Die Welten hinter der Fassade

von Ulrich Metzmacher

Kurz vor der Jahrtausendwende erschien Don DeLillos grandioser Roman Unterwelt, ein Kaleidoskop amerikanischer Alltagskulturen der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Facettenreich verbinden sich Zeitgeschichtliches aus Politik, Sport und Show mit den Schicksalen der handelnden Personen. Das multiperspektivische Gesellschaftspanorama bildet die Hintergrundkoordinaten eines Romans, der seine Sichtweise permanent ändert. Und auch die lineare Zeitachse wird zugunsten eines Montageprinzips aufgegeben, das durch die Zeiten springt.

Um die Aura des komplexen und atmosphärisch dichten Romans zu erfassen, empfiehlt sich ein zügiges Lesen ohne längere Unterbrechungen. Ansonsten drohen Fragmentierung und der Verlust des roten Fadens. Hinzu kommt, dass die einmal gewonnenen Erkenntnisse nicht von Dauer sind. Jederzeit kann das Urteil des Lesers revisionsbedürftig werden, weil neue Details des Geschehens zu Tage treten und der Handlungsstrang weniger durch Logik bestimmt ist als durch die Ubiquität des Zufalls. Die Dinge hätten sich an entscheidenden Punkten eben auch ganz anders entwickeln können. Das mag man als existenzialistisch empfinden oder auch als postmodern.

Und dann stehen am Anfang des zweiten Romanteils die Zeilen: Du weißt, wie sich Kinder begeistern, weil ihnen die Kamera zeigt, dass jeder Gegenstand potentiell aufgeladen ist, eine Million Dinge, die sie niemals mit bloßem Auge sehen würden. Sie erforschen die Bedeutung unbelebter Objekte und stummer Haustiere, und sie stochern in der familiären Intimsphäre herum. Sie lernen, die Dinge zweimal zu sehen.

Diesem Phänomen kommt entgegen, dass das fotografische Bild im Vergleich zur unübersichtlichen Realwelt einen einfachen Charakter aufweist. Der sekundenschnelle Kameraschnitt in den Strom des Geschehens, die Reduktion des mehrdimensionalen Raumes auf eine Fläche sowie die zentralperspektivische Egozentrik verringern die Komplexität der Wirklichkeit und geben bei der Betrachtung einer Fotografie viel Zeit für deren Deutung. Insbesondere das Kind hält diese dann für ein Abbild der Realität und nutzt die im Vergleich zum Normalfluss des Lebens unbekannte Statik der Aufnahme, um nach einer Erklärung für das Gesehene zu suchen. Das so Konstruierte bzw. Interpretierte setzt sich schließlich im Kopf als Tatsache fest. Dass dabei häufig die Phantasie beteiligt ist, muss nicht hervorgehoben werden.

Wer erinnert sich nicht an die kindliche Faszination beim Betrachten alter Jahreschroniken, in denen Bilder von politisch motivierten Attentaten oder kriegerischen Grausamkeiten Erschütterung auslösten? Oder die Fotografien waghalsiger Hochseilartisten zwischen den Wolkenkratzern? Oder das Portrait des berüchtigten Massenmörders? Ganz Ähnliches gilt für Fotografien aus der eigenen Familiengeschichte, wenn Bilder der Vorfahren entschlüsselt werden. Das Kind ahnt Unausgesprochenes, vielleicht in der Familiengeschichte Tabuisiertes, und sieht Dinge, Blicke, die nach Deutung rufen. Wird eine Fotografie nur lange genug betrachtet, eröffnet sich meist irgendwann der Moment, in dem das Gute und das Böse sichtbar zu werden scheinen. Gerade Kinder erleben die Magie von Bildern ganz unmittelbar.

Die Faszinationskraft von Fotografien kann ein Leben lang anhalten, selbst wenn der aufgeklärte Betrachter weiß, dass es sich bei ihnen lediglich um kleinste, mitunter wie zufällig festgehaltene Ausschnitte des Geschehens ohne Allgemeingültigkeitsanspruch handelt. Darüber hinaus ist ihm meist bewusst, dass die eigenen Sehperspektiven kulturell geprägt sind und somit prinzipiell nicht geeignet für die Gewinnung universell gültiger Erkenntnisse. Solche relativ gewordenen Wahrheiten entsprechen der postmodernen Welt Don DeLillos. Unter der Oberfläche der vermeintlich eindeutigen Erscheinungen verbergen sich Tiefenschichten, Widersprüche und Abgründe. Wie bei einer Fotografie eben, bei der wir uns jedoch nur allzu gerne der Illusion hingeben, hier sei noch Sicherheit zu haben. Auch wenn wir nicht mehr Kind sind.

 

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