Die Zeit der guten Vorsätze

von Ulrich Metzmacher

In den letzten Tagen des Jahres steigt die Neigung, Bilanz zu ziehen und daraus für das bevorstehende Jahr neue Ziele und Vorhaben abzuleiten. Auf die eine oder andere Weise nehmen wir uns dann vor, einiges besser oder zumindest anders zu machen. Auch wenn die Erfahrung lehrt, dass die nachhaltige Umsetzung oftmals nicht wirklich gelingt, erscheint es einen Versuch wert. Wir müssen ja nicht gleich ein anderer Mensch werden wollen. Es genügt schon, sich fotografisch weiter zu entwickeln.

Da sich die Geschichte mit den guten Vorsätzen alle zwölf Monate wiederholt, lohnt der Blick zurück. In den Magazinen und Blogs für Fotografie wurden in den vergangenen Jahren einige wiederkehrende Ziele und Ideen vorgeschlagen. Davon erscheint manches klug und bedenkenswert, oder es eröffnen sich neue Horizonte, die zur Korrektur des bislang Praktizierten beitragen. Hier eine (unvollständige) Liste möglicher Vorsätze für das Jahr 2020, aus der man sich nach Lust und Laune bedienen mag. Los geht es!

Erster Vorschlag: Weniger Selbstzweifel haben und häufiger die eigenen Fotografien einem kritischen Publikum vorlegen. Dabei Instagram, Facebook und Co. als Plattform für ernsthafte Kritik nicht überbewerten. Es geht darum, ein kompetentes Feedback zu erhalten und nicht das schnelle Oh wie schön. Und wenn man dann eine ernsthafte Antwort bekommt, bitte gut zuhören und den Mund halten. Nicht argumentieren, warum das Foto entgegen der vorgebrachten Kritik doch toll ist.

Zweiter Vorschlag: Alles, was mit dem eigenen Fotografieren oder dem Thema Fotografie zu tun hat, besser organisieren. Das reicht von der Dateiablage auf dem Rechner über die regelmäßige Sicherung auf externen Speichern bis zur Ordnung der E-Mail Korrespondenz und dem systematischen Notieren von Links sowie anderen Fundstellen in Zeitschriften und Büchern, die wir beim Lesen als interessant empfunden haben. Kurz, es geht darum, die Dinge so zu ordnen, dass wir sie bei Bedarf wiederfinden. Zuviel von dem, was wir bereits einmal gewusst haben, verschwindet irgendwo im Nirwana.

Dritter Vorschlag: Darüber nachdenken, ob vielleicht nicht nur andere vom Habenwollen-Virus angesteckt sind, sondern auch wir selbst. Klar, es macht Freude, Fotozeug zu kaufen, und einiges davon ist ja auch sinnvoll. Aber brauchen wir jedes Jahr eine neue Kamera oder das dritte Gehäuse oder noch ein weiteres System für irgendeinen fotografischen Spezialfall? Fotografien werden in der Regel nicht durch neue Technik besser, sondern durch eine ausdrucksstarke Bildgestaltung. Jeder weiß das. Die Ausrüstung sinnvoll zusammenstellen, darum geht es. Und da ist weniger mitunter besser als ein Koffer voller Kram. Auch wer es nicht mehr hören mag: Capa, Cartier-Bresson und andere waren in der Regel mit einer oder zwei Festbrennweiten unterwegs. Übrigens, man kann Dinge auch verkaufen.

Vierter Vorschlag: Der Postproduktion mehr Aufmerksamkeit widmen. Häufig wird der schnelle Erfolg gesucht und bei der Bildbearbeitung zu heftig oder mit zu stark eingestellten Filtern gearbeitet. Auch ein flinkes HDR-Konstrukt verspricht zunächst eine beeindruckende Wirkung. Aber wie nachhaltig ist das? Wir kennen doch längst alle Effekte und wissen, dass hier weniger die Genialität des Fotografen eine Rolle spielt als die des Softwareentwicklers. Also etwas mehr Geduld aufbringen, wenn es an das Finishing einer Fotografie geht. Und dafür lieber nicht solche Massen an Bildern schießen.

Fünfter Vorschlag: Mehr Fotografien auf hohem Niveau vergrößern oder ausdrucken (lassen) und gegebenenfalls mit einer passenden Rahmung versehen. Das Bild an die Wand hängen und eine Zeit lang wirken lassen. Nach spätestens ein paar Wochen ist klar, ob das Werk etwas taugt oder nicht. Am Monitor ist das schlecht zu beurteilen. Eigene Fotobücher können im Übrigen auch eine hilfreiche Sache sein.

