Die Zeit anhalten

von Ulrich Metzmacher

Unser Geist, der feste Stützpunkte sucht, hat im gewöhnlichen Lauf des Lebens zur hauptsächlichen Funktion, sich Zustände und Dinge vorzustellen. Er nimmt dann und wann gleichsam momentane Ansichten von der ungeteilten Beweglichkeit des Wirklichen auf. … Auf diese Weise substituiert er dem Kontinuierlichen das Diskontinuierliche, der Beweglichkeit die Stabilität … (Henri Bergson).

Bergson betrachtete die fließende Zeit als konstituierende Grundlage allen lebendigen Seins. Von der Vernunft konstruierte Zusammenfassungen aufeinanderfolgender Dinge zu gedanklichen Einheiten galten ihm deshalb als intellektuelle Fragmentierungen und Abstraktionen. Die Suche nach festen Stützpunkten sei zwar verständlich, bei allzu großer Rigidität des Geistes jedoch auch als Schwäche auslegbar, die schnell an Grenzen des Erkenntnisvermögens führe.

Bergson nahm damit zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts das Gefühl einer Zivilisationsmüdigkeit auf, die sich in einigen Intellektuellen- und Künstlerkreisen als Reflex auf die Rollenfragmentierungen des modernen Menschen ausgebreitet hatte. Als Alternative prägte er den Gegenentwurf einer neuen Ganzheitlichkeit. Diese dachte Bergson nicht romantisch, wie es Teile der konservativen Kulturkritik mit Rückgriff auf alte Gemeinschafts-Vorstellungen taten, und übte so eine starke Faszination auf den Italienischen Futurismus sowie auch auf das Bauhaus aus, wo die Einheit von Leben, Lernen und Arbeiten Eingang in das Manifest von 1919 fand.

Als Antwort auf die Identitätsbedrohung durch den fragmentierten Alltag offerierte die Philosophie Bergsons ein alternatives Denkmodell, das bis heute nachwirkt. Diverse, teils esoterische Programme zur Gestaltung des Seins versprechen seitdem bei Berücksichtigung der Prinzipien einer ganzheitlichen Lebensführung die Festigung der gefährdeten Identitätskonstruktion. Aber auch im Kleinen werden inmitten der unablässig fließenden Zeit einige existenzielle Sorgen des umhertaumelnden Individuums erkennbar. Banal wird es bei der geposteten Selfiefotografie. Ich bin, weil ich fotografiert bin. Die Selbstinszenierungen in den sozialen Medien lassen sich als Versuche deuten, sich des Lebens zeitlich umfassend und auf naive Weise ganzheitlich zu versichern. Die radikalisierte Version dieser Phantasie besteht darin, das eigene Sein als permanentes Selfie-Video, gar unter Verzicht auf Intimitätspausen, digital zu manifestieren. Experimentelle Realisierungen dieser Art hat es mit tagelang laufenden Webcams in der Performancekunst bereits gegeben.

Zwischenbemerkung: Die Rollenfragmentierung in der modernen Gesellschaft hat es natürlich in sich. Den Erwartungen der verschiedenen Alltagssegmente so zu begegnen, dass sowohl die Zusammenfassung der Anforderungen wie auch der notwendige Kompromiss zwischen ihnen stabil gelingt, erfordert eine Ich-Stärke, die in der Waren- und Wettbewerbsgesellschaft nicht unbedingt vorausgesetzt werden kann. Die Abhängigkeiten vom sozialen Erwartungsdruck sind in der Gegenwart jedenfalls nicht geringer als zu Bergsons Zeit der bürgerlichen Gesellschaft um Neunzehnhundert. Alles aktuelle Gerede von der Freiheit und Selbstverwirklichung des Einzelnen kann darüber nicht hinwegtäuschen, auch wenn sich die Erscheinungsformen der moralischen und ästhetischen Anpassungen verändert haben. Andreas Reckwitz hat dies in seinem fulminanten Buch Die Gesellschaft der Singularitäten überzeugend ausgeführt.

Bergsons Kulturkritik lässt sich entgegenhalten, dass die Zusammenfassung von Ereignissen in Form fragmentierter Vorstellungen nicht zwingend ein Ausdruck von Ängstlichkeit ist. Zwar mag das lebendige Sein bei einer Zerstückelung des fluiden Geschehens nicht mehr mit voller Intensität zur Geltung kommen, die Fragmentierung dient jedoch der notwendigen Reduktion von Komplexität. Das unstrukturiert Fließende erscheint theoretisch zwar lebendiger, überfordert praktisch jedoch die individuelle Verarbeitungskapazität. Wir kommen gar nicht umhin, ein ordnendes Bild der Wirklichkeit zu konstruieren, dem einige statische Aspekte zu eigen sind. Ereignisse werden als zusammengehörig interpretiert und erhalten so einen für die Orientierung bedeutsamen Sinn.

Hier kommt noch einmal die Fotografie ins Spiel, deren Wesen in der Umwandlung von Dynamik in Statik liegt. Aus dem endlosen Strom des Geschehens werden Momente herausgetrennt und konserviert. Auf diese Weise werden Erinnerungen und Sicherheiten konstruiert, nicht zuletzt hinsichtlich der Strukturierung des eigenen Lebens. Das Familienalbum mit seinen chronologisch angeordneten Fotografien erfüllte in früheren Zeiten in klassischer Weise eine darauf gerichtete Funktion als Erinnerungsstütze.

Fotografien können jedoch auch die Bedeutung von Sinnbildern erhalten, die am Ende wichtiger sind als die eigentliche Realität. Als wirklich gilt nun, was die Fotografie zeigt, und die Frage nach ihrer biografischen Richtigkeit oder Repräsentativität wird nicht mehr gestellt. Auf diese Weise werden Vorstellungen verfestigt und perpetuiert. Dabei gewöhnen wir uns mitunter an ein Bild so sehr, dass dessen Zufälligkeitscharakter kaum noch erkannt wird. Die Umwandlung von Dynamik in Statik als angehaltene Zeit wirkt deshalb zwar entlastend und sinnstiftend. Fotografische Bilder sind jedoch durch die nun für alle Zeit konservierte Reduktion auf die im Augenblick der Aufnahme eingenommene Perspektive einschließlich ihrer Zufälligkeiten nicht ungefährlich.

 

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