Die sieben Todsünden (9)

von Ulrich Metzmacher

Neid als zweite der sieben Todsünden scheint beteiligt, wenn man/frau danach trachtet, das als schmerzhaft empfundene Gefälle zwischen dem eigenen und dem fremden Haben zu schließen, indem das letztere herabgewertet, weggenommen oder vernichtet wird. Es kann sich dabei sowohl um materielle wie nichtmaterielle Dinge handeln. Neben dem giftigen Neid in Form von Missgunst gibt es einen konsumatorischen Neid, der Begehrtes auf eine allgemein als erlaubt empfundene Weise erlangen will, um sozial wohlgefällig die Lücke zwischen Haben und Wollen zu schließen.

Invidia #2

Ein nicht unerheblicher Teil des Warenkonsums ergibt sich aus dem treibenden Wunsch, bestimmte Dinge besitzen zu wollen. Magazine und Werbung verstärken dies. Schließlich lockt die Shopping-Mall und der Wunsch wird, sofern die dazu notwendigen Mittel vorhanden sind, erfüllt. Die diesem Prozess zugrunde liegende Form des Neids, der zum Bedürfnis wurde, wird im Allgemeinen nicht als verwerflich empfunden, sondern gilt als sozial akzeptiert und ist konstitutiv für wachstumsorientierte Warengesellschaften. Neid als Triebmotor für die Generierung von Konsumbedürfnissen stellt trotz seiner sprachlich häufig negativen Konnotation eine Ressource dar, ohne die eine kapitalistische Wirtschaft nicht funktionieren würde.

Hingegen bedarf die ethische und moralische Diskreditierung des auf den ersten Blick giftig wirkenden Neids in Form der Missgunst einer genaueren Betrachtung. Dessen Verunglimpfung als Ausdruck von Egoismus wird schließlich nicht selten gerade von denjenigen ins Feld geführt, die sich im Lager der materiell Bevorteilten befinden und aus dieser Position heraus Umverteilungsforderungen Benachteiligter zurückweisen. So ist die Verballhornung einer Erhöhung der Einkommensteuerspitzen als Neidsteuer nichts anderes als Ausdruck einer solchen Abwehrhaltung. Auf politischer und kollektiver Ebene ist es deshalb sinnvoll, diesbezügliche Debatten unter Einbeziehung der Gerechtigkeitsfrage zu führen und Neid in der Form des politischen Kampfbegriffs als untauglich für die Analyse sozialer Konfliktpotentiale zurückzuweisen. Wieviel, im Kern ökonomische, Ungleichheit sich eine Gesellschaft erlauben will, ist prinzipiell eine zulässige Frage des politischen Diskurses. Die Infragestellung extremer Einkommensspreizungen ist aus diesem Grund ein legitimer Bestandteil der Gerechtigkeitsfrage und hat nicht zwingend etwas mit dem alltagspraktisch unscharfen Neidbegriff zu tun.

Auf der Ebene individueller Handlungsmotivationen mögen sich die Dinge ein wenig anders darstellen. Schadenfreude, Verrat oder üble Nachrede als Ausdruck giftigen Neids gelten als Verhaltensmerkmale ohne Akzeptanz. Hier liegen die Dinge relativ klar. Im nichtmateriellen Bereich wird es dann schon wieder schwieriger, denn der Neid auf die Leistungen oder Fähigkeiten anderer kann durchaus einer konstruktiven Grundstimmung entsprechen, die nicht das Ziel einer Schädigung hat, sondern, ganz im Gegenteil, dazu anspornt, selbst, etwa durch Training und Lernen, das begehrte Ziel zu erreichen.

Insgesamt stellt sich Neid, nicht zuletzt aufgrund seiner sprachlichen Unschärfe, als eine der komplexesten Kategorien in der Reihe der sieben Todsünden dar. Zumindest erfordert die auf den ersten Blick negative Konnotation des Begriffs eine genaue Betrachtung des Kontextes seiner Verwendung. Und wer nicht mehr träumen kann, wer keine Kraft mehr aufbringt, Gerechtigkeit einzufordern, wen auch überhaupt kein neidvoller Stachel mehr plagt, dem ist viel von seiner Lebensenergie verloren gegangen oder genommen worden.

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