Die sieben Todsünden (30)

von Ulrich Metzmacher

Wollust, Pornografie, Sexualität – alle Versuche einer Abgrenzung erweisen sich als schwierig, da das jeweils Gemeinte mit seinen Konnotationen stets Ausdruck eines kulturgebundenen Verständnisses, also relativ ist. Häufig sind es lediglich Nuancen, die zu der einen oder anderen Klassifikation eines bestimmten Verhaltens führen. Insbesondere die Einreihung der Wollust unter die sieben Todsünden steht jedoch unter dem Verdacht, dass hier alles in einen Topf geworfen wird. Aber es sind zum Beispiel auch das Leben und die Schriften des Marquis de Sade, die klare Unterscheidungen erschweren.

Luxuria #6

Das Paris der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war Spielwiese einer der schillerndsten Gestalten aus der Welt der Lüste, und das mit Nachwirkung, denn der adlige Marquis de Sade sollte die medizinische Psychopathia sexualis und selbst die Psychoanalyse späterer Jahrzehnte beeinflussen und beeindrucken. Sadismus und Sadomasochismus als klassifizierende Schubladen für explizite Sexualpraktiken gehen direkt auf sein Repertoire zurück. Als Projektionsfläche für allerlei Phantasien und Ängste ist der Marquis deshalb bestens geeignet. Kein Wunder, dass er bis in die Gegenwart entweder als radikaler Aufklärer geschätzt wird, der, ähnlich wie Nietzsche, den von Menschen selbst geschaffenen Zwangscharakter jeglicher Moral konsequent demaskiert, oder den man als sexbesessenen Gewalttäter verurteilt.

Der Marquis de Sade trieb die zu seiner Zeit in adligen Kreisen durchaus lockeren Sitten so auf die Spitze des Anrüchigen, dass man die Dinge nicht mehr mit wegblickender Doppelmoral ignorieren konnte und sich stattdessen zum Handeln gezwungen sah. Ausschweifende Orgien, Misshandlungen und Vergewaltigungen brachten de Sade mehrfach ins Gefängnis, der Vollstreckung eines Todesurteils konnte er sich nur durch Flucht entziehen. Die Rückkehr nach Paris im Jahr 1777 führte zur erneuten Verhaftung, das Todesurteil wurde allerdings aufgehoben. Während der Festungshaft in der Bastille konzentrierten sich seine Interessen notgedrungen auf das Schriftstellerische. Die Jahre nach der Revolution 1789 bis zum Tod de Sades 1814 waren gekennzeichnet durch eine vorübergehende Entlassung, dann die erneute Verhaftung und schließlich die endgültige Einweisung in die Irrenanstalt Charenton.

Neben verschiedenen Bühnenstücken sowie philosophischen und literarischen Traktaten entstanden in der Gefängniszeit Die 120 Tage von Sodom. Das unvollendet gebliebene Romanfragment sollte allerdings erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt werden und später durch Pasolinis filmische Adaption in den siebziger Jahren eine gewisse Breitenwirkung erlangen. Die Orgien sexueller Praktiken aller Spielarten und die Gewaltexzesse gegenüber einer sklavenähnlich gehaltenen Gruppe junger Frauen und Männer vereinen unterschiedliche Triebphänomene in einer Weise, die von de Sade als elitäres Privileg Auserwählter betrachtet wurde. Wer die Macht besitzt, habe auch das unbedingte Recht auf eine Durchsetzung des eigenen Hedonismus. Lust und Schmerz galten ihm dabei als Partner, die sich wechselseitig anstacheln. Das nimmt auf der einen Seite Themen vorweg, die später von der Tiefenpsychologie als Hinweise auf die mitunter exotisch erscheinende Bandbreite menschlichen Sexualverhaltens aufgegriffen wurden. Andererseits jedoch müssen sie mit kritischem Blick als Erscheinung sexuell ausgedrückter, asymmetrischer Macht- und Herrschaftsverhältnisse gedeutet werden.

Der Marquis macht es einem nicht leicht. Oder vielleicht ja doch? Die Entmoralisierung des Sexuellen mag Aspekte aufklärerischen Denkens beinhalten. So werden Bisexualität und Homosexualität von de Sade kompromisslos als gleichberechtigt zur gesellschaftskonformen Heterosexualität betrachtet. Auch die Befreiung diverser, nicht unbedingt alltäglicher Sexualpraktiken aus den Schmuddelecken des Verruchten greift den Alleinvertretungsanspruch der konventionellen Mehrheitsmoral an. Schließlich ist es der Hinweis auf die Macht unbewusster Triebimpulse, durch die sich die Rationalitätsforderung der Aufklärung mit Phänomenen konfrontiert sah, die nicht kompatibel waren zum neuen Menschenbild und dessen letztlich unerfüllt bleibenden Erwartungen hinsichtlich einer umfassenden Kontrollierbarkeit der äußeren und inneren Natur. Der Mensch bleibt eben, auch, ein Tier.

Dies alles kann jedoch nicht ausreichen, um de Sade als einen modernen, vorurteilslosen Kritiker der unausgesprochenen Voraussetzungen der philosophischen Aufklärung zu loben, wozu neben anderen etwa Fromm, Adorno oder Horkheimer neigten. Dazu sind seine Sexualaktivitäten und Schriften zu sehr geprägt durch asymmetrische Gewalt-, Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Das hätten eigentlich auch die Kritischen Theoretiker sehen können, denn letztlich überschreitet de Sade jene Grenzlinie, hinter der bestimmte Erscheinungen des sexuellen Verhaltens recht eindeutig dem Bereich des Totalitären zuzuordnen sind. Man mag das heute vielleicht nicht mehr Todsünde nennen. Wenn jedoch die Praktiken des Wollüstigen, Pornografischen oder allgemein Sexuellen nicht auf der unbedingten Freiwilligkeit der Beteiligten, sondern auf Macht und auf Abhängigkeitsverhältnissen beruhen, kann es keine vernünftigen Gründe für deren Akzeptanz geben.

Die von de Sade beschriebenen Rollenmuster der Wollust, denen es an symmetrischer Freiwilligkeit mangelt, sind als Orientierungsatlas des Sexuellen aus heutiger, emanzipativ konditionierter Sicht ungeeignet. Mit Aufklärung haben sie jedenfalls nichts zu tun. Da ist uns Kants Kategorischer Imperativ am Ende doch sympathischer, da hier das Prinzip der Symmetrie der sozialen, also auch sexuellen Beziehungsmuster, eine wesentliche Orientierung darstellt. Dass diese Muster Sadistisches und Masochistisches einbeziehen können, ist nicht auszuschließen, aber es setzt eben stets das herrschaftsfrei ausgesprochene Einverständnis der Beteiligten voraus. Genau dies jedoch ist bei de Sade nicht der Fall.

Die oben im Ausschnitt abgebildete Skulptur befindet sich im Bode-Museum, Berlin.

 

Zurück