Die sieben Todsünden (8)

von Ulrich Metzmacher

Hochmut als erste der sieben Todsünden ist beteiligt, wenn man/frau die eigene Sichtweise auf die Dinge dieser Welt als einzig zulässige auch von den anderen erwartet. Die Emanzipation von Mythen und starren Weltbildern seit Renaissance und Aufklärung schlägt um in Anmaßung oder gar Totalitarismus, wenn die gewonnene Freiheit exklusiv für das eigene Denken beansprucht, für die Übrigen jedoch durch den Zwang zur Übernahme der gleichen Weltsicht eingeschränkt wird.

Superbia #2

Kulturelle Diversität in ihren verschiedenen Erscheinungen alltagspraktisch zu respektieren, ist eine der größten Herausforderungen zur Vermeidung hochmütiger Arroganz. Dies bedeutet nicht schrankenlose Liberalität. Und es bedeutet schon gar nicht grenzenlose Handlungsfreiheit. Jede Gesellschaft ist zur Sicherung des Gemeinwesens und der Kommunikationsfähigkeit auf ein Netz von Gesetzen, Konventionen und Sitten angewiesen. Auch bei der jeweiligen Sprache handelt es sich um eine solche Vereinbarung. Der durch sie zur Verfügung gestellte Rahmen markiert darüber hinaus die Grenzen der benennbaren Welt. Wer meint, sich radikal den sozialen Regeln der Gesellschaft entziehen zu können, vergisst, dass er/sie seine/ihre Sprache und damit auch seine/ihre Denkformen nicht selbst erfunden hat, sondern diese auf der Kultur der Vorfahren aufbauen. Eine solche Erkenntnis mag hier und dort Schmerzen verursachen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass sich niemand wie in einem Reagenzglas autonom aus sich selbst heraus entwickelt hat.

Je nach Modernitätsgrad der Gesellschaft sind subkulturelle Abweichungen innerhalb des rechtlich verbindlichen Grundrahmens statthaft. Je traditioneller eine Gesellschaft, umso enger jedoch diese Freiheitsgrade und umso ausgeprägter mythisch abgeleitete Wahrheiten, die vor jeglicher Reflexion, die zu Infragestellungen führen könnte, abgeschirmt werden.

Hochmütiges Denken setzt in modernen Gesellschaften dann ein, wenn Differenzierungen nicht mehr gelingen oder kein Gehör finden. Wenn nicht nur der rechtliche Rahmen, sondern auch die Normen der Alltagskultur als für alle verbindlich erklärt werden und in der Folge Regelverletzer mit spontanem, oder auch organisiertem, Zorn zu rechnen haben, werden kollektive Regressionen wahrscheinlich, bei der die mühsam erarbeitete Liberalität der Kultur zusammenbricht und frühere Zustände wiederbelebt werden. Diese waren einstmals vom unreflektierten Glauben an die Wirksamkeit heilsbringender magischer Mythen als archaische Form der Welterschließung geprägt und kehren nun wieder. Die fremde Kultur wird, wenn so die alten Muster neu auferstehen, nicht mehr als ein Anderssein mit prinzipiell gleichem Existenzrecht wahrgenommen. Stattdessen werden wertende Abgrenzungen produziert, und die eigene Kultur wird als überlegen gedeutet. Nationenübergreifende Regulierungen zur Entschärfung der so entstehenden Konfliktpotentiale werden konsequent abgelehnt. Das Zivilisationsprojekt gerät in Gefahr.

Was zunächst wie individueller Hochmut erscheint oder als solcher begann, zeigt sich nun als Ausdruck kollektiver Engstirnigkeit, der es nicht mehr gelingt, neben der eigenen Identität parallel auch andere Identitäten gelten zu lassen. Stattdessen gewinnen Archaisches, Magisches und potentiell Gewaltsames an Boden. Hochmut gilt nicht ohne Grund als erste der sieben Todsünden.

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