Die vernachlässigte Brennweite

von Ulrich Metzmacher

Vor Antritt des letzten New York Besuchs fiel die Entscheidung, diesmal ausschließlich mit einem 50 mm Normalobjektiv (bezogen auf Kleinbild) zu fotografieren. Alle anderen Objektive blieben zu Hause. Die Beschränkung erfolgte nicht aus Gewichtsgründen, sondern aufgrund einer gewollten Konzentration auf das spezifische Gestaltungspotential des Normalobjektivs.

Diese Brennweite ist frei von allen effektheischenden Eigenschaften, die schnell einmal dem Teleobjektiv und insbesondere den Weitwinkelobjektiven anhaften. Fast meint man, dass ihr aufgrund der Einfachheit ein unauffälliger, bescheidener Charakter zu eigen ist. Fotografie pur, könnte man es auch nennen. Auf jeden Fall ist der Gestaltungswille des Fotografen gefordert. Bei kleinerer Blende und einem räumlich orientierten Bildaufbau entwickelt das 50er Eigenschaften wie ein leichtes Weitwinkelobjektiv, bei offener Blende und einem freigestellten Motiv mit unscharfem Hintergrund wirkt es hingegen ein wenig wie eine Telebrennweite.

Auch bei früheren Reisen gab es Vorfestlegungen hinsichtlich der eingesetzten Objektive. So war es einmal die Entscheidung für das 24 bis 80 mm Zoomobjektiv, um so für die allermeisten Fälle universell gerüstet zu sein, bei anderer Gelegenheit die Entscheidung für zwei Festbrennweiten von 24 und 90 mm. Beide Varianten, hier das Zoomobjektiv, dort das Objektivpärchen, decken ungefähr den gleichen Bildwinkelbereich ab, und doch fotografiert es sich vollkommen unterschiedlich. Im fotosinn-Essay Objektiv – Eigenschaften und Nebenwirkungen habe ich die Differenzen zwischen Zoom und Festbrennweite beschrieben.

Bedeuten gegenüber dem Zoomobjektiv die beiden Festbrennweiten bereits eine deutliche Beschränkung der zur Verfügung stehenden Aufnahmewinkel auf nur noch zwei Varianten ohne Zwischenwerte, so ist die nochmalige Reduktion auf ein einziges Objektiv, und dies auch noch mit der unspektakulären Brennweite, die ultimative Verknappung. Weniger geht nicht. Ich war mir selbst nicht ganz sicher, ob das in New York mit seiner weitwinkelaffinen Architektur funktionieren würde. Aber da ich mich mit den klassischen Motiven der Wolkenkratzer und Straßenschluchten bereits früher befasst hatte, schien das Risiko kalkulierbar. Vielleicht sollte sich das 50er sogar als vorteilhaft erweisen, wenn es darum ging, die üblichen und allseits vertrauten New York Bilder zu vermeiden. Gerade auf Reisen holen uns vorgestanzte Klischees doch immer wieder gerne ein.

Los ging´s und relativ schnell waren alle Vorzüge dieses Objektivs spürbar. Keine Mätzchen, keine Showeffekte, dafür jede Menge spontanes Fotografieren. Gilt schon grundsätzlich bei Verwendung einer Festbrennweite, dass man mit ihr sehr viel klarer an die Bildgestaltung herangeht, weil das indifferente Drehen am Zoom entfällt und man sich konzentriert auf eine einzige Brennweite einstellt, so trifft dies für das Normalobjektiv noch ausgeprägter zu. Man spürt intuitiv, was geht und was nicht. Natürlich gibt es Situationen, die nach einer Telebrennweite oder einem Weitwinkel verlangen, gar keine Frage. Aber wie oft erlebt man solche Situationen wirklich? In New York gab es zwei, drei von ihnen. Da bin ich mit dem 50er nicht weitergekommen. Foto verschenkt. Aber jetzt denken wir einmal weiter. Mit mehreren Objektiven in der Tasche ist man zwar theoretisch auf alles vorbereitet, aber praktisch bedeutet dies den Verzicht auf die Leichtigkeit des Seins, die sich bei der Beschränkung auf eine einzige Brennweite einstellt. Mehrere Objektive zur Auswahl können dazu führen, dass sich ein ähnlicher Effekt wie beim Zoom zeigt. Es wird solange über die Wahl der passenden Brennweite nachgedacht oder rumprobiert, bis das Motiv, schwups, verschwunden ist. Auch auf diese Weise können Bilder verloren gehen. Die Beschränkung auf ein einziges Objektiv bedeutet Reduktion von Variabilität, ganz klar. Der Vorteil: Kein Nachdenken über die richtige Brennweite, sondern volle Konzentration auf die Bildgestaltung.

Für New York galt eine weitere Überlegung. Es gibt, wie in nahezu allen Städten der Welt, Gegenden, in denen man aus eigenem Interesse ein wenig zurückhaltend fotografieren sollte. Wer in Teilen der Bronx mit einer dicken Spiegelreflex und vielleicht einem beeindruckendem Objektiv unterwegs ist, mag jedenfalls schneller unangenehme Blicke auf sich ziehen als bei Nutzung einer dezenteren Ausrüstungsvariante. Aber, wie gesagt, das gilt eigentlich fast überall. Meine persönliche Wahl für das Fotografieren in Städten ist deshalb inzwischen meistens die Olympus Pen-F mit dem 25 mm 1,8. Nicht mit dem hervorragenden 25 mm 1,2, weil das leider schon wieder viel zu groß geraten ist, sondern mit der etwas lichtschwächeren, dafür deutlich kleineren Variante. Die geht zusammen mit der Pen-F in einen kleinen Beutel und man fühlt sich wohl. Keep ist simple, gerade bei der Straßen- und Stadtfotografie bietet das eine Menge Vorteile.

Das alles soll nun aber kein Plädoyer für eine grundsätzlich puristische Einstellung sein. Andere Zwecke, andere Technik, Hauptsache wir sind in der Lage, mit dem eingesetzten Equipment die gesteckten Aufgaben zu lösen. Da gilt es anzusetzen. Was und wie wollen wir eigentlich fotografieren? Über diese so einfach klingende Frage ein wenig nachzudenken, bevor man sich mit der Kamera auf den Weg macht, lohnt sich. Will ich in einer Menschenmenge atmosphärisch dichte Bilder aufnehmen? Oder besteht das Ziel darin, grafisch orientierte Strukturen zu fotografieren? Manchmal ist die Pen-F mit dem 25er Normalobjektiv, mitunter auch mit dem 12er, 17er oder mit dem 45er die richtige Wahl. Wiederum andere Aufgabe verlangen nach der OM-D E-M1 oder einem gänzlich anderen Kamerasystem.

Die Entscheidung für das Normalobjektiv habe ich in New York keine Minute bereut. Dies muss nicht bedeuten, dass ich beim nächsten Mal die gleiche Wahl treffe. Es ist auch eine Frage der Vorlieben, die uns beim Fotografieren leiten. Feste Regeln, die uns zu irgendetwas zwingen, gibt es nicht. Und Vorlieben ändern sich. Aber ein wenig nachdenken über das, was wir mit der Kamera tun, können wir schon.

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