Die sieben Todsünden (31) - Finale

von Ulrich Metzmacher

Das in den letzten Monaten vorgestellte fotosinn-Projekt, im Blog nachzulesen, findet nun seinen Abschluss und es ist Zeit für ein Résumé, denn am Anfang war nicht klar, wohin die Reise führen würde. Der Weg erinnert ein wenig an ein Labyrinth, in dem die Orientierung nicht immer leichtfällt. Aber das lag wohl auch an dem polarisierenden Thema. So haben eine Reihe der fotosinn-Beiträge kontroverse Diskussionen in verschiedenen Onlineforen ausgelöst und manche Leser haben sich offenbar durch den Titel Die sieben Todsünden mit seinem mittelalterlich anmutenden Beiklang sogar von einer weiteren Befassung abhalten lassen.

Superbia #7 (Hochmut)

Der ursprünglich mittelalterliche Kontext hat hier und dort, so scheint es, eine inhaltliche Reflexion der früher so genannten Todsünden aufgrund einer subkutanen inneren Abwehrhaltungen erschwert oder gar verhindert. Mit alten Kirchendogmen, mit Sünde und Teufel will man schließlich nichts mehr zu tun haben. Dabei übersieht man leicht, dass in Teilen der Gegenwartskultur Rudimente genau dieser Normen weiterhin eine Rolle spielen, häufig zwar in anderer Erscheinungsform als in früheren Zeiten, aber durchaus wirkungsvoll. Dass es dabei mitunter zu einer Umkehrung alter Verbote in ihr Gegenteil kommt, macht die Sache nicht leichter. So bilden Habsucht, Neid oder Maßlosigkeit im Rahmen der Gegenwartsmoral nicht einfach nur negativ konnotierte Verhaltensattribute, sondern sie sind gleichzeitig auch wesentliche Triebkräfte der umsatzorientierten Warenwirtschft. Das kapitalistische Prinzip ist ohne das massenhafte Habenwollen begehrter Konsumprodukte nun einmal kaum vorstellbar.

Invidia #7 (Neid)

Nahezu alle der sieben Todsünden, wir bleiben jetzt trotz der damit verbundenen Schwierigkeiten bei dieser Bezeichnung, weisen einen ambivalenten Doppelcharakter auf. Einerseits werden sie häufig verurteilt oder als unangenehme Charaktereigenschaften anderer betrachtet, andererseits jedoch, mitunter zwar nur heimlich oder verschämt, werden sie durchaus geschätzt. Alles Verbotene reizt schließlich in besonderer Weise. Wer sich etwa hochmütig verhält, erhält schnell das Label eines Angebers aufgedrückt. Gleichzeitig werden mediale Superstars gerade aufgrund ihrer arroganten, coolen Frechheiten und ihrer grenzenlosen Egozentrik geschätzt. Sie bieten sich als Projektionsfläche für eigene, meist unerfüllt bleibende Omnipotenzphantasien ja auch hervorragend an.

Ira #7 (Zorn)

Ähnliches gilt für Neid und Geiz, verstanden als Synonym für Habsucht. Der Vergleich mit den Konkurrenten im Attraktivitätswettbewerb und das Übertrumpfenwollen sind zentrale Motive einer kollektiven Konsumhysterie. Man will das haben, was auch der Nachbar besitzt oder die Werbung als ein unbedingtes Muss suggeriert. Schwieriger wird es beim Zorn. Selbstbeherrschung als Ausdruck eigener Autarkie, die in sich selbst ruht und keine Störungen durch andere zulässt, ist die eine, geschätzte Seite. Zorn passt da nicht. Daneben gibt es jedoch auch die Idee eines gerechten und deshalb richtigen Zorns, der etwa auf Ungerechtigkeiten reagiert oder sich gegen Unterdrückung wehrt. Man darf deshalb, im richtigen Kontext, durchaus zornig sein. Auch mit der Trägheit ist es so eine Sache. Gemessen am calvinistischen Arbeitsethos gilt sie aufgrund der Nichtnutzung von Möglichkeiten als Verschwendung von Ressourcen. Andererseits ist es in der Gegenwartskultur schwierig geworden, zwischen sinnlicher Kontemplation und antriebsloser Faulheit zu unterscheiden. Ist man auf dem Sofa jetzt gerade weise oder träge? Darüber hinaus darf die notwendige Abgrenzung zu depressiven Krankheitsbildern nicht vernachlässigt werden. Wer gar nicht über die innere Freiheit verfügt, sich zwischen trägem und aktivem Verhalten zu entscheiden, dem können keine moralischen Vorhaltungen gemacht werden.

