die Guten und dort die Bösen. Aber wozu da als Zuschauer Phantasiekräfte mobilisieren? Die Botschaften sind doch klar, und was auf der Bühne geschieht, kann man im Übrigen, wenn auch meist weniger theatralisch, im Alltag erleben. Der Plot entspricht einem bühnenadaptierten Realismus: Alles hübsch chronologisch entwickelt mit Problemstellung, Zuspitzung und Auflösung. Dann fällt der Vorhang. Und zu welchem Italiener gehen wir jetzt?

Heiner Müller, der große Theatermann, hat diese Demut vor dem Realismus immer beklagt und in Abgrenzung zu den Ohnesorgs und Weltbeglückern ein Theaterverständnis entwickelt, das den Zuschauer mit schrägen Perspektiven, wahnsinnigen Collagen und surrealen Bildern an den Rand des Fassungsvermögens bringt. Wer sich da nicht abwendet oder gar wegrennt, mag genau an diesem Punkt zu einer Wahrnehmung gelangen, die bisher noch nicht vertraut war. Das kann anstrengend sein und Zeit zur Verarbeitung benötigen. Theater jedoch, das sofort verstanden wird, fand Heiner Müller schlichtweg langweilig.

Warum nicht einmal zur Abwechslung, es muss ja nicht immer sein, so fotografieren, als wäre ein Heiner Müller mit der Kamera unterwegs? Wer sagt denn, dass jedes Bild schon auf den ersten Blick einen Sinn haben muss?

Empfehlung: Heiner Müller lesen, zum Beispiel „Theater ist kontrollierter Wahnsinn“, herausgegeben von Detlev Schneider, Alexander Verlag Berlin, 2014.

Wer in diesen Tagen Leipzig besucht, könnte aber auch die Gelegenheit zu einem Besuch im Museum der bildenden Künste nutzen. Neben anderen sehenswerten Dingen läuft dort noch bis zum 18.08.2019 die Ausstellung Grünauge des Multikünstlers Erich W. Hartzsch. Teil der oppositionellen Kunstszene der DDR, befasste sich Hartzsch in den achtziger Jahren mit avantgardistischen Super-8-Filmen sowie experimentellen Fotoserien. Beides ist Thema der Leipziger Ausstellung. Bei vielen der Fotografien handelt es sich um Verfremdungen oder Bildüberlagerungen, einige der Aufnahmen wurden auch nachträglich übermalt. Gegenständlich oder realistisch ist das alles nur partiell, aber gerade deshalb verharrt man vor dem einen oder anderen Bild länger als gewöhnlich, um sich einen Reim auf das Ganze zu machen.

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