Sechster Vorschlag: In Projekten und Konzepten denken und diese umsetzen. Anstatt Unmengen an zusammenhanglosen Einzelfotografien zu produzieren, die Frage nach den leitenden Ideen stellen. Konzepte tragen nicht nur zur gründlicheren Befassung mit einem Aufnahmegegenstand bei, sondern es wird in der Regel auch bewusster fotografiert. Dies fördert die Bildgestaltung. Fotografieren wir doch einmal einen Monat lang nur Dinge mit einer einzigen vorherrschenden Farbe, zum Beispiel Blau. Oder nur abstrakte symmetrische Formen. Oder konzentrieren wir uns auf eine bestimmte Technik. Das kann eine Festbrennweite sein oder das nächtliche Fotografieren in der Stadt ohne Blitz. Oder gerade mit Blitz. Oder, oder, oder.

Siebenter Vorschlag: Fotoausstellungen besuchen, Bildbände studieren, Literatur zur Fotografie lesen. Gerade die Beschäftigung mit den Werken bekannter Fotografinnen und Fotografen zeigt, wieviel vom Gedanken des sechsten Vorschlags deren Arbeiten zugrunde liegt. Fast immer ist ein persönlicher Stil erkennbar oder es wird für eine bestimmte Thematik eine konsistente fotografische Ausdrucksform gewählt. Effekthascherei gibt es dabei so gut wie nie, es sei denn, sie wird als bewusstes Stilmittel eingesetzt. Und der Bildpräsentation wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Das muss nicht die aufwändige Rahmung, sondern kann, ganz im Gegenteil, auch eine rahmenlose Präsentation sein. Entscheidend bleibt der persönliche Stil. Diesen zu entwickeln, ist eine Frage von Erfahrung, Reflexion der eigenen Neigungen und vor allem der konsequenten Vermeidung eines indifferenten fotografischen Allerlei.

Achter Vorschlag: Überprüfen der Regeln, die wir bislang beim Fotografieren, häufig unbewusst, zugrunde gelegt haben. Warum eigentlich immer auf das zentrale Motiv scharfstellen und nicht auf ein Nebendetail? Warum formatfüllend fotografieren und nicht dem Objekt Raum zur Entfaltung geben, oder ganz im Gegenteil, es unvollständig abbilden? Warum immer aufpassen, dass die Sonne nicht auf die Frontlinse des Objektivs scheint, und nicht bewusst das Gegenlicht suchen? Warum die Kamera immer möglichst ruhig halten, um Unschärfen zu vermeiden, und nicht einmal beim Fotografieren auf und ab springen? Warum immer an den Goldenen Schnitt oder die Drittelregel denken? Warum auf eine korrekte Belichtung achten und nicht hin und wieder drastisch über- oder unterbelichten? Warum die Kamera immer gerade halten wie eine Wasserwaage? Und so weiter. Alle Regeln, die uns beim Fotografieren leiten, haben ihren Sinn. Dennoch darf man sich die Freiheit nehmen, sie flexibel anzuwenden oder in ihr Gegenteil zu verkehren. Da wir jedoch auf eine gewisse Weise fotografisch sozialisiert sind, muss man sich dazu meist regelrecht zwingen. Aber erst, wenn die Regeln als Regeln erkannt sind, können wir entscheiden, ob sie uns gefallen oder nicht. Niemand kann uns zu ihrer Einhaltung zwingen.

Neunter Vorschlag: Auf das Wesentliche konzentrieren, auch wenn dies vielleicht eine Altersfrage ist. In jüngeren Jahren muss das Ausprobieren im Vordergrund stehen, später jedoch rückt mehr und mehr die Frage in den Vordergrund, was wirklich wichtig ist. Dies bedeutet nicht unbedingt, dass die Neugier geringer wird, aber es wächst die Erkenntnis, dass Leben immer Auswahl bedeutet. Niemand kann alle Bücher lesen, nicht einmal alle wichtigen. Kaum jemand wird alle Länder dieser Welt bereisen können. Und so weiter. Was wollen wir fotografieren? In welchem Stil wollen wir fotografieren? Mit welcher Technik wollen wir fotografieren? Es geht um die Reduktion von Komplexität.

Zehnter Vorschlag: Mit Freude fotografieren. Ist diese einmal nicht zu verspüren, abwarten. Sie kommt wieder.

 

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