Acedia #7 (Trägheit)

Auch die Völlerei ist eine komplexe, ambivalente Angelegenheit. Während das vorherrschende Schönheitsideal durch Schlankheit, Fitness und ewige Jugend geprägt ist, stopfen wir uns, kollektiv betrachtet, mit allen möglichen Dingen voll und verschlingen in den Wohlstandsgesellschaften unendliche Mengen an billigen oder, häufig mit ressourcenverschlingendem Aufwand hergestellten, teuren Produkten. Was für die einen die Chips auf dem Sofa, sind für andere die eingeflogenen Austern oder das Kobesteak handmassierter Edelrinder aus Japan. Die Grenze zwischen Genuss und Dekadenz ist fließend. Die Wollust als letzte der traditionellen Sünden macht es uns aus heutiger Sicht am schwierigsten. Kirchliche Dogmen spielen hier bis in die Gegenwart eine unrühmliche Rolle, und alles, was mit repressiver Sexualmoral zu tun hat, muss sich zu Recht eine kritische Würdigung gefallen lassen. Dass auf der anderen Seite in den letzten Jahrzehnten unter dem Vorzeichen einer vermeintlich freien Sexualmoral auch Dinge geschehen sind, die sich letztlich als Ausdruck asymmetrischer, vergewaltigender Beziehungsmuster darstellen, ist die andere Seite. Der Umgang mit der Wollust ist deshalb eine Gratwanderung, bei der sowohl die eigene Entfaltung wie der kommunikative Aspekt der Aushandlung des wechselseitig Erlaubten zu berücksichtigen wären.

Avaritia #7 (Geiz)

Alle diese Themen sind den vorangegangenen dreißig fotosinn-Beiträgen aus verschiedenen Perspektiven angerissen worden. Dass eine solche Herangehensweise bei der Komplexität der Thematik fragmentarisch bleiben musste, liegt auf der Hand. Dennoch zeigt sich am Ende ein Ergebnis mit heuristischem Wert. Nimmt man die Begrifflichkeiten des alten Konzeptes der sieben Todsünden und löst sie aus ihrem ursprünglichen religiösen Kontext, um dann nach ihrer potentiellen Bedeutung für eine zeitgemäße Sozialethik zu fragen, so eröffnen sich Diskursräume, die man interessiert weiterverfolgen mag oder, wenn man dies ablehnt, eben auch nicht. Hinter einigen der alten Sündenregister verbergen sich jedoch, wie ich meine, normative Vorstellungen, die auch im Rahmen einer emanzipativ ausgerichteten, modernen säkularen Ethik ihre Berechtigung haben können. Andere Lasterbeurteilungen müssten hingegen eine grundlegende Neuformulierung erfahren, um sie auch heute als sinnvoll für das Zusammenleben zu betrachten. Das pauschale, vorschnelle Abtun aller Todsünden als mittelalterliche Dogmatik wäre jedoch keine intellektuell besonders anspruchsvolle Haltung. Der Verdacht, dass auf diese Weise eine Auseinandersetzung mit eigenen Impulsen vermieden werden soll, liegt nahe. Dabei ist doch erkennbar, dass nur wenige von uns frei sind von Erscheinungen des Hochmuts, von Neid, Zorn, Trägheit, Geiz, Völlerei oder auch Impulsen asymmetrisch ausgerichteter Wollust.

Gula #7 (Völlerei)

Nun ein gänzlich anderer Aspekt des Projektes: Es ist kein Zufall, dass die Beiträge primär in einem Fotoblog veröffentlicht wurden. Von Beginn an hat mich die Frage beschäftigt, wie sich die Thematik fotografisch umsetzen oder zumindest begleiten lässt. Diese Herausforderung sollte sich am Ende als mindestens ebenso schwierig gestalten wie die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Sieben Todsünden selbst. Kurz, ich habe die Frage der fotografischen Umsetzung unterschätzt und bin hin und wieder ganze Tage mit der Kamera durch die Stadt gelaufen, ohne ein zu dem gerade anstehenden Beitrag passendes Motiv zu entdecken. Hier wäre im Rückblick mehr konzeptionelle Vorbereitung sinnvoll gewesen. Das Ergebnis kann deshalb nicht durchgängig befriedigen. Mal waren es ein paar zufällige Schnappschüsse, mal ein paar inszenierte Fotografien und dann wieder die gezielte Suche in Museen nach passendem Illustrationsmaterial. Das war kein wirklich konsistentes Herangehen, auch wenn es durchaus Phasen gab, die einer einheitlichen fotografischen Gestaltung folgten. Dieser letzte Beitrag will noch einmal einen solchen Versuch unternehmen. Ziel ist es, in einer Reihe von Portraits mit bewusst sparsam eingesetzten Mitteln deutlich zu machen, dass die sieben Themen der sogenannten Todsünden keine exotisch anmutenden Charaktereigenschaften oder seltene Verhaltensweisen abbilden, sondern im Kern zur potentiellen Lebenswirklichkeit eines jeden Menschen gehören. Mit einer Reaktivierung mittelalterlicher Sündenlisten hat diese These, meine ich, nichts zu tun. Der Dank geht im Übrigen an Vincent, mit dem zusammen diese letzte Sequenz entwickelt worden ist. Seine Erfahrungen als Schauspieler und die inhaltlichen Diskussionen mit ihm waren dabei hilfreich.

Luxuria #7 (Wollust)

Eine letzte Anmerkung zur fotografischen Umsetzung: Die in den Beiträgen gezeigten Aufnahmen sind mit Ausnahme dieser letzten Portraitsequenz mit analoger Kameratechnik entstanden. Überwiegend war dies die Leica M6, in einigen Fällen auch eine Nikon FE, stets mit Festbrennweiten. Analoges Fotografieren bedeutet Entschleunigung; kein Autofokus und bei der Leica M6 nicht einmal eine Belichtungsautomatik. Das hat disziplinierend gewirkt, kommt letztlich aber auch dem Fotografieren mit digitaler Technik zugute. Die analoge Bildgestaltung beansprucht nun einmal mehr Zeit, findet deshalb jedoch deutlich reflektierter statt als bei den digitalen Schnellschüssen. Umgekehrt führt die Arbeit mit modernen Digitalkameras zu Ergebnissen hinsichtlich Auflösung und Schärfe, die für jede analoge Arbeit eine Herausforderung darstellen. Kurz, die Qualitätsmaßstäbe beim analogen Fotografieren müssen sich messen lassen an den, technisch betrachtet, besseren digitalen Ergebnissen, die erst einmal die Nase vorne haben, jedenfalls im klassischen Kleinbildbereich. Und dennoch, die analoge Bildanmutung hat etwas, das den digitalen Ergebnissen mitunter ein wenig fehlt. Die nachträgliche Bearbeitung digitaler Dateien, um so einen analogen Look entstehen zu lassen, kann zwar höchst wirkungsvoll eingesetzt werden, aber es bleibt eben am Ende doch ein kleiner Unterschied. Meine persönliche Referenz in vielen Fällen deshalb: Leica M6 mit dem 50er Summicron bei offener Blende und als Film der altehrwürdige Kodak Tri-X, entwickelt in Rodinal, der in schöner Weise das Filmkorn als Stilmittel zur Geltung bringt. Wer stattdessen technisch cleane, detailauflösende und kornfreie Fotografien bevorzugt, sollte allerdings lieber zur digitalen Technik greifen. Für das Projekt Die sieben Todsünden erschien mir die analoge Kamera jedoch überwiegend sehr geeignet.

 

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